"Nullzinspolitik – Auswirkungen auf die privaten Haushalte, die Unternehmen und den Staat"

Wenn Sparer in die Röhre gucken

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Am Ende des Vortragabends „Nullzinspolitik“ beantwortete ein kompetentes Trio die Fragen der rund 200 Zuhörer: (v.li.) Bundeminister a.D. und CSU-Ehrenvorsitzende Dr. Theo Waigel, Moderator Fabian Geyer, Präsident des Bayerischen Sparkassenverbandes, Dr. Ulrich Netzer, und Prof. Dr. Wolfgang Hauke, Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Hochschule Kempten.

Kempten – Seit jeher gelten die Deutschen als ausgemachte Sparer. Sie sind ein Volk, das durch die Anlage von Ersparnissen für die Zukunft vorsorgen möchte. Hierfür erhalten sie in aller Regel von den Geldinstituten einen Zins. Doch derzeit gibt es, bedingt durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank unter ihrem Präsidenten Mario Draghi und einer fortwährenden Staatsschuldenkrise südlicher EU-Mitgliedsstaaten, fast keinen Zins mehr auf das Ersparte. Das schadet zum einen dem Sparer sowie den Banken selbst, deren Zinserträge ebenfalls schrumpfen. Zu dieser Thematik hatte nun der CSU-Landtagsabgeordnete und CSU-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Thomas Kreuzer, zur Podiumsdiskussion „Nullzinspolitik – Auswirkungen auf die privaten Haushalte, die Unternehmen und den Staat“ in das Thomas Dachser Auditorium in die Hochschule Kempten eingeladen.

Drei kompetente Gastreferenten, die jeweils mit einem Impulsvortrag einen Teilaspekt der „Nullzinspolitik“ zu beleuchten versuchten, konnten von Kreuzer für den Abend gewonnen werden. Erschienen war zum einen Bundesfinanzminister a.D. und CSU-Ehrenvorsitzender Dr. Theo Waigel, der leitende Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Hochschule Kempten, Prof. Dr. Wolfgang Hauke, sowie Kemptens Altoberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer in seiner neuen Funktion als Präsident des Sparkassenverbandes Bayern.

Verteidigung für den Euro

Man merkt es ihm an, der „Euro“ und dessen Einführung als gemeinsame europäische Währung ist unter anderem „ein Kind“ von Dr. Theo Waigel. Und so verwundert es nicht, wenn Waigel als erster Vortragender am Rednerpult die Einführung des Euros vehement verteidigt. Primäre Aufgabe der EZB sei es im Euroraum für Preisstabilität zu sorgen. Die EZB sei keine Bank vergleichbar mit der Federal Reserve der USA, die mit ihre Geldpolitik zugleich Arbeitsmarktpolitik betreibt. „Und eins muss man der EZB lassen, ob man sie nun mag oder nicht“, sagt der Ex-Bundesfinanzminister: „Für Preisstabilität hat diese gesorgt.“ Waigel führt andere staatliche Banken wie die Bank of Japan, die Bank von England oder die Zentralbank der Schweiz auf, um darzulegen, dass diese eine weitaus riskantere Geldpolitik in ihren jeweiligen Ländern betreiben. Unlängst erst hätte die Zentralbank der Schweiz mit dem Druck von 700 Milliarden Schweizer Franken versucht die eigene Währung zu stabilisieren. Weiter führte Waigel aus, dass die Negativzinsen kein neues Phänomen seien, da zur Zeit der DM die Inflation höher gewesen sei, als die Zinsen und somit der Realzins negativ war. Heute wie damals, so Waigel, hätten Phasen mit Niedrigzins keinen nennenswerten Einfluss auf das Sparverhalten der Deutschen gehabt. Anders aber als Japan – und hier gibt der ehemalige Bundesfinanzminister seinen Kritikern recht – sei eine zu lange Phase niedriger Zinsen eine Gefahr für das nationale Wirtschaftssystem, da insbesondere Banken, Rentenversicherer und Versicherungen allgemein zu wenig Zinserträge aus angelegtem Kapital generieren könnten. „Noch aber trotzt die deutsche Gesamtrendite dem Niedrigzins, aber eine Divergenz ist erkennbar und diese Entwicklung muss zukünftig gestoppt werden“, betonte Waigel. Nichtsdestotrotz aber kam er auf die enormen Vorteile des Euros für Deutschland, Bayern und das Allgäu zu sprechen. Waren und Dienstleistungen im Wert von 180 Milliarden Euro würden jährlich von Bayern aus ins Ausland transferiert, bei einem Handelsüberschuss von rund 18 Milliarden Euro. Auch die bayerische Landwirtschaft profitiere vom Euro, denn sie exportiere Waren im Wert von acht Milliarden Euro jährlich ins Ausland. Der Schaden, der sich durch ein Auseinanderbrechen der Eurozone für Deutschland auftun würde, so Waigel, werde laut einer Studie auf rund 1200 Milliarden Euro auf die darauffolgenden zehn Jahre gerechnet. Grundsätzlich sprach sich Waigel für den Verbleib im Euroraum aus, allerdings forderte er, wie die weiteren Gastredner am Abend, stärkere Reformbemühungen der südlichen Mitgliedsländer ein. „Griechenland sei zudem ein Sonderfall, das wohl eher aus geopolitischen Überlegungen und der Flüchtlingskrise im Euroraum gehalten werden soll, als aus wirtschaftlichen Überlegungen“, so Waigel.

