Wird das Sterben noch teurer?

Der Unterhalt der Friedhöfe – hier der städtische Friedhof in der Rottachstraße – kosten die Stadt viel Geld. Deshalb soll nun ein neues Gesamtkonzept für die Kemptener Gottesäcker ausgearbeitet werden. Foto: Matz

Als 2006 zum ersten Mal ein Defizit im Bereich der Kemptener Friedhöfe auftauchte, gingen die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung zunächst von einem Ausrutscher aus. Nach drei weiteren Jahren im Minus muss nun aber doch die Gebührenkalkulation auf den Prüfstand. Außerdem soll bis April ein neues Gesamtkonzept für die gesamten Kemptener Friedhöfe vorliegen und vorgestellt werden. Eine neue Gebührensatzung könnte dann zum 1. Januar 2012 in Kraft treten – sofern der Stadtrat seine Zustimmung erteilt.

Die Stadträte des Ausschusses für öffentliche Ordnung sahen sich am Mittwochabend plötzlich mit der Frage konfrontiert, in wie weit Beerdigungen eine öffentliche Aufgabe und in wie weit sie betriebswirtschaftlich zu betrachten sind. „Der Stadtrat hat die Abwägung zu treffen“, meinte dazu Bürgermeister Josef Mayr (CSU). Obwohl bereits drei Vollzeitstellen weggefallen sind und der Stadtrat darüber hinaus zu Beginn des vergangenen Jahres die Friedhofsgebühren im Schnitt um zehn Prozent erhöht hat, haben die Kemptener Gottesäcker 2009 erneut ein dickes Defizit eingefahren. Nach einer intensiven Kosten- und Leistungsrechnung – jeder Mitarbeiter musste unter anderem exakt Buch über seine Tätigkeiten führen – beträgt das Minus laut Heike Steinhauser vom Kämmereiamt je nach Berechnung 390 000 bis 411 000 Euro. Drei Leichenhallen, eine Orgel und ein Kühlraum sind ihren Angaben zufolge die einzig kostendeckenden Inhalte im gesamten Friedhofsbereich. „Insgesamt ist das gesamte Angebot defizitär“, betonte die Betriebswirtschaftlerin. Die Gründe für die Misere liegen zum einen im Sanierungsbedarf von Gebäuden, zum anderen in der sinkenden Zahl an Beerdigungen und dem Trend hin zu billigeren Urnenbestattungen. „Diese Entwicklung ist ein allgemein zu verzeichnender Wandel und kein spezifisches Problem der Kemptener Friedhöfe“, erläuterte Uwe Sutter vom zuständigen Amt für Umwelt- und Naturschutz. Dass aber alle Produktbereiche mittlerweile regelmäßig in die roten Zahlen rutschen, „spricht nach Ansicht des Kämmereiamtes grundsätzlich eher für ein Gebührenproblem als für ein strukturelles Problem“, so Sutter weiter. Heike Steinhauser betonte ebenfalls: „Wir haben definitiv einen Gebührenerhöhungsbedarf.“ Allerdings warnte Steinhauser davor, die Gebühren pauschal nach dem Gießkannenprinzip zu erhöhen. Erfolgsversprechender sei eine punktuelle, leistungsbezogene Gebührenerhöhung. Um die Schere aber mittel- und langfristig wieder zu schließen, wie es Sutter formulierte, müsse auch nach weiteren Einsparmöglichkeiten und neuen Einnahmequellen gesucht werden. Für tatsächlich belastbare Zahlen muss aber zunächst das Jahr 2010 ebenfalls noch einer Kosten- und Leistungsrechnung unterzogen werden. Deshalb könne ein Konzept erst im April kommenden Jahres vorgelegt werden. Friedhöfe privatisieren? Peter Wagenbrenner (CSU) regte in diesem Zusammenhang an, Tabus zu brechen und über eine Teilprivatisierung der Friedhöfe nachzudenken. „Es gibt mittlerweile viele Leute, die sich nicht mal mehr die Aussegnungshalle leisten können“, berichtete der Stadtrat. Sein Fraktionskollege Josef Leonhard Schmid bestätigte diese Einschätzung: Zwar müssten die Gebühren eigentlich erhöht werden, aber die Bürger würden bereits jetzt über die hohen Kosten klagen. „Wer nicht zur Oberschicht gehört, hat Schwierigkeiten das Ganze in Würde abzuwickeln.“ Allerdings habe er „Unbehagen“, das Thema rein betriebswirtschaftlich zu betrachten. Ingrid Vornberger von der SPD sprach sich dagegen kategorisch gegen eine Privatisierung aus. „Dann stiegen die Kosten für die Bürger ja ins Unermessliche“, warnte sie. Stattdessen regte sie an, sich das Geld von den Kirchen zurückzuholen. Ist schwarze Null ein Muss? Dr. Dominik Spitzer (FDP) hielt von einer Teilprivatisierung der Friedhöfe und ihrer Angebote ebenfalls wenig. „Wir könnten damit zwar unser Defizit senken, aber nicht die Kosten für die Betroffenen“, erklärte er. Unterstützung erhielt er von Johann Lederle (CSU): „Das ist eine öffentliche Aufgabe und ein Kulturgut – wir dürfen das nicht nur von der betriebswirtschaftlichen Seite sehen“, so der Stadtrat. Auch Fraktionskollege Stephan Prause und Susanne Vanoni von den Grünen sprachen sich gegen allzu große Erhöhungen aus. „Man sollte erst mal schauen, wo man Kosten senken kann“, appellierte Vanoni. Außerdem stelle sich die Frage, ob man im Bereich der Friedhöfe überhaupt eine schwarze Null erreichen müsse. Spitzer brachte dagegen eine Faktorenabrechnung wie bei Ärzten ins Spiel. All diese Überlegungen sollen nun in das neue Friedhofskonzept einfließen, das von der Kemptener Stadtverwaltung ausgearbeitet und schließlich dem Ausschuss für öffentliche Ordnung im April 2011 vorgestellt werden soll.

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