"Weg von der Angsthaltung"

Andreas Wunnenberg und Stefanie Mendoni von der Theatergruppe Isar 148 begeisterten mit ihren improvisierten Szenen die Zuschauer. Foto: Kampfrath

In den Weiten des Internet kann sich der Nutzer leicht verlieren. Manch Jugendlicher ist süchtig nach der virtuellen Welt, in der er zehn bis 15 Stunden am Tag verbringt. Im Internet lauern weitere Gefahren. Die Präventionskampagne „Leben statt schweben“ beschäftigt sich 2011 mit dem Thema Medienkompetenz. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) eröffnete die Aktion am Montagabend vergangener Woche im evangelischen Gemeindehaus in der Reichsstraße.

Bisher schützte „Leben statt schweben“ Jugendliche vor dem Missbrauch von Alkohol. Nun richtet sich die Kampagne gegen die exzessive und sorglose Nutzung des Internets. Daran beteiligen sich der Stadtjugendring und das Amt für Jugendarbeit Kempten sowie der Fachdienst für Suchtfragen und Prävention des Landratsamts Oberallgäu. Neben der AOK und der Sparkasse stellt sich heuer die Hochschule Kempten als Kooperationspartner zur Verfügung. Das Motto lautet „F1 Online – Faszination und Fallen im Internet“. Regina Liebhaber, Jugendbeauftragte des Kemptener Stadtrats, hat die Schirmherrschaft inne. „Die neuen Medien sind längst in die Kinderzimmer eingezogen“, sagte Netzer. Gefahren seien unter anderem Lockangebote und das Ausspio- nieren persönlicher Daten. „Der Umgang mit dem Internet muss von klein auf gelernt sein“, meinte der OB. Er lobte die 2004 gestartete Präventionskampagne, die mehrere Tausend Jugendliche erreicht habe. Dann wurde der Abend unterhaltsam. Die Münchener Theatergruppe Isar148 führte das Stück „Kick Off“ auf, das aus acht improvisierten Szenen besteht. Anfangs sitzt eine Familie beim Abendbrot am Küchentisch. Der Vater fragt die Tochter über die Schule aus. Ob „World of Warcraft“ Prüfungsstoff sei, will er von ihr wissen. Die Tochter erklärt, dass sie unbedingt Stufe 80 dieses Online-Rollenspiels erreichen müsse. Deshalb könne sie ihre Eltern nicht am Wochenende auf der Bergwanderung begleiten. Ihr Vater versucht, sie zu überreden. Die fanatische Computerspielerin redet sich deswegen so in Rage, dass sie am Ende mit rotem Kopf auf dem Küchenstuhl steht. Die Darsteller fragten das Publikum nach einer typischen Situation für Jugendliche. „Saufen an der Bushaltestelle“, antwortete Guido Seltmann vom Jugendamt des Landkreises Oberallgäu. Eine andere Szene zeigt eine Elternsprechstunde. Die Lehrerin Frau Schneider weiß bereits fast alles über ihren Schüler Dominik. Sie hat im Internet über ihn recherchiert und dabei peinliche Bilder von ihm gefunden. Das Publikum belohnte die Schauspieler Roland Trescher, Stefanie Mendoni, Tina Schmiedel und Andreas Wunnenberg mit Lachern und viel Applaus. Die anschließende Podiumsdiskussion moderierte Albert Müller, Leiter der Kriminalpolizei Kempten. Alexander Haag, Geschäftsführer des Stadtjugendrings Kempten, nannte das Web 2.0 ein Erziehungsparadoxum. So wüssten Jugendliche oft mehr über das weltweite Netz als Erwachsene. „Web 2.0 ist ein Kunstbegriff für das interaktive Internet“, erklärte Haag. Jugendliche seien die Gruppe, die sich am schnellsten verändert. „Deswegen müssen sich Fachkräfte fit machen, was das Internet bedeutet.“ Vorbilder sein Doris Sippel wünscht sich, dass alle Eltern sich mehr für das Medienverhalten ihrer Kinder interessieren und ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. „Die Unaufmerksamkeit der Schüler hat durch das Internet zugenommen, da ihnen schneller langweilig wird“, erläuterte die Leiterin des Schulmedienzentrums Oberallgäu. Der PC könne die Qualität des Kontakts von Angesicht zu Angesicht für ein gesundes Wachstum nicht ersetzen. Diese These vertrat Jörn M. Scheuer- mann, Einrichtungsleiter des Suchtpräventionsprojekts „Inside Condrobs“. „Ein medienkompetenter junger Mensch weiß, wie er persönliche Daten zu schützen hat. Und er hat neben dem Internet andere Dinge, auf die er Lust hat.“ Laut Stefan Port sind auch der Freiheit Grenzen gesetzt. „Am Anfang sollten Eltern mit ihren Kindern ins Internet gehen. Später kann man sie auch allein chatten lassen“, sagte der Berater vom Kinderschutzverein Kibs. Da das Internet keine Grenzen setzte, müsse es einen Gegenpart in Form der Eltern geben. Hohe Rückfallquote „Die Dosis entscheidet über Wirkung und Schädlichkeit“, verdeutlichte Brigitte Fuhrmann, Psychologin und Verhaltenstherapeutin am Josefinum Kempten. Die Jugendlichen würden meist mit Polizeianordnung und ungepflegt auf die Krisenstationen gebracht. „Oft holen sie zu spät Hilfe. Die Rückfallquote ist extrem hoch.“ Das Anliegen der Medienpädagogik werde nur gelingen, wenn man sie als Querschnittsaufgabe definiere. So lautete die These von Triz Heider, Leiterin der virtuellen Beratungsstelle Kids-Hotline. „Solange wir in dieser Angsthaltung gegenüber dem Internet bleiben, wird sich nie etwas ändern.“ Es sei falsch, einen Graben zwischen Technikkompetenten und den anderen zu ziehen. „Medienabstinenz wird in der heuti- gen Gesellschaft gar nicht möglich sein“, sagte die Sozialpädagogin. Kinder, Eltern und Jugendliche sollten verstärkt im bewussten Umgang mit den neuen Medien sensibilisiert werden. Das fordert Thomas Baier-Regnery, Leiter des Amts für Jugendarbeit. Viele Computerspiele belohnten Gewalt, was die Jugendlichen nicht in die Normalität transferieren könnten. „Ich glaube, dass massiver Medienkonsum negative Auswirkungen auf das Hirn hat.“ Triz Heider widersprach dem vehement. „Es gibt keinen Nachweis, dass übermäßiger Medienkonsum neurologische Veränderungen mit sich zieht.“ Stefan Port merkte dazu je- doch an: „Die Kinder sind durch die permanente Bilderflut im Internet verdorben. Sie können sich nicht in Ruhe mit mir ein Buch anschauen.“ Brigitte Fuhrmann sieht ebenfalls eine Gefahr: „Der Schreib- und Leseerwerb von Kindern ist eingeschränkt, wenn sie im Vorschulalter viel fernsehen.“ Laut Doris Sippel werde die Lernleistung der Schüler überlappt, wenn etwas Emotionales im Hintergrund läuft. „Wir gleiten in Diskussionen immer ab in die Suchtstruktur und das krankhafte Milieu. Das betrifft aber nicht die Mehrheit“, kritisierte Triz Heider. Die Kampagne „Leben statt schweben“ wolle auch nicht dramatisieren, so Baier-Regnery. Für Alexander Haag sind ein realistisches Selbstbild und die Kommunikationsfähigkeit die wichtigsten Schutzfaktoren gegen die Internetsucht.

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