Interview mit Derek Bermel

"Melange sub-atomarer Partikel"

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Der Klarinettist Derek Bermel.

Kempten/New York – Er gilt als einer der herausragenden zeitgenössischen Komponisten der USA.

Unter den Auftraggebern für Kompositionen findet sich eine stattliche Zahl an illustren Ensembles und Künstlern wie die Geigerin Midori, der E-Gitarrist Wiek Hijmans, das Los Angeles Philharmonic Orchestra, das Guarneri String Quartett und viele mehr. Derek Bermel, der auch als Klarinettist Renommee genießt, kann nicht nur auf zahlreiche, sondern gleichermaßen namhafte Auszeichnungen und Ehrungen blicken, darunter der Alpert Award in the Arts, Guggenheim und Fulbright-Stipendien oder ein Academy Award von der American Academy of Arts and Letters. Die Liste der Meriten und wichtigen Stationen in seinem Leben ist lang. Vom 18. bis 25. September 2016 ist der vielfach für seine Kreativität, Theatralik und Virtuosität gepriesene künstlerische Leiter des American Composers Orchestra in der Carnegie Hall und Direktor der Komponistenwerkstatt „Cultivate“ der Stiftung „Copland House“ als „Composer-in-Residence“ zu Gast beim 11. Classix-Festival in Kempten. 

Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, nicht nur für die „Nordlichter“ der Republik, den vielseitigen Klarinettisten, Dirigenten und Komponisten in der fast familiären Atmosphäre kennenzulernen, die Classix in den öffentlichen Proben bietet. Warum gerade „Nordlichter“? Weil Derek Bermel in der Eröffnungssaison der Hamburger Elbphilharmonie zu hören sein wird, wo sein neues Werk „New York Stories“ für Streichquartett im März 2017 als Deutsche Erstaufführung auf dem Programm steht. In Kempten kann man den New Yorker bereits am 24. September 2016 mit der Uraufführung seiner Komposition „Over Algiers“ erleben sowie während der Festivalwoche als Klarinettist auf der Bühne (nicht nur bei eigenen Stücken), beim Komponistengespräch und natürlich in den öffentlichen Proben. Bevor Nordamerika unter dem Classix-Motto 2016 „Aus der Neuen Welt – Angeeignetes und Originäres“ in den kammermusikalischen Fokus rückt, hat Derek Bermel im Interview vorab Fragen des Kreisboten beantwortet.

Unkonventionell, kreativ und experimentierfreudig – beim Lesen Ihrer Vita fallen einige Parallelen zu den beiden Festivalmachern Oliver Triendl und Dr. Franz Tröger auf. Wie kam die Einladung zum Festival zustande?

Derek Bermel: „Der Komponist Bright Sheng und der Geiger Dan Zhu haben Oliver mit meiner Musik bekannt gemacht, worauf er mich für das Festival eingeladen hat.“

Sie begleiten das Kemptener Publikum als „Composer in Residence“ acht Tage lang durch kammermusikalische Erfahrungen aus Nordamerika. Was überwiegt ihrer Meinung nach bei diesen Werken? Ingredienzen europäischer Kompositionen oder die Inspiration durch kulturelle Wurzeln aus der Neuen Welt? 

Derek Bermel: „Meine musikalische Sprache ist zweifellos von der Amerikanischen Folklore beeinflusst, vor allem von der Musik mit Afro-Amerikanischen Wurzeln, wie Jazz, Blues, Funk oder Hip-Hop. Darüber hinaus hatte ich schon früh leidenschaftliches Interesse an Europäischer Avantgarde-Musik. Ich habe mir in unserer lokalen Bücherei jeden Komponisten des 20. Jahrhunderts angehört, von Bartók über Webern bis Berio und Messiaen. Ich mag die formale Struktur und den Aufbau in der europäischen klassischen Musiktradition.“

Als Komponist und Musikethnologe vermischen Sie verschiedene Elemente ursprünglicher Musikkulturen. Warum übernehmen Sie beispielsweise osteuropäische Nuancen („Thracian Sketches“) und afroamerikanische Rhythmen („Soul Garden“) in Ihre Kompositionen? 

