Geschichte(n) eines Hauses und der Familie, die ihm seinen Namen gab

Das Zumsteinhaus

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Äußerlich nahezu unverändert ist das Zumsteinhaus bis heute geblieben.

Kempten – In prominenter Lage am Residenzplatz 31 steht seit 1802 der Familiensitz der Seidenhändlerfamilie Zumstein. Während es in Kempten auf reichsstädtischem Gebiet zahlreiche eindrucksvolle Patrizierhäuser zu bestaunen gibt und in der Stiftsstadt die Residenz den Typ der prachtvollen „höfischen“ Gebäude vertritt, ist in direkter Nachbarschaft das Zumsteinhaus der einzige Repräsentant der Bürgerlichkeit und der einflussreichen Kaufmannsfamilien, die in der Doppelstadt Handel trieben.

Die Familie Zumstein gehörte zu einer ganzen Reihe von Familien, die seit dem späten Mit-telalter aus dem savoyischen Aostatal nach Süddeutschland auswanderten. Savoyen war bis 1860 ein eigenständiges Königreich, dessen Herrschaftsgebiet bei seiner Auflösung zwischen Italien und Frankreich aufgeteilt wurde.

Aus "de la Pierre" wird "zum Stein" 

Der östliche Teil fiel dabei mit der Provinz Aosta an Italien, dennoch war Französisch die Sprache, die sich weiterhin in den Namen wiederfand. So auch im Namen der Zumsteins, die in ihrer Heimat De la Pierre hießen. Erst bei ihrer Einwanderung in Süddeutschland wur- de der Name eingedeutscht. Besser wäre allerdings zu sagen: De la Pierre ist die Übertragung aus dem Deutschen, denn der Heimatort der Zumsteins, Gressoney, gehörte zu den so genannten deutschen Sprachinseln, die es in Savoyen öfter gab und wo sich der deutsche – genauer der alemannische – Charakter am besten bewahrt hat. Umgekehrt spielte dies wiederum eine wichtige Rolle bei der Auswanderung nach Deutschland; besonders die katholische Religion war ein Faktor für die Wahl der neuen Heimat. Auswanderer aus Savoyen ließen sich im ganzen alemannischen Gebiet nieder; im Elsass, südlichen Baden, Hohenzollern und Württemberg sowie im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben und in Vorarlberg. Auch die Mitglieder der Familie Zumstein haben sich in diesem Raum weitverstreut niedergelassen. So ist ein Großseidenwarenhaus Zumstein aus Gressoney von 1807 bis 1836 in Konstanz belegt. Daneben trifft man in Wangen im Allgäu auf den Namen und einem weiteren Zweig begegnet man in Bad Dürkheim in der Pfalz. Dort werden unter dem Namen Zumstein heute noch edle Weine abgefüllt und zu Kempten bestehen neben der Verbindung durch die Familien auch freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen auf kommunaler Ebene.

In Kempten gehörten die Zumsteins, wie der Familienzweig in Konstanz, zu den Seidengroßhändlern. Die erste Station im Allgäu war jedoch zunächst Memmingen. Hier unterhielten sie ihr Warenlager in der Gastwirtschaft „Zum Schiff“ und später im „Bauerntanz“. Nach jahrelangem Bestehen in einmütiger Nachbarschaft mit den heimischen Händler traten Schwierigkeiten auf, als einige der Memminger Kaufleute sie beschuldigten, gegen die vor der Obrigkeit beglaubigten Handelsvereinbarungen, ausschließlich Handelswaren aus Turin nach Memmingen zu bringen, verstoßen zu haben. Möglicherweise lag darin der Grund für eine Verlegung der Handelsniederlassung nach Kempten. Handelsbeziehungen in die Stiftsstadt bestanden jedenfalls bereits 50 Jahre bevor sie sich hier niederließen. Doch auch hier waren die ansässigen Mitglieder der Kramerzunft über die Konkurrenz nicht begeistert und wehrten sich – allerdings erfolglos – gegen die Ausstellung der Konzession zur Einrichtung eines Warenlagers an die Handelsgesellschaft „Vinzenz und Nikolaus zum Stein“, die 1784 schließlich erteilt wurde.

Das Warenlager unterhielten sie im so genannten Landhaus. Das ebenfalls durch seinen Volutengiebel auffällige Gebäude in direkter Nachbarschaft zum Zumsteinhaus am Residenzplatz beherbergt heute die Commerzbank. In seinem Namen steckt aber der ursprüngliche Zweck verborgen: Dieses Haus wurde 1732 als Sitz der stiftischen Landstände erbaut. Als Landstände bezeichnet man die Versammlung von mindestens zwei Vertretern aus den drei Ständen Klerus, Adel und Bürgertum. In seltenen Fällen waren auch Bauern als vierter Stand vertreten, was für Kempten mit Blick auf den Bauernkrieg ausgeschlossen werden kann. Die Ständevertretung bildete das politische Gegengewicht – ein Vorläufer des Parlaments – zur Macht des Fürstabts, da sie die finanzielle Stütze des Landeshaushalts darstellte und so beispielsweise in Steuerfragen Mitspracherecht erlangte. In diesem Zusammenhang betrachtet, ging es den ansässigen Kaufleuten wohl nicht ausschließlich um die Furcht vor der Konkurrenz, sondern auch um die Fähigkeit, die Aufgaben und Pflichten wahrnehmen zu können. Aus der Memminger Zeit der Zumsteins ist bekannt, dass sie neben einer Beschränkung auf in ihrem Namen gelistete Waren und die Abgabe einer speziellen Gebühr, zudem ein Zeugnis über ihre Vermögensverhältnisse vorweisen mussten, um eine Handelskonzession zu erhalten.

