Zehn Jahre "CLASSIX"-Festival in Kempten - am Sonntag Auftaktkonzert mit Kammermusik aus dem "Geheimnisvollen Osteuropa"

Start: "Geheimnisvolles Osteuropa"

+
Zum zehnjährigen Jubiläum wird aus "Fürstensaal Classix" nun "CLASSIX Kempten"

Es ist schon längst keine gewagte Idee von zwei „Kammermusikverrückten“ mehr, sondern eine anerkannte Institution in Sachen Kammermusik. Seit Anbeginn ist das Programm anspruchsvoll, die Musiker hochkarätig und die Organisation des Festivals hervorragend.

„CLASSIX Kempten“, wie es seit diesem Jahr heißt, ist ein musikalisches, aber auch ein logistisches und organisatorisches Meisterwerk, das schon längst Beachtung in den einschlägigen Medien, unter anderem BR-Klassik und Deutschlandradio Kultur, gefunden hat. Das Programm ist spannend – darauf können die Besucher sich verlassen. 

Als künstlerischer Leiter gräbt Oliver Triendl mit ungebrochenem Enthusiasmus hörenswerte Besonderheiten, feine Raritäten und vergrabene Schätze aus dem überaus fruchtbaren Boden der außergewöhnlichen Kammermusik aus. Die Werke gehören nicht zum „Mainstream“ der klassischen Kammermusik – sind jedoch stets hörenswert, häufig sehr nahe dran an den „großen Werken“ und immer wieder exquisit in ihrer Besetzung. Genau das kann ein Festival im Kemptener Stil eben leisten. Hier treffen sich Profis, die auf internationalen Bühnen zuhause sind, und bringen, man könnte fast sagen juvenile Spiel -und Experimentierfreude mit, um in die- ser ganz besonderen Atmosphäre das Triendelsche Repertoire zu erarbeiten. 

Die notwendigen Rahmenbedingungen schafft Festivalorganisator Dr. Franz Tröger mit seinem Team. Und so kann sich das Publikum jetzt schon auf Kammermusik aus dem „Geheimnisvollen Nordosteuropa“ freuen. Der Kreisbote sprach mit Triendl, Tröger und dem 1. Konzertmeister der Staatskapelle Dresden, Kai Vogler, der bereits zum fünften Mal dabei sein wird. 

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum von „Classix Kempten“. Haben Sie als Schöpfer des Festivals vor zehn Jahren damit gerechnet, dass es ein solcher Erfolg wird? 

Triendl: „Franz Tröger und ich brennen beide für zu Unrecht vergessene oder selten aufgeführte Werke. Ich war mir sicher, dass Kempten nicht zuletzt durch die Repertoirepolitik, die Franz Tröger bei den Meisterkonzerten seit vielen Jahren verfolgt, der ideale Ort für eine Oase für unbekannte Kammermusik ist. A und O ist, dass ich durch beste internationale Vernetzung befreundete Top-Kammermusiker aus ganz Europa ins Allgäu locken kann und diese unsere Idee mittragen.“ 

Tröger: „Damals hatten wir gar keine Zeit, über derlei Dinge nachzudenken. Wir hatten in der extrem kurzen Zeit von zwei Monaten alle Hände voll zu tun, unsere spontane Idee umzusetzen. Der Blick auf künftige Jahre kam mit dem Erfolg des Erstlings.“ 

Herr Tröger, Sie sind der Dreh- und Angelpunkt der Festivalorganisation. Um was müssen Sie, Ihre Familie und die Helfer vom „Freundeskreis Classix-Konzerte e.V.“ sich kümmern, damit ein reibungsloser Festivalablauf gewährleistet ist? 

Tröger: „Die Abläufe für Aufenthalt, Proben und Konzerte mit bis zu 25 Künstlern und verschiedenen Spielstätten müssen reibungslos funktionieren, damit die Musiker sich nur um ihre Repertoires kümmern müssen. Und natürlich müssen auch so profane Dinge wie beispielsweise der Kartenvertrieb oder die Kommunikation mit Unterstützern gewährleistet sein.“ 

Zum Festival kommen Künstler aus den verschiedensten Kulturkreisen. Sicher gibt es da die eine oder andere Anekdote zu erzählen... 

Tröger: „Sicher, es gibt in jedem Jahr lustige bis skurrile Überraschungen, doch die in der Öffentlichkeit auszubreiten überlasse ich besser den Betroffenen selbst. Vielleicht weiß Oliver Triendl, der ja die ganze Festivalwoche als selbst aktiver Musiker mit seinen Kollegen und Kolleginnen zusammen ist, da etwas zu berichten.“ 

Trotz des anspruchsvollen Programms, gehört nicht nur die „typische Klassikszene“ zum Publikum. Ist „Classix Kempten“ mit seiner besonderen Atmosphäre ein „Festival für alle“? 

Tröger: „Sie haben völlig recht. Natürlich sprechen wir das übliche Klassikpublikum in erster Linie an. Doch darüberhinaus stellen wir fest, dass es einen zunehmend größeren Besucherkreis gibt, der über die bekannten Repertoirestücke hinaus, so bedeutsam und beglückend diese auch sind, an unbekanntem Repertoire interessiert ist – sofern es qualitativ hohen Ansprüchen genügt. Und dafür sorgt unser Künstlerischer Leiter.“ 

288 Werke von 192 Komponisten haben Sie in den vergangenen Jahren „ausgegraben“. Empfinden Sie es manchmal als Druck, immer wieder etwas Besonderes für das Kammermusikfestival zu finden? 

