Zerschlagen ist kaum machbar

Trüb und kalt war jener Montagmorgen Mitte März, als die Fahnder in aller Frühe unvermittelt losschlugen: 41 Wohnungen in ganz Deutschland, darunter 15 in Bayern, durchsuchten die Ermittler, nahmen 17 Verdächtige fest und stellten tonnenweise Diebesgut und tausende Euro sicher. Zeitgleich schlug die Polizei auch im europäischen Ausland zu. Federführend bei diesem Schlag gegen die georgische Mafia war die Staatsanwaltschaft Kempten. Eine Aktion, die bezeichnend ist für die wachsende Bedeutung der Kemptener Ermittlungsbehörde im bayerischen Justizsystem. Vergangenen Donnerstag blickte Behördenleiter Herbert Pollert (Leitender Oberstaatsanwalt) auf das vergangene Jahr aus Sicht der Allgäuer Ermittler zurück.

Bei dem Schlag gegen die Georgier-Bande handelte es sich bei weitem nicht um den einzigen spektakulären Fall von überregionaler und sogar internationaler Bedeutung der Kemptener Strafermittler. Seit 2008 konnten von der Staatsschutzkammer des Landgerichts München I acht russische Mafiosi angeklagt und unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Erpressung, Drogenhandel, Urkundenfälschung und Geldfälschung verurteilt werden. Möglich gemacht hatten das ebenfalls die Kemptener Staatsanwälte. Ins Rollen gekommen war der Fall durch einen eher zufälligen Treffer in Kaufbeuren. „Wenn man dann genau hinschaut, findet man schnell mafiöse Strukturen“, berichtete Oberstaatsanwalt Peter Koch, der von „sehr, sehr aufwändigen Ermittlungen“ sprach. Und schon waren die Kemptener bayernweit sonderzuständig für die im Fachjargon „Tätergruppierung“ genannte Gangster-Bande. Mühen, die sich ausgezahlt haben: Denn im Zuge der Ermittlungen gegen die Russen stießen die Ermittler auch auf die georgische Mafia-Gruppe, die im März unter der Federführung von Koch hochgenommen wurde (der KREISBOTE berichtete). Wie eine Firma „Das sind Profis“, betonte Koch. Bei einem Verdächtigen habe man an die 20 Tonnen Diebesgut gefunden – fast ausschließlich teure Kosmetika, Parfümes oder Zigaretten. Die Struktur solcher postsowjetischen Banden erinnert fast an ein Unternehmen. An der Spitze steht laut Koch ein „Dieb im Gesetz“, der als Autoritätsperson, Schlichter und Richter unangefochten das „Unternehmen“ leitet. Darunter stehen die „Vertrauten“, dann kommt der „Statthalter“ in einer Region oder Land, und schließlich das einfache Mitglied. „Die Mitglieder sind selbstständig in ihrer Tätigkeit“, erläuterte Koch. Ein guter Teil der Beute muss jedoch in eine gemeinsame Kasse, den „Abschtschjak“, eingezahlt werden. Aus diesem Topf werden später unter anderem die Anwälte festgenommener „Kollegen“ bezahlt oder deren Familien unterstützt. Bandenmitglieder, die gefasst werden, lange Haftstraßen verbüßen und trotzdem nicht mit den Behörden kooperieren, winkt nach der Freilassung der rasante Aufstieg in solch einer Organisation. Überhaupt ist den Banden-Mitgliedern die Zusammenarbeit mit Ermittlern streng verboten. Im Gegenteil: „Vor Gericht wird dann zum Schluss nur das zugegeben, was während der Verhandlung sowieso ans Tageslicht kam, um noch ein bisschen besser weg zu kommen“, berichtete Koch von seinen Erfahrungen mit solchen Vereinigungen. Trotz der jüngsten Erfolge geben sich weder Koch noch Pollert Illusionen hin. „Wir können die nicht zerschlagen“, waren sich beide sicher. Durch die Festnahme der Verdächtigen sei die Bande derzeit zwar geschwächt. Aber schon bald würden die Gefassten durch andere Ganoven ersetzt werden. Doch bei den Verfahren gegen die beiden Mafia-Gruppierungen handelt es sich nicht um die einzigen Sonderzuständigkeiten der Kemptener Staatsanwaltschaft. Im Zusammenhang mit der Rinderkrankheit BSE ermitteln die Allgäuer seit der Jahrtausendwende auch bei Straftaten gegen lebensmittelrechtliche Bestimmungen. Darüber hinaus ist Pollerts Team seit März vom bayerischen Justizministerium in München damit beauftragt, gegen in Bayern stationierte Soldaten der Bundeswehr zu ermitteln, sollten die sich während eines Auslandseinsatzes einer Straftat verdächtig gemacht haben. Weitgehend ausgenommen sind laut Pollert Soldaten in Afghanistan, da die wegen des kriegsähnlichen Zustands am Hindukusch unter das Völkerstrafgesetzbuch und damit unter die Zuständigkleit des Generalbundesanwalts fallen.

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