Prof. Dr. Johann Plank: Fracking-Technologie "wird sich sehr gut weiterentwickeln"

"Es gibt Öl im Überfluss"

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Prof. Dr. Johann Plank vom Lehrstuhl für Bauchemie an der TU München beleuchtete Möglichkeiten und Grenzen von Fracking.

Kempten – Dicht an dicht drängten sich die Interessierten in dem dafür fast zu kleinen Vorlesungssaal an der Kemptener Hochschule vergangenen DIenstagabend. Grund war der öffentliche Vortrag von Prof. Dr. Johann Plank vom Lehrstuhl für Bauchemie an der TU München zum Thema „Fracking – welche Chemie steckt darin?“.

Ein Thema, das zwar in aller Munde, vieles aber auch im Gespräch sei, das man aus wissenschaftlicher Sicht so nicht stehen lassen könne. Zum Beispiel sei „mittlerweile nachgewiesen“, dass der auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigte Film „Gasland“, bei dem brennendes Wasser, angeblich als Folge eines nahe gelegenen Fracking-Bohrlochs, zu sehen ist, „gefaked“ sei. Sein Bestreben: „die Fakten unbeeinflusst von der Politik darstellen“. Er stellte klar, dass es sich bei Fracking um kein neues Phänomen handelt, sondern es zum Abbau von Gas und Öl bereits seit über 60 Jahren angewendet werde; 1947 erstmals in Oklahoma durch die Firma Halliburton und seit 1961 auch in Deutschland, wo seither rund 360 Frackings in Niedersachsen durchgeführt worden seien. Insgesamt sprach er von „fast einer Million förderaktiver Bohrungen“ weltweit, über 60 Prozent davon in Nordamerika. Zunächst galt es zu unterscheiden: Konventionelle Lagerstätten, bei denen Öl und Gas in einigen tausend Metern Tiefe in den Poren von Sand- oder Kalkgestein sitzen, das „sehr hohe Permeabilität“ (hohe Durchlässigkeit für Gase und Flüssigkeiten) aufweist, so dass sie leicht herausgeholt werden können.

Zu den Unkonventionellen Lagerstätten zählt unter anderem Schiefer. Diese Lagerstätten seien zwar „schon lange bekannt“, hätten aber lange als „nicht förderbar“ gegolten. Die entscheidende Wende habe hier, so Plank, die „Horizontalbohrtechnik“ gebracht, durch die die Gewinnung von Öl und Gas aus Schiefer, der keine Permeabilität aufweise, wirtschaftlich geworden sei. Die erst mehrere tausend Meter tiefen, vertikal gesetzten und dann horizontal weitergeführten Bohrlöcher werden mit Stahlrohren ausgekleidet und einzementiert – laut Plank auch ein Schutz vor Verunreinigungen zum Beispiel des Grundwassers. Beim so genannten „Hydraulic Fracking“ werden große Mengen an „wasserbasierter Frac-Flüssigkeit“ – „pro Frac-Job 100 bis 1500 Kubikmeter“ – und große Mengen Sand mit sehr hohem Druck in das Lagerstättengestein gepresst, so dass 30 bis 100 Meter lange und zwischen 0,5 und zwei Zentimeter breite Risse als Zuflusskanäle entstehen, durch die später Gas oder Öl zum Bohrloch fließen sollen. Die Sandkörner haben die Aufgabe, den Kanal offen zu halten, da die Risse bei nachlassendem Druck sonst zumachen würden. Kritisch werde der enorme Wasserverbrauch gesehen, räumte Plank ein, der sich bei einem in der Regel 20 Mal gefrackten Bohrloch auf durchschnittlich 20.000 Kubikmeter summiere. Salzwasser sei ungeeignet „wegen der Korrosion der Gestänge“. Beim Zurückfördern der Frac-Flüssigkeit gelangt auch das Öl oder Gas nach oben, wo dann deren eigentliche Förderung beginnt. Während das Abwasser früher einfach „in die Flüsse geleitet wurde“, werde es heute ausschließlich von Spezialfirmen entsorgt, was „sehr sehr überwacht wird“. Schließlich seien im Abwasser allerlei Stoffe, die mit hochkämen, wie Ölreste oder Schwermetalle in den Tonen.

