"Weibisch und geschmacklos"

Karin und Peter Bartels begutachten die ausliegenden Musikinstrumente. Darauf spielen wollten die beiden Hamburger jedoch nicht. Foto: Kampfrath

Ganz still ist es an diesem Vormittag in der St.-Mang-Kirche Kempten. Doch hin und wieder erschallen Töne. Mal klingen sie kläglich und schwach, mal strahlend und kräftig. Besucher der Ausstellung „Bläserklang im Gottes-Dienst“ versuchen sich an den ausliegenden Hörnern und Trompeten. Die Schau ist ein Streifzug durch 3000 Jahre geblasenes Gotteslob. Initiiert hat sie der Evangelische Posaunendienst in Deutschland.

„Heutzutage haben die lauten Schalmeien und Trompeten die anständigen Fiedeln von den Festen vertrieben. Und die jungen Mädchen tanzen zu dem Lärm um die Wette, wobei sie weibisch und geschmacklos, wie die Hirschkühe, mit dem Hinterteil wackeln.“ Mit diesen Worten beschwerte sich 1350 Konrad von Megenberg. Denn die ersten Bläserensembles waren besonders bei Hochzeiten sehr beliebt. Die so genannten Alta-Kapellen (vom lateinischen altus für laut) bestanden meist aus zwei Schalmeien und einer Basune, womit eine tiefe Trompete gemeint ist. Doch das ist nicht der Anfang der chronologisch geordneten Wanderausstellung, die 24 Schautafeln umfasst. Sie beginnt mit dem Schofar, der biblischen Posaune. Mit diesem Widderhorninstrument bliesen die Israeliten gegen die Mauern von Jericho an. Noch heute ertönt der Schofar an bestimmten jüdischen Feiertagen in den Synagogen. Ein Exemplar des koscher hergestellten Instruments können die Besucher in einem Schaukasten bestaunen. Mit der silbernen Chasosera, der biblischen Trompete, rief Mose einst das Volk zusammen. Nur Priester duften dieses Instrument spielen. Weder auf dem Schofar noch auf der Chasosera bringt der Bläser Melodien hervor, jedoch laute Signale. Der Rundgang führt weiter über die Zeit der Tempelgottesdienste und der Antike. Um 1200 lernten die Europäer bei den Kreuzzügen die Metalltrompeten der Sarazenen kennen. Über anderthalb Meter lang konnte solch ein Anafir sein. Der helle, klare Klang faszinierte die europäischen Ritter so sehr, dass sie das Instrument übernahmen. Um das Jahr 1400 revolutionierte das Rohrbiegen den Instrumentenbau. Man goss flüssiges Blei in die Metallrohre, so dass man sie ohne Knicke biegen konnte. Dann schmolz man das Blei wieder aus. Die Hersteller bogen die Röhren zu einem S, später krümmten sie sie in Klammerform. Am Hof von Burgund entwickelte man um 1450 eine neue Technik. Man setzte ein u-förmiges Stück in die untere Windung der Posaune ein. Durch Ziehen oder Schieben dieses Teils konnte man die Tonhöhe variieren. Somit war die Posaune chromatisch, also in Halbtonschritten spielbar. Bis heute hat sich an dieser Technik der Posaune kaum etwas geändert. Wechselhafte Geschichte Um 1500 begannen Bläser, fünfstimmige Vokalchöre zu unterstützen. Dabei spielten sie dieselben Noten wie die Sänger. In der Posaunenfamilie gab es jedoch keine Sopraninstrumente. Und die Zugtrompete war unhandlich und nicht voll chromatisch spielbar. Deshalb übernahmen Zinken den Sopranpart in den Bläserchören. Dabei handelte es sich um Holztrompeten mit Grifflöchern und Mundstück. In der Barockzeit von 1620 bis 1750 entwickelte sich die Trompete zum virtuosen Soloinstrument. Zu hören ist dies beispielsweise in der Arie „Großer Herr und starker König“ aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Die Trompetenpartien des Komponisten erreichten den 18. Naturton. Dennoch war die Trompete nur in hoher Lage chromatisch spielbar. Dies änderte sich mit der um 1775 entwickelten Klappentrompete, die ebenfalls in einem Schaukasten der Ausstellung ausliegt. Doch der entscheidende Durchbruch kam 1814 mit der Erfindung der Ventile durch die Instrumentenbauer Friedrich Blühmel und Heinrich Stölzel. Zwar entwickelten sie sie für Waldhörner, aber Friedrich Wieprecht und Etienne Périnet übertrugen die Technik auf die anderen Blechblasinstrumente. "Das war gut" Das Wort „Posaunenchor“ tauchte offiziell erstmals 1764 in Herrnhut, einem Ort in der Oberlausitz auf. Im Jahr 1920 gab es in Deutschland rund 1400 Posaunenchöre mit 16 000 Bläsern. 2006 zählte man etwa 105 000 Bläser in 6200 Posaunenchören. Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit dem 19. Jahrhundert, der Ära Eduard Kuhlo und der seines Sohnes Johannes, den Posaunenchören in der Weimarer Republik sowie im Dritten Reich. Hineinblasen dürfen die Besucher in Trompeten, Flügelhörner, ein Tenorhorn, Gartenschläuche mit Mundstück und ein Kuhhorn. Bei Letzterem haben selbst erfahrene Bläser Probleme, einen Ton herauszubringen. Angeblich kann man darauf ganze Melodien spielen. Die Besucher zeigen sich von der Ausstellung beeindruckt. „Obwohl ich die Posaune nicht blase und außerdem 86 Jahre alt bin, habe ich die Ausstellung gründlich betrachtet. Das schafft man nicht auf einmal, aber ich wohne in Kempten und komme öfters“, schrieb eine Frau ins Gästebuch. „Was ich gesehen habe, war gut“, sagt Karin Bartels aus Hamburg. „Es ist alles hochinteressant und schön gemacht“, pflichtet Peter Bartels seiner Ehefrau bei. Die kostenlose Ausstellung ist noch bis zum 24. August täglich in der St.-Mang-Kirche zu sehen.

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