Wie Edith Erbrich das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte

Eine Zeitzeugin berichtet

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Der Historiker Thomas Altmeyer und die Zeitzeugin Edith Erbrich vermittelten einen Einblick in das Leben und Überleben von Menschen, die von den Nationalsozialisten wegen ihrer Religion ausgegrenzt, verfolgt und systematisch ermordet wurden.

Kempten – Für die Schultheatertage 2016 hat sich die Kinder- und Jugendtheatergruppe Bühnentaucher e.V. einem anspruchsvollen Stück gewidmet. Mit „Doch einen Schmetterling habe ich hier nicht gesehen“ der Autorin und Regisseurin Lilly Axster beleuchteten die Bühnentaucher das Leben, die Träume und die Wünsche der Kinder und Jugendlichen im Ghetto Theresienstadt (der Kreisbote berichtete). Wie nah an der Wirklichkeit das Stück und wie emotional überzeugend die Darstellung der jugendlichen Schauspieler präsentiert wurde, zeigte sich beim Zeitzeugengespräch mit Edith Erbrich im Anschluss an die Theateraufführung vergangene Woche in der Theaterwerkstatt des TheaterInKempten (TIK).

Bei der Vorbereitung zum Theaterstück ist das Team der Bühnentaucher auf bewegende Schicksale der Kinder und Jugendlichen im Konzentrationslager Theresienstadt gestoßen. Um den Besuchern des Theaterstücks weiterführende Informationen zum Leben und Überleben im Ghetto Theresienstadt zu vermitteln, haben Theaterpädagogin Gabi Scheidl, Kindergruppenleiterin Lisa Scheidl sowie Markus Schlager, Thomas Henze und Wolfgang Hebenstreiter die Wanderausstellung „Kinder in Theresienstadt“ nach Kempten geholt. Diese Ausstellung des „Studienkreises Deutscher Widerstand 1933 – 1945“ war der Auslöser, dass Edith Erbrich (geborene Bär) als Zeitzeugin aktiv wurde. Zunächst war es die Bitte, ihre persönliche Lebensgeschichte für den Katalog zur Ausstellung niederzuschreiben. Daraufhin trat ein Lehrer an sie heran mit dem Wunsch ihre Erlebnisse als Kind in der Zeit des Nationalsozialismus seinen Schülern zu vermitteln. Seither ist Edith Erbrich als Zeitzeugin an Schulen und bei Ausstellungen gefragt.

Im Anschluss an die Theateraufführung der Bühnentaucher in der Theaterwerkstatt des TheaterInKempten in der Franz-Tröger-Straße eröffneten der Frankfurter Historiker Thomas Altmeyer und Erbrich die Gesprächsrunde. Die 1937 in Frankfurt geborene Erbrich wuchs wie sie es selbst beschreibt „religiös zweigleisig“ auf. „Meine Mutter war katholischen, mein Vater war jüdischen Glaubens und zuhause feierten wir sowohl die jüdischen als auch die katholischen Festtage“. Als „jüdisches Mischlingskind“ spürte sie die zunehmende Diskriminierung und Repression auf Grund der Religion. Auch als Kind musste sie den gelben Judenstern tragen und durfte nicht mit nichtjüdischen Kindern spielen. Das Fahren mit der Straßenbahn war ihr und ihrer vier Jahre älteren Schwester Hella verboten – ebenso der Besuch der Schule. „Wie Kinder halt so sind, trafen wir uns heimlich mit unseren Freundinnen im Hinterhof – mussten aber immer aufpassen, dass uns keine Erwachsenen sahen“, schilderte Erbrich das Kindsein im Frankfurter Ostend.