Derek Bermel: „Ich würde mich nicht als Musikwissenschaftler bezeichnen, da mir die anerkannte Ausbildung dafür fehlt. Aber wie Bartók oder Stravinsky haben mich Transkription und Analyse von Musik aus unterschiedlichen Traditionen inspiriert. Interessant für mich ist, das Material von dem einen Kontext in einen anderen zu übertragen – ein Streichquintett, das den Ausdruck und die harmonische Spannung eines Gospelsängers aufgreift wie in ‚Soul Garden‘ oder die Neuinterpretation rasender Polyrhythmen Bulgarischer Volkslieder in einer minimalistisch-formalen Struktur wie in ‚Thracian Sketches‘. Komponieren heißt für mich experimentieren und abgleichen. Es erfordert ein ähnliches Denken wie bei der Schöpfung eines neuen Gerichts aus ungewöhnlichen Zutaten oder die Melange sub-atomarer Partikel zu einem Ergebnis, wie man es zuvor noch nie gesehen hat.“

Sie verbinden die klassische Tradition mit internationalen musikalischen Einflüssen. Steckt dahinter auch Ihre persönliche Botschaft für eine vereinte Welt über die Musik hinaus?

Derek Bermel: „Da bin ich mir nicht sicher. Musik kann zwar sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden, was Worte manchmal nicht können. Aber ihre Kraft ist die Abstraktion von Kunst und deshalb ist es das Recht jedes Zuhörers seine eigenen Erfahrungen damit zu machen. Für mich ist nur wichtig, dass die Zuhörer bewegt sind. Was speziell sie dabei fühlen könnten, ist nicht – und sollte es auch nicht sein – meine Aufgabe oder unter meiner Kontrolle.“

Ihre Werke scheinen sehr bildhaft, kommunikativ und lebendig. Wie gelingt es Ihnen, diese sprachlich-humorvollen Facetten in einen klassischen Mantel zu hüllen?

Derek Bermel: „Wenn ich komponiere, denke ich dabei nicht groß über Humor an sich nach, aber ziemlich viel über das richtige Timing. Mein Vater war Bühnenautor und Übersetzer für französische und italienische Komödien, wie die von Molière, Corneille, Racine, Courteline, Feydeau, Cocteau, Goldoni oder Gozzi. Also bin ich richtig im Theater aufgewachsen und mit 17 hatte ich jedes Stück von Shakespeare mindestens zwei Mal gesehen. Wie das Theater, ist Musik eine temporale Kunst und somit ist die Zeit unser grundsätzlichstes Mittel. Ich liebe den Rhythmus der Stimme in Gesprächen wie in Liedern. Humor ist ein Teil aus dem riesigen Angebot an Emotionen, den ich vermitteln kann. Allerdings gibt es keinen Humor ohne Pathos und wie in Harmonieabfolgen, sind auch Emotionen von einander abhängig.“

Das Classix-Festival in Kempten ist bekannt dafür, dass sich Musiker, die sich meist nicht kennen, in kürzester Zeit anspruchsvolle Stücke erarbeiten. Wie schwierig ist es, Ihre so vielseitige und facettenreiche Musiksprache in wenigen Proben zu verstehen? 

Derek Bermel: „Hier trifft der Praktiker den Idealisten. Künstler, wie die meisten Profis, bewältigen solche Herausforderungen andauernd. Die Sprache eines neuen Komponisten zu erlernen, kann ein ganzes Leben lang dauern. Also können wir auch nur kleine Schritte zusammen machen, aber die Gelegenheit mit einer solch phänomenalen Gruppe von Musikern arbeiten zu können, ist für mich eine echte Freude. Einige Wenige, wie Rachel Roberts und Dan Zhu, haben meine Musik schon früher gespielt, aber mit all den anderen zu arbeiten, wird eine neue Erfahrung sein.“

Können Sie uns etwas zu Entstehung und Hintergrund Ihrer Komposition „Over Algiers“ sagen, die am 24. September 2016 im Theater in Kempten (TIK) uraufgeführt wird?

Derek Bermel: „‚Over Algiers‘ wurde ursprünglich als Mittelteil einer größeren Komposition namens ‚Murmurations‘ für Streichorchester geschrieben. Hier habe ich es für Geige und Klavier bearbeitet. Ich wollte, dass die Musik wie ein Vogel gleitet. Dafür lasse ich eine langsame Melodielinie von einer Geige ziehen, mit einer langen, mehrere Minuten dauernden Phrase zum Abschluss und Wiederholungen in denen sich über die Klavier-Arpeggios ein Kontrapunkt legt. Als Klarinettist liebe ich die langen Melodiebögen von Brahms und Schumann, ebenso von Mahler und Sibelius.“

Sie sind der erste Composer in Residence, der beim Festival auch instrumental auftritt. Sind öffentliche Proben mit einer so großen Nähe zum Publikum eine neue Erfahrung für sie?

Derek Bermel: „Nein, das mache ich andauernd! Wie wir in Amerika zu sagen pflegen: ‚That’s show biz‘“. 

kb/cam

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