Tiefgehender Vortrag über die "Situation der Christen im Syrischen Bürgerkrieg"

Sterben oder Gehen

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Der Theologe Michael Martin ist ein Kenner der religiösen Etnien im Nahen Osten. Zur Situation der christlichen Minderheit vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkrieges hielt er auf Einladung der Diakonie Kempten einen tiefgehenden Vortrag.

Kempten – Im Rahmen ihres „Forum Lichtblick“ hatte die Diakonie Kempten am vergangenen Mittwoch Abend zur Veranstaltung „Situation der Christen im Syrischen Bürgerkrieg“ geladen. Vor rund 60 Gästen sprach der studierte Theologe Michael Martin, ehemaliger Pfarrer und Dekan von Aschaffenburg, über die Situation der Christen in den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak.

In diesen beiden Staaten liegen die ersten Siedlungsgebiete der frühen Christenheit. Ausgehend vom damaligen bedeutenden syrischen Ort Antiochia, in der der Apostel Paulus mit Petrus und Barnabas die erste christliche Gemeinde gründete, breitete sich in den folgenden Jahrhunderten das Christentum auch nach Osten in Richtung des heutigen Irak aus. Unter anderem in Städten wie Damaskus in Syrien, Beirut im Libanon und Bagdad im Irak bildeten sich wichtige christliche Kirchenzentren aus. Erst nach der ersten Jahrtausendwende, bedingt durch die Kirchenteilung in eine römisch-katholische und griechisch-byzantinische dominierte Hälfte und dem Abzug der letzten Kreuzfahrer aus Judäa und der Levante, schwächte sich das Ausbreiten des Christentums ab. Ab dem 7. Jahrhundert wurden die Gebiete des damaligen Syriens und des Irak sukzessive islamisiert. Der Islam lebte zur damaligen Zeit mit anderen Glaubensgemeinschaft friedlich zusammen und war in den Wissenschaften weit überlegen.

Die wichtigste Zäsur sowohl für die Christen als auch die Muslime war die willkürliche Teilung des untergegangen Osmanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg. Im Beduinenzelt und in Kolonialherrenmanier wurden von Briten und Franzosen mit dem Lineal neue Grenzen gezogen. Dies bedeutete, dass getrennt wurde, was zusammengehörte, wie die weit verstreuten christlichen Gemeinden, als auch das zusammengefasst wurde, was nicht zusammengehörte wie muslimische Sunniten und Schiiten. Der Grundstein zu vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und Unterdrückung von Minderheiten, die heute quasi zur Explosion kommen, wurde gelegt.

Situation der Christen in Syrien und im Irak Im zweiten Teil seiner Ausführungen berichtete Martin, der die Region immer wieder als offizieller Kirchenvertreter wie privat bereiste und über exzellente Kontakte verfügt, über die aktuelle Situation der Christen in Syrien und im Irak. Die Minderheit der Christen, die in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts rund 30 Prozent der Bevölkerung stellten, sind in beiden Ländern auf rund fünf Prozent marginalisiert worden. „Waren Christen unter der Herrschaft der sunnitisch dominierten Baath-Partei in beiden Ländern nicht nur protegiert, sondern bekleideten Positionen in Verwaltung und Militär, so sind sie heute Opfer von Verfolgung und Vertreibung“, schilderte Martin. Die Ursache hierin sieht der Theologe im Versagen der Amerikaner nach dem zweiten Irak-Krieg. Nach dem Sturz der herrschenden rein sunnitischen Baath-Partei wurden deren Mitglieder nun völlig an der Regierungsbildung im Irak ausgeschlossen. Somit wurden diese Opfer der Willkürherrschaft der nun herrschenden schiitischen Klasse.

