"Zahlen sprechen für sich"

Dicht besiedelt: Im Gewerbegebiet Ursulasried gibt es nicht mehr viele Flächen zu verkaufen. Hier will die Verwaltung künftig gegensteuern. Foto: Matz

Ist man Geschäftsmann und kommt nicht gerade aus der Schweiz oder betreibt eine größere Möbelhaus-Kette, kann man mit der Wirtschaftspolitik der Stadt durchaus zufrieden sein. Meist klappt alles zügig und ohne größere Probleme. Von daher fiel der Zwischenbericht zur Umsetzung des strategischen Ziel „Kempten – das wirtschaftliche Zentrum der Region”, den Wirtschaftsreferent Dr. Richard Schießl am Donnerstagabend im Stadtrat vorstellte, durchweg positiv aus. Für Verwunderung im Gremium sorgte jedoch, dass die Stadt trotz der guten Daten eine nur vergleichsweise niedriges Pro-Kopf-Steuer-Aufkommen aufweist.

Die Eckdaten, die Schießl am Donnerstag präsentierte, können sich sehen lassen: Zwischen 2001 und 2011 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um 4500 von 29 857 auf 34 282. „Das ist eine gewaltige Zahl”, so Schießl. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit im Stadtgebiet bei 4,9 Prozent, Kaufkraft- und Zentralitätsindex liegen deutlich über dem Durchschnitt. Die Zahl der Einpendler ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsen (+ 4688). Positiv außerdem: Sowohl die Beschäftigungsquote bei Frauen als auch bei älteren Arbeitnehmern liegt in Kempten deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Stadtverwaltung wiederum sucht und pflegt den Kontakt zur heimischen Wirtschaft („Bestandspflege”). Firmenbesuche, der Wirtschafts- brief, Befragungen oder der Unternehmerstammtisch sorgen dafür, dass die Wege kurz bleiben. Zur „Förderung des Arbeitskräftepotentials” beteilige sich die Stadt am Allgäuer Bildungsportal oder dem Bildungsberater. Allerdings gibt es auch ganz konkrete Handlungsfelder, wie Schießl verdeutlichte. Als „Meilensteine 2012” nannte er die Neugestaltung der Eingangssituation „In der Brandstatt”, für die heuer ein städtebauliches Konzept entwickelt werden soll, sowie der Bau der Nordspange als wichtige Verkehrsinfrastrukturmaßnahme für die heimische Wirtschaft. „Wir müssen die Infrastruktur so schaffen, dass es für die Betriebe optimal ist”, betonte der Wirtschaftsreferent. Dringender Handlungsbedarf besteht hingegen bei der Ausweisung neuer Gewerbeflächen, insbesondere im Bereich Leubas-Süd. Das Problem: Kempten hat nicht mehr viele freie Flächen. „Gewerbeflächen sind der begrenzende Faktor”, sagte Schießl. Daher soll ein nachhaltiges Konzept entwickelt werden, das über den reinen Verkauf von Flächen hinaus gehe. Darüber hinaus sollen vermeintliche Zukunftsbranchen gezielt gefördert werden. Als Beispiele nannte Schießl unter anderem das Zentrum für Lebensmittel- und Verpackungsindustrie, das Forschungszentrum Allgäu oder das Modellprojekt eE-Tour Allgäu. Wenig Steueraufkommen Herbert Karg (FW), Wirtschaftsbeauftragter des Stadtrates, sah angesichts des Berichts wenig Anlass zur Kritik. „Die Zahlen sprechen für sich”, sagte er. Allerdings, so Karg weiter, müsse die Verkehrsinfrastruktur noch stärker ausgebaut und verbessert werden. Vor allem beim Ausbau der B12 müsse die Stadt weiterhin am Ball bleiben. Auch die beiden Stadträte Siegfried Oberdörfer (SPD) und Stephan Prause von der CSU sahen in einer besseren Anbindung an die wirtschaftlichen Zentren in München und Augsburg die Voraussetzung für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung. Verwundert über das niedrige Pro-Kopf-Steueraufkommen äußerte sich dagegen Dr. Philipp Jedelhauser (UB/ödp). Das habe wohl etwas mit dem hohen Anteil an schlechter bezahlten Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor zu tun, vermutete er. Bei einem höheren Anteil an produzierendem Gewerbe müsste auch das Steueraufkommen höher sein. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass viele im Umland leben, aber in Kempten arbeiten würden, was ebenfalls Auswirkungen auf das Steueraufkommen habe. Erna-Kathrein Groll von den Grünen störte sich dagegen an der vergleichsweise hohen Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent. Die sei im Umland zum Teil deutlich niedriger. „In Kernstädten habe ich immer eine höhere Arbeitslosigkeit – das ist in allen Städten so”, entgegnete Schießl. Fraktionskollege Thomas Hartmann appellierte dagegen, bei der künftigen Entwicklung auf einen möglichst geringen Flächenverbrauch zu achten. Außerdem warnte er vor den Gefahren einer immer teurer werdenden Mobilität. „Das kann irgendwann nicht mehr funktionieren”, mahnte der Grüne. Dass sich nur wenige Unternehmen in Kempten neu ansiedeln, beispielsweise im benachbarten Wolfertschwenden (Unterallgäu) dafür umso mehr, wunderte Stadtrat Stephan Prause (CSU). Hierbei gehe es um die Verhältnismäßigkeit, beschied OB Netzer. „Die Frage ist immer, wie viele Arbeitsplätze entstehen pro Quadratmeter”, sagte er. In Kempten lege man Wert darauf, möglichst viele Arbeitsplätze pro Quadratmeter zu schaffen. Bei Industriebetrieben mit hohem Flächenverbrauch wie in Wolfertschwenden sei es genau umgekehrt. „Das Verhältnis muss stimmen”, betonte Netzer.

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