Flüchtlinge in der Turnhalle

"Nicht länger als sechs Wochen"

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Nur eine provisorische Unterkunft: In der städtischen Turnhalle an der Lechstraße kann der Landkreis ab sofort bis zu 100 Flüchtlinge aufnehmen.

Landsberg – Wenigstens ist das Katastrophenszenario ausgeblieben: „In benachbarten Landkreisen wurden Asylbewerber mit einer Vorlauf- zeit von gerade einmal zwei Stunden mit Bussen gebracht“, weiß Wolfgang Müller, Pressesprecher im Landratsamt. In Landsberg hatte man immerhin noch die Zeit, die Lechturnhalle in eine provisorische Unterkunft umzuwandeln, bevor die Flüchtlinge aus München eintrafen.

Wie viele es sein werden, aus welchen Nationalitäten die Gruppe zusammengesetzt ist, wie sie sich auf Männer, Frauen und Jugendliche verteilt – „wir wissen gar nichts“, räumt Müller ein, „das Rote Kreuz bereitet sich auf alles Mögliche vor.“ Dass das nicht einfach ist, bestätigt Kreisbereitschaftsleiter Georg Kobschätzky. „Wir können nur versuchen, an möglichst alles zu denken, richtig planen lässt sich das ohne Informationen nicht.“

So hat das BRK die südliche Halle als Schlafsaal hergerichtet, die nördliche als Speise- und Aufenthaltsraum. Für alleinstehende Frauen und Familien sind eigene Räume im Obergeschoss vorgesehen. Insgesamt stehen jetzt exakt 100 Plätze zur Verfügung. Die recht betagten Sanitäranlagen „müssten reichen“, hofft Müller, „falls wir feststellen, dass es nicht geht, müssen wir zusätzlich Dixi-Toiletten aufstellen.“

Im Obergeschoss der Lechturnhalle richteten die BRK-Mitarbeiterinnen einen Schlafsaal für alleinstehende Frauen ein.

Geklärt ist inzwischen auch das Thema „Verpflegung“. Da die Turnhalle über keine Kochgelegenheiten verfügt, war zunächst angedacht, Essen über einen Cateringservice liefern zu lassen. „Das ist nicht ganz einfach, jemand zu finden, der das rund um die Uhr gewährleisten kann“, weiß Müller. „Es werden jetzt Küchenzeilen in die nördliche Halle eingebaut. Dann können die Neuankömmlinge sich selbst verpflegen, wie das auch bei allen Flüchtlingen im Landkreis bisher der Fall ist“, so Kobschätzky. Auch Waschmaschinen werden aufgestellt, die Handwerksfirmen begannen bereits am Montag mit der Arbeit. Bei den eiligen Vorbereitungen geht alles Hand in Hand, wie Müller betont. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist in diesem Fall ausgezeichnet und völlig problemlos. Und was das BRK leistet, ist sowieso phänomenal.“

Zur Koordinierung treffen sich Landrat Thomas Eichinger und Vertreter des Jugend- und Sozialamtes und des BRK jeden zweiten Tag, für Eichinger ist das Thema „Asyl“ derzeit „ein Halbtagsjob für sich“. Die Arbeit wird voraussichtlich auch in den nächsten Wochen nicht weniger werden. Man sei einstimmig übereingekommen, dass „es unzumutbar ist, jemand länger als maximal sechs Wochen in solchen Verhältnissen wohnen zu lassen“, berichtet Wolfgang Müller.

Freie Zimmer im Spital

Will heißen: Jetzt müssen eiligst weitere Unterkünfte her. Sieben Standorte sind, wie im KREISBOTEN berichtet, im Gespräch, an vielen Stellen tun sich formale und juristische Hürden auf. So stellten einige Stadträte zwar vor Ort erstaunt fest, dass im Heilig-Geist-Spital 50 Plätze in komplett eingerichteten Zimmern frei wären. Allerdings müsste dort bei einer Nutzungsänderung der Brandschutz aufwendig verbessert werden, die momentane Baugenehmigung bis 2016 gilt nur für das Seniorenpflegeheim.

