"Wir schaffen das"

Der ehemalige Vorstand der Ruhrgas AG und Thüga AG, Armin Geiß, bei seinem Vortrag. Foto: Kampfrath

Die Energiewende ist und bleibt eines der vorherrschenden Themen im Oberallgäu. Der Kemptener Wirtschaftsbeirat der Union hatte vergangene Woche zu einem Vortrag in die Multibox der bigBOX geladen. Armin Geiß, ehemaliger Vorstand der Ruhrgas AG und Thüga AG, sprach über die Energiewende und die deutsche Energiepolitik nach Fukushima.

48 überwiegend männliche Zuhörer lauschten den Worten des Vorsitzenden des Fachausschusses für Energiepolitik im Wirtschaftsbeirat. „Die Energiepolitik erfreut sich seit jeher großer Aufmerksamkeit und hat durch Fukushima eine neue Dimension angenommen“, sagte Geiß. 2010 habe die Bundesregierung ein Energiekonzept beschlossen, das vorsah, die Kernenergie im Schnitt um zwölf Jahre zu verlängern. „Nach Fukushima wurde diese Verlängerung zurückgenommen. Die Laufzeiten der Atomkraftwerke gehen höchstens bis zum Jahr 2022.“ Die politische Reaktion in Deutschland auf Fukushima sei überraschend gewesen. Denn niemand habe zuvor behauptet, dass die Kernenergie sicher sei. Neben dem Ausstieg aus der Atomkraft erläuterte Geiß die weiteren Ziele des Energiekonzepts. Dazu gehöre die drastische Reduzierung von Kohlendioxid, was mit dem Abrücken von fossilen Brennstoffen verbunden sei. Ein weiterer Punkt sei der Ausbau der regenerativen Energien. „Ziel ist auch die Steigerung der Effizienz. Der Bedarf für Raumwärme soll bis 2050 um 50 Prozent sinken.“ Kohlekraftwerke dürften laut einer Auflage nur noch gebaut werden, wenn CCS vorgesehen ist. Das heißt, das entstehende Kohlendioxid wir abgefangen und unterirdisch eingelagert. Das Energiekonzept sehe auch den Neubau von Gaskraftwerken vor, um den Wegfall der Kernenergie auszugleichen. „Die erneuerbaren Energien müssen in das öffentliche Netz integriert werden. Dafür ist ein koordinierter Netzausbau erforderlich“, erklärte der Referent. Notwendig sei zudem ein Ausbau der Energiespeicher. „Man bräuchte eine Versiebzigfachung der Speicherleistung, um eine 14-tägige Windflaute auszugleichen“, verdeutlichte Geiß. Das Energiekonzept beinhalte aber auch die Förderung von Elektromobilität und Erdgasautos. Seines Erachtens nach sei der Kernenergieausstieg bis 2022 sehr ehrgeizig. „Was mich am meisten an der Diskussion bedrückt, ist die Versorgungssicherheit.“ Sie werde mit jedem Abschalten eines Kernkraftwerks nach unten gehen. „Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, regelmäßig Stromausfälle zu haben“, betonte Geiß. Hauptaufgabe sei es, die Unsicherheit der Versorgung bei den regenerativen Energien abzubauen. Dafür sei die Steigerung der Speicherkapazität wichtig. Das könne zum Beispiel durch Pumpspeicherkraftwerke und Elektrolyse geschehen. Bedeutsam sei zudem der Ausbau des Stromnetzes. „Es müssen mehr Leitungen von Nord nach Süd in Deutschland führen. Wir können es uns nicht leisten, noch zehn Jahre darauf zu warten“, so Geiß. Auch eine stärkere Einbindung in den Binnenmarkt sei erforderlich. „Das Thema muss europäisch behandelt werden.“ Keinesfalls dürfe die Wirtschaft vernachlässigt werden, denn die Subventionierung erneuerbarer Energien sei eine große Belastung. „Die Subventionen für die Fotovoltaik haben eine Weiterentwicklung verhindert“, meinte der Referent. In Bayern sei die Energiewende ein spezielles Thema, da hierzulande 60 Prozent des Stroms aus Kernenergie stammen. „Gegen den Willen der Bürger darf nichts geschehen“, so Geiß. Hannes Feneberg, Geschäftsführer der Feneberg Lebensmittel GmbH, fragte nach den Einschätzungen für den Strompreis. „Es gibt Schätzungen, dass bis 2030 330 Milliarden Euro für das Stromnetz investiert werden müssen. Die Kosten werden vermutlich an den Endverbraucher weitergegeben“, antwortete Geiß. Es führe kein Weg daran vorbei, dass Strom drastisch teurer werde. Ein Herr aus dem Publikum fragte nach der Meinung des Referenten zur Erdwärme. „Geothermie war einmal ein großer Hoffnungsträger, steht aber in Konkurrenz zum Erdgas. Und Erdgas ist billig.“ Geiß glaubt, dass die Wasserkraft der Königsweg sei, wenn sie eine Zukunft habe. „Ich bin ein Befürworter der Biomasse. Aber das Thema ist wegen der Tank-oder-Teller-Diskussion emotional belastet.“ Geiß wies darauf hin, dass sämtliche Fotovoltaikanlagen in Deutschland weniger Strom erzeugen als die beiden Atomreaktoren in Gundremmingen. Dennoch zeigte er sich zuversichtlich: „Wenn die Ägypter vor 4500 Jahren die Cheopspyramide bauen konnten, dann schaffen wir das auch mit der Energiewende.“

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kommentare