Am 14. Februar 1945 wurde die siebenjährige Edith zusammen mit ihrer Schwester, Vater Norbert und ihrem Cousin Heinz Bär vom Frankfurter Ostbahnhof abtransportiert. An diesem Tag wurden die beiden Mädchen von ihrer Mutter getrennt und Keiner wusste, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Zusammen mit über 600 Personen wurden sie in Eisenbahnwagons gezwängt und auf eine Reise geschickt, deren Zielort sie nicht kannten. In der behördlichen Anordnung war als Transportziel lediglich „nach außerhalb“ angegeben. Fünf Tage später kamen sie völlig verdreckt in Theresienstadt an und mussten dort erleben, wie sich die Wachleute über ihren Zustand lustig machten. „Gleich nach der Ankunft stand uns beiden Mädchen der nächste Schock bevor: Die Trennung von unserem Papa. Die Erwachsenen waren an einem anderen Ort im Ghetto untergebracht als die Kinder und um uns zu sehen, musste mein Vater dies vorher beantragen“, erfuhren die Gäste des Zeitzeugengesprächs. Wie zynisch und unmenschlich die Nationalsozialisten und ihre Handlanger sein konnten, erläuterte Erbrich an einer grausamen Situation, die ihre Schwester erlebte: „Hella war eines Tages mit anderen Mädchen eingeteilt, um einen Wagon mit Süßigkeiten auszuräumen. Sie malte sich schon aus, wie sie für uns beide das ein oder andere Stückchen beiseite schaffen könnte. Als es dann soweit war und die Türen des Wagons geöffnet wurden, mussten die Mädchen entsetzt erkennen, dass sie belogen worden waren. Statt einem Wagon voller Süßigkeiten mussten sie einen Wagon voll mit Toten entladen.“

Der 8. Mai 1945 wurde für die Geschwister Bär und ihren Vater in mehrfacher Hinsicht zum Glückstag. So wurde an diesem Tag die Kapitulation aller deutschen Truppen erklärt und somit der 2. Weltkrieg in Europa beendet. Am selben Tag wurde das Ghetto Theresienstadt von Soldaten der Roten Armee befreit. Wie sich bei Recherchen von Edith’s Vater herausstellte, war die ganze Familie einen Tag später für den Abtransport in die Gaskammern von Ausschwitz vorgesehen gewesen.

Im Dialog mit dem Publikum betonte Edith Erbrich, wie unvergesslich für sie der Zusammenhalt der Kinder in Theresienstadt war: „Wir haben Hunger und Heimweh geteilt und zusammen ertragen.“ Eine Quelle für Kraft und Hoffnung in dieser Zeit der Angst stellte für sie ihr Vater dar, der nie den Glauben daran verlieren zu schien, dass Alles ein gutes Ende nehmen werde. Kritisch äußerte sich Erbrich zur weit verbreiteten angeblichen Unkenntnis der Kriegsgeneration: „Wenn mir jemand sagt, er habe Angst gehabt, dann kann ich das gut verstehen – wenn aber erzählt wird, ‚Wir haben von Alle dem Nichts gewusst‘, dann kann ich das nicht akzeptieren. Wenn Nachbarn, Arbeitskollegen, Sportfreunde und Mitschüler von heute auf morgen nicht mehr da sind, dann bleibt so etwas nicht unbemerkt!"

Ghetto Theresienstadt

In der Topographie des Holocaust bildet Theresienstadt, eine nördlich von Prag gelegene Festung und Garnisonstadt aus den Zeiten der Habsburger Monarchie, eine Schnittstelle – eine Schnittstelle, an der sich Transporte auf dem Weg in den Tod trafen. Mit der Ankunft der ersten Transporte aus Prag am 24. November 1941 begann der Aufbau dieses Durchgangslagers. Bis Ende 1942 waren drei Viertel der jüdischen Bevölkerung Böhmens und Mährens in Theresienstadt „ghettoisiert“. Ab Sommer 1942 trafen Transporte aus Deutschland und Österreich ein. Die Garnisonstadt war um 1930 von etwa 7000 BürgerInnen bewohnt. Im September 1942 mussten sich 53.264 Menschen die Räume in Kasernen, Verwaltungsgebäuden und Schuppen teilen. Auf jeden Häftling entfielen zu diesem Zeitpunkt 1,6 Quadratmeter. Zum Leben, zum Schlafen und zum Sterben.

Michael Schropp

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