"Wieder ein Stück Freiheit"

Renate Deniffel und Albrecht Hung beim Start des Allgäuer Benefizlaufes. Foto: moriprint

Etwa um das Jahr 1655 baute ein behinderter und handwerklich geschickter Uhrmacher aus der Nähe von Nürnberg das erste, einem Handbike ähnliche Gefährt. Erst Anfang 1990 wurde das moderne Handbike in Europa bekannt und immer noch „tüfteln und schrauben“ die Rollstuhlfahrer an ihren Fahrzeugen herum, bestätigt Albrecht Hung. „Denn wir wissen am besten, wie das Handbike individuell am idealsten passt.“ Außerdem sind die Kosten für so eine fahrradähnliche Ergänzung nicht billig: Bis zu 5000 Euro kann so ein Handbike kosten.

Der Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Kempten ist selbst aktiver Handbiker, genauso wie Günter Stangl, Behindertenbeauftragter des Landkreises Oberallgäu. Verschiedentlich treffen sich die Handbiker aus der Stadt Kempten und dem Landkreis Oberallgäu zu einer gemeinsamen Ausfahrt – oder sie treffen sich – dann im Rollstuhl – zum Basketballspielen in Sonthofen. „Das Handbike hat mir wieder ein Stück Freiheit gegeben“, berichtet Stangl. Nach einem Unfall in 2003 wurde bei ihm eine inkomplette Querschnittslähmung festgestellt. Seit zwei Jahren hat er sein Bike, das als Zusatz an den Rollstuhl „angedockt“ wird. „Es ist ideal für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung, um schneller und leichter vorwärts zu kommen“, sagt er. Astrid Bockmüllers Gefährt hat Renncharakter. Erkennbar ist es daran, dass es ohne Rollstuhl auskommt. „Es ist für den Sport geeignet“, informiert die junge Frau. Alltagstauglich zum Einkaufen ist es dagegen nicht. „Da ist das „Adaptivbike“, das an den handelsüblichen Rollstuhl mit wenigen Handgriffen montiert werden kann, sinnvoller“, so Hung. Wie Hung bevorzugt Josef Leicht, Beirat des Vereins Körperbehinderte Allgäu, die „Elektro-Variante“: „Die Unterstützung entlastet sehr die Schultergelenke. Gerade beim Anstieg ist das oft mit der eigenen Muskelkraft in den Armen nicht zu schaffen.“ Rund 30 Kilometer weit reicht so ein Akku. „Das reicht für eine Radtour mit der Familie.“ Über den Lenker lassen sich Gänge wie bei einem Fahrrad einstellen und der Motor ein- und ausschalten. „Es ist kein günstiges Vergnügen“, wissen die Handbiker. Aber sie haben auch erkannt: „Wir haben damit mehr Bewegungsmöglichkeiten.“ Beim Allgäuer Benefizlauf der „Stiftung für Körperbehinderte Allgäu“ ging die Gruppe jüngst zum dritten Mal und fast geschlossen an den Start. Statt Bernd Sattler war allerdings CSU-Bezirksrätin Renate Deniffel mit dabei: „Es ist ein Experiment für mich. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, wenn jeder Randstein zur Hürde wird.“ Die Idee dazu kam während der Gespräche zum Nahverkehrsplan Kempten-Oberallgäu auf. Schon nach den ersten Metern stellte die Bezirksrätin fest. „Der Wendekreis ist anders.“ Außerdem könne man sich da nicht auf seine Beine verlassen, sondern „arbeite“ eben mit den Armen. „Man kommt ganz schön ins Schwitzen.“ Abgesehen davon: „Wenn ein Hund auf Ohrenhöhe bellt, ist das schon eine ganz eigene Erfahrung.“ Günther Stangl hat sein Handbike so konstruiert, dass es ein „legbike“ ist. Das heißt, er bewegt sein Gefährt doch über die Beine. „Die Füße sind auf den Pedalen fixiert, weil ich kein Gefühl in den Beinen unterhalb der Knie habe. Für mich bedeutet es Training.“ Reicht die Kraft nicht aus, kann auch er den unterstützenden Motor einschalten. Kontakt zu den Handbikern können Interessierte über Günter Stangl (08365/15 75) oder Albrecht Hung (0831/52 39 829) aufnehmen.

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