Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen greift in ihrem Vortrag die neue Wortschöpfung auf

Isnyalisierung aus kompetenter Sicht

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Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen.

Isny – Die Wirtschaftsentwicklung der Stadt Isny im 19. Jahrhundert und einiges aus der Vorgeschichte im noch nicht industriellen Zeitalter – darüber referierte Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen jetzt im großen Sitzungssaal des Isnyer Rathauses vor vollem Haus. Der Vortrag fand in enger Kooperation mit den „Freunden der Appretur“ und den städtischen Museen statt. Im Augenblick sind Themen aus der näheren Geschichte durchaus ein Thema, denn die Ausstellung im Museum am Mühlturm über den Werdegang der Firma C.U. Springer und vor allem die Zeit als Freie Reichstadt geben Anlass zum Rückblick.

Greiffenhagen stellte einige grundsätzliche Dinge in den Vordergrund: „Isny war im Laufe seiner Geschichte schon immer ausschließlich eine Stadt des Handwerks und des Handels und hatte wegen fehlendem Land keine ländliche Prägung erhalten. Die Gebiete im Umkreis der Stadt gehörten entweder dem Kloster oder waren im Besitz adliger Familien. Was für die Isnyer eine große Rolle spielen sollte war die Textilindustrie und der Fernhandel. Die Bürger taten das so effizient, dass Isny nach seiner Gründung zu einer für seine Größe ungewöhnlich mächtigen und reichen Stadt aufstieg. Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatte sie die Nachbarstädte Wangen und Leutkirch überflügelt.“ Kaum vorstellbar, wenn man die heutige Tatsache ins Auge fasst, dass Isny schon seit Jahren darum bemüht ist als Mittelzentrum anerkannt zu werden, weil als Wirtschaftskraft das bayerische Umland durchaus mit einbezogen werden sollte.

Um 1500 erreichte Isny in der Vorgeschichte seinen ökonomischen Höchststand. 1507 erhielt die Stadt auch das Münzrecht und die Tatsache, dass zumindest zwei Isnyer Bürger hoch in kaiserlichen Diensten standen, war dabei von Nutzen. Selbst als im 16./17. Jahrhundert der nördliche Bodenseeraum an Bedeutung verlor, konnte Isny sich noch lange behaupten. Dr. Greiffenhagen führte eine Reihe von Gründen an, die zur hohen ökonomischen Leistung der Stadt führte. „Orientieren an schon früher entstandenen Städten, Fehlen von Ländereien im Umland, die Konkurrenz zum Kloster, der Freikauf von der Herrschaft des Adels und dann auch 1531 der Wandel zum Protestantismus.“ Das Schlagwort „protestantische ökonomische Ethik“ scheint passend dafür.

Die unterschiedliche Entwicklung blieb erhalten. Während woanders Gewerbebetriebe wenige Mitarbeiter hatten sind als Vorgriff auf die Industrialisierung in Isny schon richtige Fabriken entstanden. Schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts waren mehr als 300 Menschen in den großen Gewerbebetrieben beschäftigt, 200 allein schon bei der Firma C.U. Springer. Der moderne technische Stand der Betriebe und die immer noch steigende Größe der Betriebe waren untypisch für die damalige Entwicklung. Noch etwas war bei den Untersuchungen heraus gekommen: Die beginnende Industrialisierung wurde nicht von ortsfremden Unternehmern gesteuert, sondern lag meist in Händen alteingesessener Bürger und die sonst oft auftretende Entfremdung hatte so keinen Nährboden.

Durch die Napoleonische Gebietsaufteilung geriet Isny dann aber in einen Abwärtssog. An drei Seiten von Bayern umgeben, drei Jahre lang dem Hause Quadt zugeschlagen und dann plötzlich zum letzten Eck Württembergs geworden zu sein, war in dieser Zeit noch reduzierter Mobilität ein unüberwindliches Manko. Viele Firmen wurden aufgelöst und die wirtschaftliche Lage war weiter krass. Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen schloss mit den Worten: „Darüber, ob der spezifische Wirtschaftsgeist heute noch lebt oder er inzwischen erlahmt ist, wage ich als Fremde kein Urteil.“

Manfred Schubert

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