Ein Bauwerk, das anspielt

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Urbanes Leben am Papierbach: Das siegreiche Konzept der Architekten Aldinger und Kopperroth zeigt neue Gesicht der Pflugfabrik – hier das langgezogene Gebäude entlang der Von-Kühlmann-Straße.

Landsberg – Es klingt, als sei nur eine erste Etappe geschafft. Im Rahmen des Projekts „Urbanes Leben am Papierbach“ haben die Architekten Aldinger (Stuttgart) und Kopperroth (Berlin) für den Bauabschnitt B2 im ersten von 14 Realisierungswettbewerben ein gut begründetes Konzept eingereicht und vom Fachpreisgericht einstimmig den Zuschlag bekommen. Doch es ist nicht nur ein Meilenstein erreicht: Mit diesem Votum der Jury bekommt das Projekt eine neue Dimension. Nun wird die Architektur am Papierbach spürbar. Das ist Grund genug, noch einmal die Bürger herbeizurufen.

Jetzt kennen wir also das neue Gesicht der Pflugfabrik, denn die siegreichen Architekten entwarfen nicht nur die Außenhaut des lang gezogenen Gebäudes in der ersten Reihe am Lech, sondern skizzierten auch den dahinterliegenden höheren Karl-Schrem-Bau. Beide sieht man vom Herkomer-Park und der Altstadt, beide sind so etwas wie die Visitenkarte des Papierbach-Quartiers. Insofern haben die 17 Fachpreisrichter, darunter Vertreter aller Stadtrats-Fraktionen, mit ihrem Votum zunächst einmal ein Bauwerk initiiert, das Klarheit schafft.

Manche werden sich beim Betrachten des Siegerentwurfs in ihrer Einschätzung bestätigt sehen, dass gestalterische Wunder nicht zu erwarten waren: Geschosswohnungsbau bleibt Geschosswohnungsbau. Das war allerdings schon durch den Bebauungsplan vorgezeichnet; der Komplex B2 sollte aus vier viergeschossigen Gebäuden bestehen, die auf ein durchgängiges Erdgeschoss-Fundament aufsetzen.

Aldinger und Kopperroth nahmen nur eine Änderung vor: Sie drehten das mittlere der drei Gebäude, die an die Von-Kühlmann-Straße grenzen, um 90 Grad. Das schafft – so die Jury – nicht nur eine „klare, ruhige und gut proportionierte Figur“, sondern auch „einen deutlichen Kontrast zwischen außen und innen“, was „einen Bezug zum Höfekonzept der Altstadt“ herstelle. Im Klartext: Im Aldinger/Kopperroth-Entwurf haben die Bewohner den Hof mehr „für sich“ als in der ursprünglichen Planung. Der Nachteil: Von der Altstadt her wirkt die Gebäudelinie nun etwas durchgängiger als zunächst angedacht.

Schlüssiger Bezug

Das altstädtische Höfekonzept ist nicht die einzige Tradition, auf die das Bauwerk anspielt. Durch die Linienführung entsteht nach Meinung der Jury „ein schlüssiger Bezug sowohl zur Industriegeschichte des Ortes als auch zu der Tradition des Stein- und Ziegelbaus in Landsberg“.

Die Fassaden aus geschlämmten Ziegeln seien „durch ruhige Zurückhaltung im Großen bei gleichzeitiger subtiler Durchgestaltung im Detail“ geprägt – sie „strahlen Beständigkeit und Zeitlosigkeit aus“. Die Balkone sind nur wenig vorspringend und haben überwiegend Loggia-Charakter.

Die Jury formulierte allerdings auch Kritik an dem Entwurf. „Die große Zahl einseitig orientierter Wohnungen“ könnte „insbesondere an der Von-Kühlmann-Straße möglicherweise zu Immissionsproblemen führen“. Dieser Hinweis zeigt ein Dilemma auf: Gibt es Fenster nur in eine Richtung, scheidet passiver Schallschutz aus – Wohnungen, in denen man kein Fenster öffnen kann, sind undenkbar. Daher könnte über kurz oder lang von den Bewohnern doch die Forderung nach einer stärkeren Beruhigung der Von-Kühlmann-Straße aufkommen. Ob dazu die wegen der Kindertageseinrichtung ohnehin zu erwartende „Tempo 30“-Anordnung ausreicht, bleibt fraglich.

Sensibel und ideenreich

Die Wettbewerbsteilnehmer waren gebeten worden, auch die Architektur des Karl-Schrem-Baus zu skizzieren. Hierbei hob die Jury hervor, dass der Entwurf Aldinger/Kopperroth die Identität des Ortes überzeugend bewahre und fortschreibe. Insgesamt schaffe es die Arbeit der Architekten in hervorragender Weise, die bisherige Gestaltung des Industriekomplexes „sensibel aufzugreifen sowie ideenreich und nachhaltig fortzuschreiben“.

Ausstellung

Was die Landsberger Bürger dazu meinen, können sie vom 21. Oktober bis zum 3. November nach Ansicht aller Entwürfe zu Papier bringen oder auch der Bürgergruppe ULP mitteilen. Die Ausstellung im Karl-Schrem-Bau ist montags bis freitags von 16 bis 19 Uhr und samstags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Die Eröffnung findet am Donnerstag um 13 Uhr statt.

Werner Lauff

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