Zeit sinnvoll nutzen

„Dort wo Eltern nicht mehr willens sind, ihre Kinder zu erziehen, da muss der Staat eingreifen“, so lautete die Forderung der Bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU) bei ihrer Pressekonferenz in der Justizvollzugsanstalt Kempten (JVA) vergangene Woche. Aufgrund der Ereignisse der letzten Zeit, wie zum Beispiel der Attacke der zwei Jugendlichen auf den Münchner S-Bahn-Fahrgast, trat sie für mehr Prävention und Therapie vor allem in der Kinder- und Jugendkriminalität ein.

Möglichkeiten der Prävention seien durch den Familienrichter gegeben, erklärte Merk. Der könne an erster Stelle das Gespräch mit den Eltern suchen, und falls das zu keiner Veränderung führt, das Kind aus der Familie nehmen. Gleichzeitig könne der Familienrichter auch Hilfe vermitteln oder beratende Funktion übernehmen. Als letzter Schritt sei schließlich noch denkbar, den Eltern das Sorgerecht für ihr Kind zu entziehen. Im Bereich der Sozialtherapie betonte Merk, dass daran gearbeitet werde, weitere und bessere Maßnahmen zu finden, um den Strafvollzug effektiver zu gestalten. Man müsse den Jugendlichen sagen: „Das darf man nicht tun!“ Aber gleichzeitig solle man sie nicht „mit dem Signum versehen, das wird ein Krimineller“. Im Rahmen der Sozialtherapie seien in der Kemptener Justizvollzugsanstalt bereits wichtige Mittel eingeführt worden, äußerte Merk. Sie forderte, dass man „diese Zeit nutzt um im Gedankengefüge der Gefängnisinsassen etwas zu ändern.“ Da gebe es einerseits Anti-Gewalt-Trainings, die dazu beitragen sollen, Aggressionen abzubauen und den Inhaftierten eine sinnvolle Beschäftigung während ihres Arrestes zu ermöglichen. Möglich seien sportliche Mannschaftsspiele, wie beispielsweise Fußball und Volleyball, die „das Soziale“ vermitteln und den Häftlingen beibrächten, „gewinnen und verlieren zu können“. Wie Uwe Siller, stellvertretender Anstaltsleiter, hinzufügte, organisiere die JVA-Leitung demnächst einen sogenannten „Gitter-Kick“, ein Fußballturnier zwischen Mitarbeitern, Lehrern und Insassen. Das Ungewöhnliche: Selbst die Polizei wird mit einer eigenen Mannschaft antreten. Eine andere Form der Therapie, mit Hilfe von Kunst, sei in Kempten das Malen von Grafitti auf grundiertem Stoff. Jugendkriminalität rückläufig Als „Zukunftsmusik“ beschrieb die Justizministerin das Jugend-Projekt „Wohngruppe“, an dessen Umsetzung sie momentan arbeite. Merk: „Es geht darum, dass die jugendlichen Straffälligen ganz alltägliche Sachen, wie Kochen und Waschen selbst in die Hand nehmen und so an einen strukturierten Alltag gewöhnt werden.“ Hierfür seien besonders in Kempten durch den Neubau ideale Verhältnisse vorhanden. Generell sprach Merk von einer Rückläufigkeit der Jugendkriminalität. 90 Prozent der Jugendlichen kämen nie mit dem Gericht in Kontakt und von den restlichen 10 Prozent seien es wiederum 90 Prozent die kein zweites Mal straffällig würden. Gerade deshalb sei ein „sanfter Einstieg“ ins Jugendstrafgesetz wichtig, was Merks Forderung nach einer dreimonatigen Therapie im Gefängnis statt vier Wochen Arrest unterstreiche.

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