"Wir wissen, worauf wir uns einlassen"

Ihre Erfahrungen bei Afghanistaneinsätzen schilderten die Soldatinnen und Soldaten auf Einladung der SPD Altusried durch die Organisatorin Monika Borchert-Bösele (rechts). Staatssekretär a. D. Walter Kolbow (3.v.l.) hat Land und Leute intensiv studiert und kennengelernt. Foto: Würzner

Die Einladungen verschickte Monika Borchert-Bösele an alle Gruppierungen, die sich für das Thema Afghanistan interessieren könnten – Politiker aller Parteien, Gewerkschaften, Kirchen. Die SPD-Europawahl-Kandidatin von 2009 konnte so hochkarätige Gesprächspartner aufbieten wie Walter Kolbow, bis vor einem Jahr noch Verteidigungsstaatssekretär, und drei Offiziere, die alle Einsätze am Hindukusch hinter sich haben. Eben jenem Gebirge, an dem auch Deutschland verteidigt werde, wie es Verteidigungsminister Peter Struck einst formulierte.

Dem tendenziell geringer werdenden Interesse der Bevölkerung an diesem ersten bewaffneten Einsatz deutscher Soldatinnen und Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg entsprach die Resonanz, denn im Saal des Gasthofs Bären wäre noch reichlich Platz gewesen. Für die Anwesenden hatte sich das Kommen gelohnt. Der Diavortrag von einer Frau Oberleutnant zeigte Bilder, die ihre Aussage, Afghanistan sei das Land der Gegensätze, eindrucksvoll dokumentierten. Golfplätze in Sichtweite von zerbombten Schulen (natürlich für Mädchen), bettelnde Witwen samt splitternackten Kindern neben Strechlimousinen. Die Frage, was das mit dem Einsatz, der mit dem Tod oder schwersten Verletzungen einiger, der Traumatisierung aller Beteiligten verbunden ist, zu tun hat, hat sich der Politiker Walter Kolbow auch als Bürger gestellt und nicht immer befriedigende Antworten gefunden. Er sieht die Rechtfertigung für das militärische Engagement im Grundgesetz (Art. 4 Abs. 22) und Art. 7 der Charta der Vereinten Nationen. Da kein Angriff auf eines der Bündnisländer stattfinde, könne man auch nicht vom Verteidigungsfall sprechen und ein Krieg im völkerrechtlichen Sinne sei durch eine Kriegserklärung definiert, was expressis verbis ebenfalls nicht der Fall ist. Wo bleibt der Zeitplan? Die Diskussion um den Kombattantenstatus der Bundeswehr wird alljährlich neu entfacht, wenn im Bundestag die Verlängerung des Mandats zum Beschluss ansteht. Am 28. Februar 2011 ist es wieder so weit, die Frage nach einem Zeitplan ist gewiss. „ Präsident Karsai hat angekündigt, dass eigene Sicherheitskräfte stabile Verhältnisse in Afghanistan schaffen können bis 2014,“ führt Kolbow dazu aus. „Wir verbinden damit die Hoffnung dass bis dahin die kämpfende Truppe abgezogen ist und nur noch Ausbilder vor Ort sind.“ Ob der eigentlichen Grund des Einsatzes, nämlich die Zerstörung des Rückzugs- und Trainingsgebiet für den internationalen Terrorismus, von Erfolg gesegnet sein wird, wird sich zeigen. Er selbst, durch 16 Reisen in die Region zum Kenner von Land und Leuten geworden, sieht nur dann eine Chance für die Befriedung, wenn die Taliban mit ins Boot geholt und an der Regierung beteiligt werden. "Tun unsere Pflicht" Die Fragen an die Dame und Herren in Uniform bezogen sich auf Ausbildung und Ausrüstung (gut, könnte aber besser sein) und das Privatleben. „Die Bundeswehr hat darauf Rücksicht genommen, dass ich Mutter bin. Wir haben einen Eid abgelegt und tun unsere Pflicht als Soldaten. Ich werde nur stinkig, wenn das Argument Geld ins Feld geführt wird,“ gab Frau Oberleutnant freimütig zu. Und warum wird jetzt mehr Mohn angebaut und zu Rauschgift verarbeitet als früher, fragte Alf Hartmann? Weil die Briten für die Bekämpfung zuständig sind, so Kolbow, was aber keine Erklärung sei. Mohn bringe mehr Geld ein als Weizen, das sei ein schwer zu lösendes Problem. Dass Taliban und Islam nichts miteinander zu tun haben, wollte ein Zuhörer festgestellt haben. Er schlug vor, wieder die alten Strukturen der Stammesfürsten zu stärken. Auf Nachfrage von Klaus Bösele räumte ein Oberstleutnant ein, dass innerhalb der Truppe kontroverse Diskussionen geführt werden. Er selbst sei zu der Veranstaltung gekommen, weil ihn interessiere, was der deutsche Bürger darüber denke. „Im übrigen wissen wir alle, worauf wir uns einlassen“, konstatierte er mit Nachdruck. Sein Kollege mit drei Rauten (Hauptmann) sprach von dezentem Desinteresse, außer bei spektakulären Fällen. Eine Lösung für das Problem Afghanistan konnte an diesem Abend in Altusried jedenfalls nicht gefunden werden.

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