Das heutige Ausbreitungsgebiet der Sunniten liegt im ursprünglichen christlich antiken Zweistromland. „Dort, zwischen Falludscha im Süden, Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen ersten ISIS-Verbänden und der US-Armee, und dem Sindschar-Gebirge, Siedlungsgebiet der Jesiden im Norden, breitete sich in den letzem Jahr mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der Golf-Emirate die ISIS, der Islamische Staat, in Syrien und Irak, aus“, erklärt der evangelische Theologe. Das Bürgerkriegschaos im Nachbarland Syrien ausnutzend, drangen die IS-Kämpfer, denen im Juni 2014 modernste amerikanische Waffen bei der Besetzung Mossuls in die Hände fielen, im westlichen Nachbarstaat Syrien ein.

Im abschließenden Teil seines Vortrages kam Michael Martin dann konkret auf die syrischen Flüchtlinge in und um Syrien zu sprechen. Nach drei Jahren Krieg im bevölkerungsreicheren Westteil Syriens mit den Städten Aleppo und Homs, flohen bereits Millionen vor Häuserkämpfen, Artillerie-Beschuss und den berüchtigten Fassbomben, die zum Teil auf Schulhöfen abgeworfen wurden. Spätestens als Ende 2014 ISIS-Verbände im östlichen Syrien einmarschierten und Assads Truppen bedrängten, eskalierte die Situation völlig. Neben der freien syrischen Armee, den Truppen Assads, der Hisbollah (Unterstützter Assads), Al Nusra (eine Unterorganisation von Al-Qaida), den Kurdenmilizen und den einrückenden ISIS-Verbänden, bombardieren die USA, Frankreich und Russland Stellungen unterschiedlicher Kriegsparteien. Zudem agieren Spezialeinheiten dieser Länder am Boden. Jetzt sahen die Menschen ihr einziges Heil in der Flucht. „Die Flüchtlingszahl in Syrien selbst beträgt sieben Millionen Menschen“, sagte der Referent und erzählte dann von seinen Besuchen in den außerhalb Syriens gelegenen Flüchtlingscamps, die in der Regel vom UNHCR betrieben werden. „Es ist eine Schande…“, erregte sich Martin, „…im vergangenen Jahr wurden die finanziellen Mittel für diese Lager seitens der UNO um die Hälfte gekürzt. Heute herrscht dort der blanke Hunger und das lässt die Leute gehen“, wusste der innerlich aufgewühlte Christ zu berichten. Insgesamt sind in den militärisch streng geführten Flüchtlingscamps in der Türkei, dem Libanon, dem Irak und Jordanien vier Millionen Menschen untergebracht.

Auch auf die Flüchtlinge nach Deutschland kam er zu sprechen und fragte ins Publikum: „Wie viele Menschen ziehen jährlich in den Freistaat?“ Martin gab die Antwort selbst: „350.000. Und wieviele Flüchtlinge muss Bayern nach dem Königssteiner Schlüssel aufnehmen? 160.000.“

Michael Martin, das wird am Abend deutlich, ist jemand der glaubt: „Wir schaffen das.“ Innenpolitisch hält er es mit der Kanzlerin und stellte dem Publikum die Frage: „Wenn nicht wir, wer dann?“ Außenpolitisch möchte er ein UN-Mandat für Syrien erreichen und befürwortet die Friedenskonferenz in Wien. Insbesondere die regionalen Mächte, wie die Türkei, die das Öl der ISIS kauft und die Kurden im Irak und Syrien als ihren Hauptfeind betrachtet sowie das wahhabitisch-sunnitisch geprägte Saudi Arabien, das bis dato nicht einen einzigen Flüchtling aufnahm, als auch das persisch schiitische Mullah-Regime im Iran sieht er als Schlüsselakteure im Konflikt.

Am Ende erhielt der Theologe für seinen kenntnisreichen Vortrag, der sich unter anderem aus unzähligen Begegnungen vor Ort speiste, viel Applaus vom Publikum. Das hatte zuvor bei seinem Einwurf „Wir schaffen das“, nur zur Hälfte geklatscht.

Jörg Spielberg

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