Allgäuer Trialog

Tabuisierung ist nach wie vor ein Problem

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Sonja Huber-Rehm von „Kiwi“ hatte ein Kinderbuch mitgebracht. „Wir gehen altersgerecht auf die Kinder zu. Auch gibt es keinen Druck, sondern die Kinder erzählen nur das, was sie selbst bereit sind, preis zu geben.

Kempten – „Als Kind habe ich mich geschämt und kam mir zugleich verloren vor“, erzählt eine junge Erwachsene aus ihrer Kindheit. „Nie haben wir Freunde nach Hause mitgebracht.

Wir wussten ja nie, liegt die Mutter wieder teilnahmslos auf dem Sofa, ist der Frühstückstisch von in der Früh abgeräumt“, erinnert sich ein Mann an früher. Beide Besucher des Allgäuer Trialogs haben in ihrer Kindheit ähnliche Erfahrungen gemacht: sie hatten ein Elternteil, das psychisch erkrankt war.

Denn eine solche Erkrankung wirkt sich auf die gesamte Familie und das Umfeld aus. Früher gab es für Kinder erst Hilfen, wenn sie selbst aufgrund der für sie unerträglichen Situation und der für ihr Alter viel zu schweren Verantwortung krank wurden. Heutzutage gibt es präventiv Hilfen.

Wieder einmal hatte der Allgäuer Trialog mit „Wenn Eltern psychisch erkranken – wie geht es den Kindern?“ ein interessantes und aktuelles Thema aufgegriffen. Dazu Michael Binzer, Diplom-Psychologe im SPZ Kempten und Mitveranstalter vom Trialog: „Der Lindauer Gesprächskreis beschäftigte sich 2008 erstmals mit dieser Fragestellung. Seitdem hat mich das Thema nicht losgelassen. 2010 haben wir dann in der Diakonie KIWI – Kinder sind uns wichtig entwickelt.“ Das Ziel: die Entwicklung von Kindern in der Zeit einer schweren Erkrankung von Eltern zu unterstützen, bevor das Kind selber auffällig oder krank wird. Alice Rettensberger und Sonja Huber-Rehm von Kiwi informierten in einem Impulsreferat. „Unsere Arbeit basiert auf der Akzeptanz der Eltern. Sie ist niederschwellig und unbürokratisch.“

Nichts geändert

In der anschließenden Diskussion zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten stellte sich heraus, dass die Tabuisierung der Erkrankung nach wie vor ein Problem ist. „Kinder spüren, dass sie nicht darüber reden sollen.“ Daran habe sich bis heute nichts geändert, so Huber-Rehm. Vielfach übernehmen dann Kinder die Rolle, die eigentlich den Eltern zusteht. „Das stimmt“, nickt eine Besucherin. „Ich hab in jungen Jahren den Haushalt gemacht, weil meine Mutter nicht in der Lage war.“ Nach außen hin sei aber immer das „Bild der heilen Familie“ wichtig gewesen. Und eine Mutter erinnert sich: „Ich habe damals in meiner Erkrankung meine Tochter einfach übersehen. Es hat sich alles nur um mich gedreht.“ Ein Besucher erzählt, er habe sich in jungen Jahren geschützt, indem er immer wieder mal in seine „Wunsch-Familie“ bei einem Freund „aufgetankt“ habe.

Darüber reden

Moderatorin Mari Johler resümierte: „Die Belastungsfaktoren für Kinder von psychisch kranken Eltern sind heute nicht anders als früher. Wichtig ist, dass man darüber reden darf.“ Auch gelte es, die Gesellschaft zu sensibilisieren, um solche Nöte auch zu erkennen. „Es braucht nicht immer gleich Profis. Aber: Es gibt sie – und sie erhöhen die Chancen, dass diese betroffenen Kinder nicht auch eines Tages psychisch erkranken.“

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