"Wir sind im Krieg"

„Können wir wegschauen?“ fragte Staatssekretär Dr. Gerd Müller (CSU) gegen Ende der Diskussion „Deutsche Soldaten in Afghanistan“ im Haus International. Zumal der Einsatz ein Beitrag „nicht nur für die Sicherheit“, sondern auch „zur Sicherung grundsätzlicher humanitärer Fragen“ sei. Die Kehrseite der Medaille, bei der die Frage nach Menschlichkeit in der Politik weit weniger präsent zu sein schien, brachten Oberstleutnant a.D. Andreas Timmermann-Levanas, der nach 20-jähriger Dienstzeit als Kriegsversehrter die Deutsche Kriegsopferfürsorge gegründet hat, und aus Kempten Oberleutnant Susanne Klauser vom Gebirgssanitätsregiment, Berufssoldatin seit 18 Jahren.

Beide konnten auf eigene Erfahrungen in Afghanistan zurückgreifen. Sie prangerten den eklatanten Mangel an Ärzten und Traumapsychologen ebenso an wie die unzureichende Einsatzvorbereitung oder Ausrüstung der Soldaten – Probleme, die den Verantwortlichen bekannt seien. Dass die Situation in Afghanistan mit dem Auftrag von 2001, der „stetig erweitert wurde“, nichts mehr zu tun habe, verdeutlichte Timmermann-Levanas, Ex-Pressesprecher der ISAF PRT bei Einsätzen in Bosnien und Afghanistan: „Wir fahren nicht mit Autochen raus und schützen, wir sind im Krieg“, sprach er Klartext. „Höchste Zeit“, befand er, dass nach über 40 Toten „die Realität in Deutschland angekommen ist“. Der ursprüngliche Auftrag, die Wahlen abzusichern, sei erfolgreich gewesen. Die Ausbildung afghanischer Polizisten mochte er schon nicht mehr als Erfolg verbuchen, da diese meist wegen der besseren Bezahlung anschließend zu den Taliban wechselten. Kritik gegenüber der Politik hagelte es weiters für den Umgang mit den „physisch und psychisch Verletzten“ sowie den Hinterbliebenen von Gefallenen, „für die zu wenig getan wird“. Es sei 60 Jahre lang „ganz toll“ gewesen Pazifist zu sein, weil man die Nase voll gehabt habe vom Krieg. Aber inzwischen seien 280 000 Soldaten im Auslandeinsatz gewesen, die keine Lobby hätten, forderte er insgesamt Solidarität zu zeigen. Denn egal, was hinten dabei herauskomme, „Respekt und Anerkennung haben wir immer verdient“. Auch Klauser zeigte sich, trotz guter Fortschritte bei den Aufbauarbeiten zur Stromversorgung oder Schulen, mit Vielem unzufrieden. Den Hinweis von Moderatorin Claudia Rudolph, stellvertretende Vorsitzende des Bezirksverbandes der Frauen Union Schwaben, auf viele Augenverletzungen durch Bombensplitter wegen fehlender Schutzbrillen, griff sie bereitwillig auf. Teilweise würden sich Soldaten diese privat besorgen, forderte Klauser mehr Bewusstsein für die Einsatztruppen. Auch im Inland mangele es an Materialversorgung wie Munition, so dass eine ordentliche Vorbereitung der Soldaten kaum stattfinde. Bei allem Verständnis für die Haushaltslage: „Sie darf nicht auf unserem Rücken ausgetragen werden“, nahm sie die Politik in die Pflicht. Wenigstens würden Soldaten heute nicht mehr „angespuckt“, wie nach dem Somaliaeinsatz. Aber „wir empfinden keinen Rückhalt in der Bevölkerung“, forderte sie auch deren Beitrag für die „Parlamentsarmee“ ein. Hilfe von Müller? Sichtlich angespannt räumte Müller, der sich laut Rudolph bereits wegen der Schutzbrillen beim Verteidigungsminister stark gemacht habe, ein, dass die nach wie vor Schutztruppe „jetzt zwischen die Fronten“ kämen und „auch gestorben wird“. Auf solch eine Situation sei man nicht eingestellt. Er unterstütze den heute gehörten „Hilfeschrei“, versprach er. Und wenn das mit den Mängeln so stimme, „müssen wir sofort raus“, verdeutlichte er, dass es sonst „unverantwortlich ist“. Bodenschätze seien, so Müller, kein Motiv für die Präsenz in Afghanistan. „Unser Ziel ist in den nächsten fünf Jahren mit unseren Soldaten rauszugehen“, so Müller.

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