Auch Kempten betroffen

Als nächster Gastredner trat Hauke ans Rednerpult. Er verwies auf die aktuelle Ankündigung der Sparkasse Kempten-Oberallgäu zur Einführung von Strafzinsen ab dem 1. Januar 2017. Vorerst sind hiervon nur Geschäftskunden und Kommunen betroffen. Von diesem Tage an sollen täglich fällige Einlagen von mehr als 250.000 Euro mit einem „Verwahrentgelt“ belegt werden. Somit fallen für die Stadt Kempten Strafzinsen von 50.000 bis 60.000 Euro an. Die weiteren Erläuterungen von Prof. Dr. Hauke waren wissenschaftlicher Natur: er zeigte viele Grafiken zur Erläuterung der Wechselwirkung der Zinsentwicklung zu anderen Parametern.

Als letzter Redner trat Netzer ans Mikrofon. Anschaulich und verständlich für die rund 200 Gäste im Saal erläutere er die Folgen der andauernden Niedrigzinsphase auf den Kleinsparer. Diesem riet er grundsätzlich ab, sein Geld auf Tagesgeldkonten oder Girokonten zu deponieren sondern lieber gemeinsam mit seinem Berater nach anderen, immer aber seriösen, Anlagemöglichkeiten zu suchen. Auch Netzer brachte Zahlen ins Spiel. 52 Prozent der Bundesbürger und 58 Prozent der Bürger Bayerns seien mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Obwohl das Ersparte derzeit nicht viel an Zins einbringe, gäben die Leute nicht mehr für Konsum aus und auch in punkto Geldanlage zeige sich der Deutsche konservativ: „Sicherheit ist das wichtigste Anlagekriterium.“ Bei der Absicherung für das Alter sehen weiterhin über 50 Prozent eine Investition ins „Eigenheim“ als geeignet an. Allerdings mahnte Netzer die immer größer werdende Zahl von Menschen in der Gesellschaft an, die aus verschiedenen Gründen nicht für das Alter Vorsorge tragen würden. Laut Statistik sind dies bereits 36 Prozent der Bevölkerung. Netzer sprach dezidiert auch die Risiken einer langen Niedrigzinsphase für Sparkassen und Genossenschaftsbanken an. Insbesondere auf die Stiftungen sieht der Finanzexperte hierbei große Probleme zukommen.

Nach den Ausführungen wurden die vielen Besucher der Veranstaltung gebeten mit den anwesenden Experten in eine Diskussion zu treten und ihre Fragen zu stellen: ein Aufruf, dem viele an diesem Abend im Thomas Dachser Auditorium Folge leisteten.

Jörg Spielberg

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