"Abwertend und respektlos"

Entwurf 3 der Berliner Landschaftsarchitekten „ST raum a.“ ist aufgrund der unzureichend gelösten Entwässerung nicht realisierbar, sagt OB Ingo Lehmann und widerspricht damit dem Gutachtergremium sowie Prof. Ulrich Holzscheiter: „Dieser Umbauentwurf ist sehr wohl realisierbar, wenngleich im Detail sehr verbesserungswürdig.“ Visualisierung: ST raum a.

Was mag wohl einen Professor der Hochschule München bewegen, mit dem Zug eigens aus der Landeshauptstadt nach Landsberg zu reisen, um ohne Auftrag an einem Pressegespräch teilzunehmen? Im Fall von Prof. Ulrich Holzscheiter ist es der Unmut darüber, wie die Stadtobe­ren mit der Arbeit und dem Ergeb­nis des Gutachtergremiums zum Hauptplatzumbau umgehen: „fast abwertend und respektlos“.

Der Architekt und Stadtplaner aus München war stimmberechtigtes Mitglied im Gutachtergremium zum beschleunigten VOF-Verfahren Hauptplatzumbau. Mit den beiden Architekten Franz Damm und Petra Schober sollte er in der Gruppe der „externen Experten und unabhängigen Fachleute“ die drei Entwürfe prüfen und be­werten. Mit von der Partie als stimmberechtigter Vertreter der Bürgergruppen war Landschaftsarchitekt Bernd Großmann, der zum Pressegespräch am Donnerstag geladen hatte. „Losgelöst von der Bürgerinitiative ,Pro Hauptplatz‘“, wollten er, Holzscheiter und Architekt Thomas Riemerschmid aus Landsberg eine „fachliche Ebene“ schaffen. Eben die sei nach Ansicht der drei Architekten in eine eklatante Schieflage geraten. Bereits nach dem 14. Juni vergangenen Jahres, dem Tag der zweiten und abschließenden Gutach­ter­sitzung, weil sich die Stadt als Auftraggeber nicht an den Verfahrensverlauf gehalten habe. Das Gremium war zu dem Schluss gekommen, dass alle drei Entwürfe „technisch realisierbar“, im Detail aber noch zu überarbeiten seien. Und: Nach einhelligem Votum der Gutachter sollte der Fahrverkehr an der westlichen Hauptplatzseite geführt werden, um die Probleme der engen Kurve am Schmalzturm zu vermeiden. Festgehalten ist das in einem Protokoll der Gutachtersitzung. Dort heißt es auf Seite 7 wörtlich: „Die Lösungsvorschläge (Umbauentwürfe, d. Red.) werden einschließlich der Beurteilung in einer Informationsveranstaltung am 17. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt und bis zum 7. Juli ausge­stellt.“ Im Protokoll der ersten Gremiumssitzung am 20. Mai heißt es: „…Diese Bewertungen sollen eine Unterstützung für die Bevölkerung sein, die Arbeiten einzuschätzen.“ Entgegen dieser Vorgabe blieb das Protokoll der Gutachtersitzung weiter unter Verschluss. Es hatte somit weder Einfluss auf das Bürgervoting noch auf die Entscheidung des Stadtrates für Umbauentwurf 2 mit dem Straßenverlauf im Osten. Das sei bewusst geschehen, um im Vorfeld niemanden zu beeinflus­- sen, betonten Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD) sowie Gremiumsmitglied und Stadtbaumeisterin Annegret Michler in jüngster Zeit mehrmals, das sei im Gutachtergremium auch so besprochen worden. Dem widerspricht Prof. Holzscheiter energisch: „Das Protokoll ist verabschiedet worden, somit hätte man auch die Beurteilungen ver­öffentlichen müssen.“ Dass dies erst Monate später, im November, geschah, ist für Holzscheiter eine „Missachtung städtischer Zusicherungen.“ So sieht es auch Thomas Riemerschmid: „Man muss doch vom Auslober Verfah­rens­treue erwarten können.“ Kritik am Stadtrat übt Bürgervertreter Bernd Großmann: „Er hat unser Protokoll auch nicht eingefordert und sich stattdessen hinter dem Bürgervoting versteckt.“ Warum aber melden sich die Mitglieder des Gutachtergremiums erst jetzt, kurz vor dem Bürgerentscheid (27. Februar) so massiv zu Wort? Warum haben sie nicht schon während der Ausstellung im Rathaus die Veröffentlichung des Protokolles eingefordert? „Im Nachhinein bedauern wir das sehr“, räumt Großmann leise ein… Ausstieg verpasst Ganz schön harter Tobak: Prof. Ulrich Holzscheiter hat am Donnerstag Prof. Joachim Vossen vom Institut für Stadt- und Regio­nal­management (ISR) nahegelegt, aus dem Hauptplatz­verfahren auszusteigen. Im Rahmen eines Pressegespräches (siehe oben) rief Holzscheiter die Worte des Beraters in Erinnerung: Prof. Vossen habe im vergangenen Jahr wiederholt die „größtmögliche Transparenz“ im Verfahren zum Umbau des Hauptplatzes in den Vordergrund gerückt. Er, Vossen, werde sofort aussteigen, wenn diese Transparenz nicht mehr gegeben sei. „Das hätte er im Herbst tun sollen“, sagt nun Prof. Holzscheiter. Als stimmberechtigtes Mitglied im Gutachtergremium hat sich Holzscheiter intensiv mit den drei Umbauentwürfen befasst. Weil das Protokoll der Gremiumssitzung lange Zeit unter Verschluss blieb, sei seiner Ansicht nach die Transparenz verloren gegangen.

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