Triendl: „Die Ideen kommen meist von selbst. Ich bin das ganze Jahr über unterwegs, treffe viele Kollegen, aber auch Musikwissenschaftler, Redakteure, tausche mich auf anderen Festivals aus. Es gibt wahn- sinnig viel zu entdecken, der Stoff reicht für viele Festivals...“ 

Romantische Töne aus dem Land der 1000 Seen oder schwermütig-melancholische Werke, die von der langen dunklen Jahreszeit der Region geprägt sind? Auf was darf sich das Publikum bei der geheimnisvollen Musik aus Nordosteuropa freuen? 

Triendl: „Natürlich sind eine ganze Menge der Werke, die in diesem Jahr aufgeführt werden, dunkel-melancholisch gefärbt. Die Menschen in diesen Regionen besitzen beispielsweise aber auch einen sehr charakteristischen Humor und eine spezielle Inspiration, die in vielen Stücken besonders zum Tragen kommen.“ 

Arvo Pärt, von dem wir auch dieses Jahr hören, war 2006 als zeitgemäßer Komponist eine Ausnahme zwischen Schubert, Mozart und Schostakowitsch. Heute sind solch berühmte Namen eine Ausnahme unter wenig bekannten Komponisten. Woher kam Ihr Vertrauen, dem Publikum immer mehr ungewohnte Hörerlebnisse „zuzutrauen“? 

Triendl: „Wir haben uns mit unserem Programm und mit lebendigen Interpretationen im Laufe der Jahre ein großes Vertrauen beim Publikum erarbeitet. Classix Kempten steht für höchstes Niveau und ein hochspannendes Programm, welches in der reichen Festival-Landschaft einzigartig ist. Unser Publikum ist sehr neugierig geworden. Dies bestätigt unseren Weg und fordert uns immer wieder aufs Neue heraus.“ 

Wie schnell konnten Sie den diesjährigen „Composer in Residence“ Sebastian Fagerlund von einer Teilnahme, und damit einem eigens komponierten Werk für Kempten, überzeugen? 

Triendl: „Ich war im vergangenen Jahr auf dem Kammermusikfestival ‚Rusk’ im finnischen Jakobstad zu Gast, welches von Sebastian Fagerlund und Christoffer Sundqvist geleitet wird – übrigens ein Festival mit einer sehr spannenden und individuellen Programmatik! Ich habe mich mit Sebastian, dessen Musik ich sehr schätze und der ein äußerst sympathischer Zeitgenosse ist, angefreundet, so dass es überhaupt keine Mühe kostete, ihn für unser Festival zu begeistern. Er hat bereits von mehreren finnischen Musikern, die in Kempten zu Gast waren, von unserem Projekt gehört und war neugierig geworden!“ 

Herr Vogler, sie sind als „Mann der ersten Stunde“ zum fünften Mal dabei. Wie gefällt Ihnen das diesjährige Thema „Geheimnisvolles Nordosteuropa“? 

Vogler: „Für mich wird es sehr interessant sein, neben Werken von Olli Mustonen, dessen Stil ich schon kenne, andere Kompositionen der nordeuropäischen Regionen kennenzulernen. Es ist ja eine Besonderheit des Kemptener Festivals, nicht nur das Publikum, sondern auch die Künstler immer mit Neuem zu überraschen.“ 

Auch wenn sie im Vorfeld schon etwas an den Werken feilen können, ist die Herausforderung des Festivals groß. Unbekannte Kollegen, ein selten gespieltes Repertoire und wenig Zeit zum Proben – wie gelingt es, dem Publikum trotzdem hervorragende Kammermusik zu präsentieren? 

Vogler: „Das ist sicher eine Herausforderung, aber einige der Kollegen kennen sich dann doch, und die Erfahrungen und Fähigkeiten, die jeder Musiker mit einbringt, lassen das eine oder andere kleine Wunder geschehen.“ 

Eine Besonderheit in Kempten sind die offenen Proben. Sie sind Profimusiker – ist es trotzdem ein „komisches Gefühl“, sich beim Erarbeiten der Werke „auf die Finger schauen zu lassen“? 

Vogler: „Nein, für mich ist das nicht ungewöhnlich. Bei den Proben ist man ja über das erste ‘Übe-Stadium’ schon hinaus und ich gebe interessierten Hörern gerne Einblick in die musikalische Probenarbeit.“ 

Warum sollten passionierte Kammermusikhörer und Besucher anderer Kammermusikfestivals sich „CLASSIX Kempten“ trotzdem nicht entgehen lassen und was könnte für Neulinge daran besonders faszinieren? 

Vogler: „Da ist zum einen das schon erwähnte selten zu hörende Repertoire der Konzerte und zum anderen die hochkarätige Besetzung des Festivals. Diese Kombination macht Classix Kempten meiner Meinung nach einzigartig.“   Cordula Amann

Meistgelesene Artikel

"Politikum ersten Ranges"

Kempten – Wie geht es nach 2016 weiter mit der Psychosozialen Krebsberatungsstelle Kempten-Allgäu? Obwohl die Beratungszahlen seit der Eröffnung 2010 …
"Politikum ersten Ranges"

Einbruchserie geklärt

Kempten - Nach einem Hinweis gelang Beamten der Kemptener Polizeiinspektion Kempten die Festnahme von mehreren Einbrechern, die abgestimmt und …
Einbruchserie geklärt

"Bazis" und Nachtwächter

Kempten – Mit neuen Kinderstadtführungen startet Kempten Tourismus in die beginnende Haupturlaubszeit. Dass Kemptens Stadtgeschichte nicht nur beim …
"Bazis" und Nachtwächter

Kommentare