„Jetzt prüfen und prüfen wir Standorte und stellen fest, warum wir hier und dort keine Plätze schaffen können. Dabei müssten wir längst irgendwo eine Unterkunft schaffen“, fordert LLM-Stadtrat Hans-Jürgen Schulmeister. Eine von wenigen Möglichkeiten sieht er auf dem Pendlerparkplatz am Bahnhof. „Der gehört wenigstens der Stadt, da könnten wir schnell handeln – sofern wir überhaupt noch Container bekommen, die haben im Moment ja auch Lieferzeiten.“

Diskutiert wird auch eine Unterbringung im Staatlichen Hochbauamt auf dem Gelände der ehemaligen Saarburgkaserne, dort stehen zwei Stockwerke leer. „Aber da haben wir keinen direkten Zugriff, da müsste wieder die Regierung von Oberbayern mithelfen.“

Mit deren Unterstützung rechnet Schulmeister nach den Erfahrungen aus den letzten zwölf Monaten aber nicht mehr. „Die jetzige Krisensituation hat zu einem ganz großen Teil die Regierung zu verantworten“, ärgert sich der Stadtrat. „Man hat dort auf nichts reagiert, keine Anfragen beantwortet und sich einfach nur ausgeschwiegen, als gäbe es die Probleme gar nicht.“ Regierungspräsident Hillenbrand sei lange eingeladen gewesen, im Stadtrat zum Thema zu referieren. Schulmeister: „Zugesagt hat er, gekommen ist er nie.“

Ähnliche Erfahrungen machte Hubert Ruhdorfer von der Bürgerinitiative Asyl. Er scheiterte mit seinem Versuch, Lösungsvorschläge für dezentrale Unterkünfte mit Behördenvertretern in München zu diskutieren. „Mit Bürgern und Bürgerinitiativen spreche man grundsätzlich nicht, wurde mir gesagt.“ „Dadurch sind jetzt wir als Stadtrat unter Druck“, weiß Schulmeister, „die Unterbringung in einer Turnhalle ist ja mit das Schlimmste, was es gibt.“ Notfalls will er einen Antrag auf sofortigen Baubeginn auf einem städtischen Grundstück stellen.

Dass allerdings die Lechturnhalle wieder regulär genutzt werden kann, wenn die ersten Asylbewerber in einer anderen Unterkunft untergebracht werden können, glaubt im Moment wohl niemand. „Wir gehen davon aus, dass wir dann sofort wieder nachbelegen müssen“, sagt Wolfgang Müller. „Das weiß die Stadt auch bereits.“

Die Turnhalle ist eingerichtet

Auch, wenn niemand glücklich damit ist, dass jetzt 100 Asylbewerber in der Lechturnhalle untergebracht werden können – die notwendigen Arbeiten und Vorbereitungen liefen in Landsberg perfekt organisiert ab.

„Ich hatte keinerlei Probleme, meine ehrenamtlichen Mitarbeiter zu motivieren“, stellt Georg Kobschätzky, Kreisbereitschaftsleiter beim Roten Kreuz, klar. 41 Helfer hatte das BRK in Spitzenzeiten im Einsatz, bereits am Freitag um 19.30 Uhr hatte man die Halle innerhalb kürzester Zeit in eine provisorische Unterkunft verwandelt.

Eingekauft wurde von der Bettwäsche über Handtücher und Regale bis hin zum Kinderbett bei IKEA, „das ist zum einen günstig und man muss ja erst einmal jemand finden, der das kurzfristig in diesen Mengen vorrätig hat“, so der stellvertretende BRK-Vorstand Christian Hess.

Finanziell geht das Rote Kreuz in Vorleistung und rechnet danach mit dem Landratsamt ab. Hess rechnet pro Unterbringungsplatz mit Kosten von rund 200 Euro. Wer dafür letztlich aufkommt, ist noch nicht ganz klar, Landrat Thomas Eichinger hat jedoch eine klare Devise ausgegeben: „Wir tun jetzt erst einmal, was in der Kürze der Zeit nötig ist. Das Finanzielle klären wir danach.

Schlimmstenfalls gibt es Ausfälle

Fallen in Landsberg Hallen aus, ist Ersatz nur schwer zu schaffen. Betroffen ist jetzt vor allem der Schulsport am Ignaz-Kögler-Gymnasium. Es belegte die Lechturnhalle bisher den größten Teil des Tages.

Allerdings war die Halle auch täglich bis in die Abendstunden von den Sportvereinen genutzt – Problem: auch alle anderen Hallen sind voll. Ein „Ausweichen auf andere Zeiten und Wochentage“ werde unvermeidbar sein, schreibt etwa der TSV Landsberg auf seiner Website, „ggf. müssen auch Stunden ausfallen“.

„Die Vereine sprechen sich untereinander ab und helfen sich gegenseitig. Andere reden mit Schulen, es muss ja nicht immer eine Sporthalle sein“, so Landratsamtssprecher Wolfgang Müller.

Die VHS Landsberg hat an verschiedenen Orten in kürzester Zeit bereits Ersatzräume für fast alle Kurse beschafft, die bisher im Obergeschoss der Halle abgehalten wurden. Bei allen Schwierigkeiten wird bislang an der Unterbringung der Flüchtlinge in der Lechturnhalle generell keine Kritik laut.

Christoph Kruse

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