Geschichte im Doppelpack bei Vortragsabend im Altstadthaus

Von Bieren und Burgen

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Prof. Dr. Wolfgang Wüst von der Friedrich-Alexander Universität aus Erlangen erläuterte beispielhaft am gebrauten Gerstensaft das Konsumverhalten Kemptener Bürger vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit.

Kempten – Es gab Geschichte gleich im Doppelpack. Am vergangenen Donnerstag Abend luden sowohl der Allgäuer Burgenverein e.V. als auch der Heimatverein Kempten e.V. zu einem Vortragsabend ins Altstadthaus ein. Zum einen war Professor Dr. Wolfgang Wüst von der Friedrich- Alexander Universität aus Erlangen eingeladen, um über „Konsum in Reichsstädten – Kleider, Luxus, Hoffart und sonntägliche Trinkgelage“ zu referieren. Zum anderen war der gebürtige Kemptener Franz Kiechle M.A. geladen, um die rund 50 Zuhörer im Saale über den Stand seiner Forschungen zum bekannten Hohenthanner Altar zu informieren. Dieser steht für gewöhnlich in der katholischen Pfarrkirche Christi Himmelfahrt, wird aber derzeit restauriert.

Begrüßt wurden die Zuhörer von Ingrid Müller, der 2. Vorsitzenden des Kemptener Heimatvereins e.V., und Roger Mayrock, 1. Vorsitzender des Allgäuer Burgenvereins e.V.. Sodann ergriff Prof. Dr. Wolfgang Wüst das Wort, der an der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen einen Lehrstuhl für Bayerische und Fränkische Geschichte innehat. Sprechen wollte dieser über das grundsätzliche Konsumverhalten der Bürger Kemptens ausgehend vom späten Mittelalter. In den Fokus seiner Betrachtungen rückte dabei das Verhältnis der Kemptener Bürger zum Bierkonsum. Es war also auch eine kleine Geschichte zur Entstehung des Bieres, seiner Distribution und seines Konsums geboten. War neben dem Spielen, Tanzen, Kartenspielen und dem Verkauf von Gütern an Sonntagen durch einen „Policey“-Erlass ein Riegel vorgeschoben, so galt dies gleichermaßen für das Ausschenken und den Verzehr des als täglich Brot bezeichneten Bieres. Heuer jährt sich das Bayerische Reinheitsgebot zum 500sten Male und wie der promovierte Historiker aus unzähligen Quellen zu berichten wusste, war der Genuss des Gerstensaftes von der herrschenden Obrigkeit immer auch mit Argwohn betrachtet worden. Zu häufig kam es nach Zechgelagen zu Schimpfkanonaden, Verbalinjurien oder gar Raufereien. Die Sicherheit der Bürger in Städten, die einen hohen Alkoholausschank hatten, war allerdings besser gewährleistet. Dafür sorgte eine Steuer auf Bier und andere alkoholische Getränke, die zum steten Ausbau der Stadtmauer genutzt wurde.

Wüst erzählte vom Entstehen der Brauereien im späten Mittelalter und der Neuzeit. Geprägt war die Braulandschaft lange von vielen kleinen Brauereien. Bauern und Handwerker hielten sich als Nebenerwerb eine kleine Brauerei, in der sie für den Eigenbedarf und Nachbarn brauten. Ein Problem stellte zu dieser Zeit noch die kühle Lagerung des Gerstensaftes dar. Nicht jeder kleine Brauer verfügte über einen nah gelegenen, kühlenden Felsenkeller. Zudem war es nicht möglich das gebraute Gold in die Ferne zu transportieren, weil hierfür die geeignete Infrastruktur fehlte. Das änderte sich schlagartig mit der Erfindung der ersten Kältemaschine um das Jahr 1873 durch den gebürtigen Kemptener Carl von Linde. Fortan war es möglich Bier bei gleichbleibenden Temperaturen zu gären und zu lagern. Schnell interessierten sich große Brauereien für seine Innovationen und es kam zu einer Marktbereinigung, bei der die kleinen Brauereien, die Reichsstadt hatte im Spätmittelalter geschätzte 40 hiervon, ins Hintertreffen gerieten und verschwanden. Der Ausbau der Eisenbahn unterstütze das Größerwerden einzelner mächtiger Brauereien, die nun ihre Biere weit ins Land transportieren konnten. Abschließend erläuterte Prof. Dr. Wüst, dass es gerade im Bereich der empirischen Konsumforschung außerhalb angelsächsicher Nationen noch einen gewaltigen Nachholbedarf gibt. In den kontinental- europäischen Nationen ist die Konsumforschung weniger in den Geschichtswissenschaften als in der Soziologie und den Medienwirtschaften beheimatet. Sein Vortrag zu „Taverne und Bier“ betrachtet der promovierte Historiker daher als „einen Ansatz, dem Desiderat einer konkreten regionalen Konsumbeschreibung Rechnung zu tragen“.

Der Hohenthanner Altar 

Hernach begab sich Franz Kiechle M.A. an das Mikrofon und begann mit seinen Ausführungen zur Ausgestaltung und Provenienz des „Hohenthanner Altars“. Eines Werkes aus der Spätgotik, das für gewöhnlich im asymmetrischen und puristischen Sakralbau der katholischen Pfarrkirche Christi Himmelfahrt im Freudenberg betrachtet und bestaunt werden kann, sich allerdings derzeit in einer Restaurationswerkstatt in Benediktbeuren befindet. Kiechle erläuterte den Zuhörern den Aufbau des Werkes, wobei er die in den Kassetten abgebildeten Figuren der Predella, der Flügel, des Schreins und des Gesprenges beschrieb und deren Attribute erklärte.

Zudem äußerte sich Kiechle über die Herkunft des Altars und ob dieser wirklich ein Werk aus der Werkstatt des Memminger Malers Ivo Striegel für die Burg Hohenthann war.

Jörg Spielberg

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