Anwohner und Stadträte kritisieren Situation in der Dieselstraße

"Der helle Wahnsinn"

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Am 25. März um 8.14 Uhr geht es in der Dieselstraße besonders eng zu, wie dieses Foto zeigt.

Kempten – Johann Mahl ist sauer. Stinksauer. Jedes Mal wenn der Kemptener aus seinem Wohnzimmerfenster in der Ursulasrieder Straße schaut, versteht er die Welt nicht mehr. „Alle reden vom Klimaschutz und dort wird weggeschaut, wie 15 000 Liter Sprit sinnlos verblasen werden.”

Der Grund für Mahls Zorn ist nur wenige Meter weiter in der Dieselstraße zu sehen – wahllos am Straßenrand abgestellte Lkw-Anhänger. Je nach Tageszeit mal mehr, mal weniger. Bei Gegenverkehr zwingen sie den Verkehr in der vielbefahrenen Straße zum Abbremsen und wieder Anfahren. In der Stadtverwaltung sieht man derzeit jedoch (noch) keinen Handlungsbedarf. 

Seit ungefähr einem Jahr beobachtet Mahl die Situation in seiner Nachbarschaft, hat unzählige Fotos geschossen, Videos gedreht. Sie alle zeigen die gleichen Szenen: Unzählige Lkw und Pkw, die zwischen den abgestellten Anhängern den Gegenverkehr abwarten müssen oder sich in gefährlichen Situationen vorbeiquetschen. „Ab 7 Uhr morgens geht es hier zur Sache”, weiß er zu berichten. Sogar gegen die Fahrtrichtung oder gegenüber Einmündungen wie in die Ursulasrieder Straße würden die Hänger abgestellt oder am hellichten Tag auf offener Straße entladen. „Schenker und Dachser stehen jeden Tag da und laden zum Teil sogar noch um”, erzählt Mahl. 

 Neben der Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer stört ihn vor allem, dass durch die Stopp- und Startmanöver der Autos und Lkw Unsummen an Benzin und Diesel verschwendet würden. Laut einer Berechnung des Ingenieurbüros Schorer + Wolf verbraucht ein 40-Tonner beim Beschleunigen von 0 auf 50 km/h 0,34 Liter Diesel, beim Beschleunigen von 0 auf 60 km/h 0,48 Liter und von 0 auf 80 km/h 0,88 Liter. „Bei 200 Lkw an 200 Tagen im Jahr sind das fast 15 000 Liter, die dort sinnlos verblasen werden”, rechnet Mahl vor. „Das ist der helle Wahnsinn.” Daher sieht er die Stadtverwaltung in der Pflicht, dem Abstellen ein Ende zu bereiten und fordert das Aufstellen von Halteverbotsschildern in der Dieselstraße. „Von mir aus auch zeitlich beschränkt zwischen 7 und 17 Uhr.” Der nötige Platz für die Anhänger könnte seiner Ansicht nach durch durchgehende Parkbuchten von der Einfahrt zum Biomassehof bis zum Saturn geschaffen werden. 

Im Verkehrsamt kommen die Verantwortlichen freilich zu einer anderen Bewertung und sehen derzeit keinen Grund, einzugreifen. Stichprobenartige Kontrollen hätten ergeben, dass es sich um keine Dauerparker handelt, so Amtsleiter Volker Reichle. Insbesondere bei Anhängern sei es häufig der Fall, dass diese dort „zwischengeparkt” und innerhalb weniger Stunden wieder abgeholt würden. „Gerade solche Vorgänge sind in einem Gewerbegebiet aus straßenverkehrlicher Sicht aber als üblich einzustufen”, so Reichle. Halteverbotsschilder würden daher lediglich zu einer Verlagerung des Problems führen. 

Allerdings kommt auch Reichle zu dem Schluss, dass es hin und wieder zu Verkehrsbehinderungen kommt: „Begnungsverkehr mit Lkw ist zumindest im Bereich der Einmündung Ursulasrieder Straße dann nicht mehr möglich, was zu entsprechenden Wartevorgängen entgegenkommender Fahrzeuge führt.” Abhilfe will das Verkehrsamt durch den Bau neuer Parkplätze südlich der Einfahrt zum Biomassehof schaffen. „Es sind ja bereits Buchten vorhanden und die könnte man ohne auch nur einen Baum fällen zu müssen, durchziehen”, begrüßt Johann Mahl dieses Vorgehen. 

Auf Mahls Seite ist Stadtrat Helmut Hitscherich (UB/ödp), der sich die Situation vor Ort bereits angeschaut hat. „Es geht nicht darum, wer wann wie viele abgestellte Lkw, Anhänger und Container an der Stelle gezählt hat – jeder einzelne wirkt wie eine rote Ampel”, kritisiert er. „Jedes Anhalten und erneutes Anfahren verursacht zusätzlichen CO2-Ausstoß und Feinstaub.” Insgesamt verursache der Straßenverkehr 33 Prozent des CO2-Ausstoßes. „Bisher wurde wenig unternommen, diesen Anteil zu verringern”, so der Stadtrat weiter. Auch wenn das Abstellen der Anhänger kein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung sei, müsse eine Lösung her. „Mein Vorschlag: die Halter kontaktieren, die Gründe für das Abstellen erfragen und schnellstmöglich zusätzlichen Parkraum anbieten”, fordert er. 

Dass eine Lösung gefunden wird, ist sich Grünen-Fraktionschef Thomas Hartmann sicher. Er hatte das Thema unlängst im Verkehrsausschuss auf die Tagesordnung gebracht und will die Entwicklung weiter beobachten. Zur Not müsse sich der Ausschuss eben noch einmal mit dem Problem auseinandersetzen. Auch in der Stadtverwaltung ist das Thema noch nicht durch. „Wenn es neue Lösungs-Vorschläge gibt, gehen wir diesen natürlich nach”, sagte Sprecherin Christa Eichhorst auf Anfrage. Matthias Matz

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