Das Fracking-Fluid 

Circa 99,5 Prozent Wasser und Sand und lediglich 0,5 Prozent Chemikalien sind laut Plank die Zutaten der Frac-Flüssigkeit. Das chemische Gemisch bestehe aus dem Verdickungsmittel Guar Gum, wie es unter anderem auch in Softeis als Guarmehl verarbeitet werde, „um das Cremige zu erreichen“. Allerdings werde für das Fracking vernetztes Guar-Gel verwendet, ein „hochviskoses Gel“, um den „Stützsand zu suspendieren“. So „harmlos“ und „völlig ungiftig“ wie Guar seien „Vernetzer“ nicht. Zumindest „von den Bor-Verbindungen sollte man Abstand nehmen“, wies er darauf hin, dass diese unter anderem 2010 in die Liste „besonders besorgniserregender Stoffe“ aufgenommen worden seien. Alternativen seien Titanate sowie Zirkonate, das toxisch etwa so unbedenklich sei „wie Kochsalz“. Als „Breaker-Systeme“, um Guar abzubauen, kämen Enzyme und Peroxoverbindungen zum Einsatz; als Quellinhibrierer für Ton (Schiefer) nannte Plank Cholinchlorid, „das man aus Hühnerei gewinnt“ sowie in manchen Staaten das in Bayern verbotene Kaliumchlorid; des Weiteren Polyacrylat zur Verhinderung von Kalkablagerungen, Biozid in „sehr niedriger Konzentration“, um einen bakteriellen Abbau zu verhindern und schließlich Sand sowie Harzpartikel als Stützmittel. Eine Möglichkeit, den Wasserverbrauch beim Fracking zu reduzieren, sah Plank vor allem in einer Guar-freien Flüssigkeit oder einem mit einer Polymerhülle ummantelten Stützmittel.

Geopolitische Bedeutung 

Zwar sei ein Preisanstieg für Rohöl immer damit gerechtfertigt worden, dass die Ölreserven angeblich weniger würden. Aber „auch wenn wir die nächsten 100 Jahre ohne Erneuerbare Energien weitermachen wie bisher, hätten wir keine Not an Gas oder Öl“, sprach Plank von „gewaltigen Vorkommen“, unter anderem auch in Polen oder der Ost-Ukraine, in Australien, Brasilien und auch in Serbien werde mit Öl „nennenswert gefrackt“. „Die Realität heute ist, es gibt Öl im Überfluss“, so der Fachmann. Da die USA immer mehr selbst fördern würden, seien sie „vom Nahen Osten unabhängig“, was er für „politisch wichtig“ erachtete. Auch sei dort dadurch der Gaspreis deutlich niedriger als bei uns, was der Industrie einen regelrechten Aufschwung beschere und auch die CO2-Emissionen seien gesunken. Weniger erfreut sei dagegen Saudi Arabien, welches das Fracking-Öl gerne abschaffen würde, „weil es für sie eine Bedrohung ist“. So hätten sie durch enorme Fördermengen den „Öl-Preis in den Boden gefahren“ und den USA damit sehr geschadet. Das heute nur noch mit 20prozentiger Leistung betriebene Fracking nach Öl hätten sie damit „ziemlich erfolgreich unterbunden“. Bei 60 Dollar pro Barrel „werden sie aber wohl wieder anfangen“, prognostizierte Plank. Zwar seien die Saudis unsere Partner, aber Saudi Arabien sei eben auch „ein Hauptfinanzierer für den Islamismus“, den wir mitfinanzieren würden, „wenn wir ihnen das Öl abkaufen“.

Grundsätzlich sah Plank auch in Deutschland „Potential“ zwischen Münster und Hildesheim, das man aber „erstmal erkunden muss“, da nicht jeder Schiefer geeignet sei und dann gebe es in Deutschland ja auch das Fracking-Verbot. Nichts destotrotz war er sich absolut sicher, dass sich die „Fracking-Technologie sehr gut weiterentwickeln wird“.

Christine Tröger

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