Ein wertvoller Schatz, um mehr über die Tätigkeit und die Familie aus dem Aostatal zu erfahren, bilden Überreste des Firmenarchivs mit Briefen aus der Zeit vor 1803, also bevor sie mit dem Zumsteinhaus in Kempten einen festen Wohnsitz einrichteten. In Wolfgang Petz’ „Zweimal Kempten – Geschichte einer Doppelstadt“ aus dem Jahr 1998 wird die Geschichte der Zumsteins in Kempten anhand eines Teils des Firmenarchivs beleuchtet, aus welchem sich sowohl in Kempten als auch in Apolda Dokumente in Privatbesitz befinden. Die Akten umfassen neben Rechnungen und Quittungen auch Warenbestellungen sowie Frachtbriefe. Das älteste von Petz ausgewertet Dokument datiert auf den 21. Oktober 1741. In der Korrespondenz firmiert die Gesellschaft zunächst unter der Bezeichnung (Johann) Nicolaus Zumstein & Co, ab 1776 unter Nicolaus Zumstein und Vincent und nach dem Austritt von Vincent 1798 unter Nicolaus Zumstein und Söhne.

Weitere Informationen aus Geschäftsbriefen erreichten Kempten 1978, als sich der Omnibusunternehmer Herbert Reinalter aus Laupheim bei Ulm an die Stadtverwaltung wandte. Er bat um Auskunft zu Briefen mit den Adressaten „Herrn Nikolaus zum Stein“ oder „Herrn Nikolaus zum Stein und Vincent in Kempten bezw. Stift Kempten“. Die Briefe umfassten einen Zeitraum von 1784 bis 1799 und aus dem Inhalt war lediglich zu entnehmen, dass es sich um Bestellungen für Stoff handelte. Bemerkenswert an diesen Adressen ist die strenggenommen genaueste Übertragung des Familiennamens „de la Pierre“ oder „dela Pierre“ aus dem Französischen ins Deutsche.

Nachdem eine Antwort ausblieb, richtete sich Reinalter mit demselben Anliegen an die „Verwaltung des Stifts Kempten“, die seit der Säkularisation 1803 in dieser Form nicht mehr existierte und deshalb im Kreiskrankenhaus landete, weil sich der Briefträger erinnerte, dass das alte Stiftskrankenhaus früher im allgemeinen Sprachgebrauch schlicht „Stift“ genannt wurde.

Nach dieser „kuriosen Odyssee“, wie es Dr. Wolfgang Haberl in seinem Antwortschreiben formulierte, landete die Anfrage schließlich auf seinem Tisch im Stadtarchiv und er konnte Reinalter endlich die gewünschten Antworten liefern. Neben dem was in diesem Artikel schon aufgeführt wurde, wusste Haberl noch zu berichten, dass nach seinem Wissen der deutsche Konsul Dr. Karl Zumstein für Vorarlberg in Lindau lebe und in München ein Zweig der Familie das Zumstein-Landkartenhaus betrieb, bevor es sich 1971 mit dem Stuttgarter Großhandelsbereich des Reise- und Verkehrsverlages zur heute noch existierenden „Geo Center – Internationales Landkartenhaus GmbH Stuttgart/München“ zusammenschloss. An dieser Stelle ist die sich ergänzende oder von der einen aus der anderen erwachsene Tätigkeit der einzelnen Familienzweige anzumerken. Ebenso interessant ist, dass neben der Familie Zumstein noch weitere Familien aus der Provinz Aosta und speziell aus ihrem Heimatort Gressoney im Laufe der Jahre ins Allgäu kamen und sogar zu Mitarbeitern, Teilhabern oder Vertretern der Händlerfamilie wurden. Wolfgang Petz berichtet beispielsweise von Joseph Anton Rial (Real), der mit seiner Familie im 19. Jahrhundert die Gaststätte im Landhaus betrieb und die Interessen der Handelsgesellschaft sowohl in Wangen als auch in Isny vertrat. Ein weiterer Name aus Gressoney war die Familie Welf, die sich nach Petz ähnlich weiterverzweigt im süddeutschen Raum niederließ.

Für die Kemptener Zumsteins lag bis ins 19. Jahrhundert der Schwerpunkt auf dem Seidenhandel, wobei auch Baumwollwaren im Sortiment auftauchten. Ihre Ware bezogen sie vorwiegend en gros aus Oberitalien und der Schweiz. Die Produktpalette umfasste Flor, Musselin, Garne, Seidentücher, Seidenbänder und andere Textilien. Der Transport zwischen Deutschland und der Schweiz bzw. Italien lief in der Regel über Lindau und über zuverlässige Partner wie die Speditionsfirma Johann Michael von Seutter. Der Vertrieb der Ware im Umland erfolgte dann überwiegend über so genannte Detailverkäufer, die vom Unterallgäu bis nach Oberschwaben tätig waren. Nikolaus Zumstein selbst hielt sich regelmäßig zur Messezeit am Bodensee auf. Wichtiger scheint jedoch die Veitsmesse im Sommer in Ulm, für die er sich ganze zwei Wochen in der Stadt aufhielt, um Geschäftskontakte zu pflegen und neue zu knüpfen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich die Familie Nikolaus Zumstein in Kempten etabliert und wirtschaftlich gefestigt. Das fiel auch zusammen mit dem Zusammenbruch der reichskirchlichen Herrschaft und so erscheinen die Jahre 1802/03 für den Erwerb des Grundstücks aus stiftischem Besitz und die Errichtung des ersten festen Domizils der Familie nördlich der Alpen als logische Konsequenz.

Unbekannter Architekt 

Leider ist über den Architekt dieses beeindruckenden Stadtschlosses mit seiner klassizisti-schen Fassadengestaltung und dem Mansardendach nichts bekannt. Der Künstler des hochgelobten Gartentors ist Schlossermeister Narzis Musch. Das Tor aus dem Jahr 1830 zeigt die perspektivische Darstellung eines Treppenaufgangs zu einem dreiteiligen Portal. Dieses Tor war ursprünglich der nach Westen gelegene Durchgang in den Garten zwischen Zumsteinhaus und den Langen Ständen, bevor diese Ende der 1950er Jahre verkürzt und mit dem Tor Richtung Stadtpark versetzt wurden, um das freistehende Palais besser zur Geltung zu bringen.

Die Familie hatte sich in der Zwischenzeit aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen und die Erbengemeinschaft, die mittlerweile wieder im Aostatal lebte, hatte das Haus an die Sparkasse verkauft, die es wiederum im Tausch gegen das Weidlehaus an die Stadt Kempten abtrat.

In dieser Zeit rückten nun auch die Innenräume ins Blickfeld der Kulturverantwortlichen. Denn in der Stadt gab es neben den Schätzen aus dem römischen Cambodunum, die bereits seit 1961 im Erdgeschoss zu Hause waren, auch eine naturwissenschaftliche und die geologische Sammlung von Karl August Reiser, die man Interessierten, vor allem Schulklassen, für den Anschauungsunterricht zugänglich machen wollte. Als die letzten Bewohner ausgezogen waren, brachte die erste Besichtigung allerdings schnell Ernüchterung dieses Vorhaben vor allem kostengünstig umsetzen zu können. Denn die Räume der beiden Obergeschosse waren in einem verwahrlosten Zustand und die Böden erwiesen sich statisch nicht als tragfähig, um die schweren Vitrinen mit Ausstellungsstücken zusammen mit dem Gewichte von Besuchern zu tragen. Deshalb gehörten zu den wichtigsten Arbeiten ab Frühjahr 1970 das Einziehen von Stahlträgern zur Verstärkung der Böden, die kosmetische Restaurierung der abgetretenen Treppe und neue Eichenparkettböden.

Mit der Neugestaltung wurden auch die drei Sammlungen neu konzipiert: Die Cambodunum-Sammlung erstreckte sich nun über Erd- und erstes Obergeschoss und hier war nun auch Platz für einen Lehrsaal. Im zweiten Obergeschoss fanden die geologische und naturkundliche Sammlung einen würdigen Ort.

Die Zukunft des Hauses 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends waren wieder Sanierungsmaßnahmen und eine Neuordnung des Nutzungskonzepts Gesprächsstoff im Stadtrat. Diskutiert wurde, die drei Sammlungen nun mit der Tourist-Info zu verknüpfen. Ein Vorhaben, das nie umgesetzt wurde, stattdessen wäre der Museumsbetrieb zwei Jahre später für längere Zeit fast komplett zum Stillstand gekommen, wäre nicht der Heimatverein mit ehrenamtlichem Engagement in die Bresche gesprungen.

Das Stuttgarter Unternehmen „jungled nervs“ ist nun seit 2014 mit der Neugestaltung betraut, an dessen Anfang zunächst eine Untersuchung des Baukörpers steht. Damit die Exponate diese „schmutzige“ Arbeit unbeschadet überstehen mussten sie umziehen, weshalb das Museum seit Anfang Mai 2015 auf unbestimmte Zeit geschlossen wurde.

Das Zumsteinhaus bleibt dennoch, auch ohne seinen wertvollen Inhalt zeigen zu können, das Schmuckstück im Herzen der Stiftsstadt.

Von Yvonne Hettich

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