Alle Schönheit ist vergänglich

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„Wir haben eine Kirche gebaut.“ Die beim Projekt „Architectus Lucis“ entstandenen Kartonbauten verwandelten die alte Turnhalle – aber nur für einen Tag.

Landsberg – Ein Kreis aus braunen Kartonhäusern, die Fassaden geschnitzte Ornamente und Bilder: Monster, Blumen, geometrische Objekte. Licht und Schatten lassen die ausgeschnittenen Objekte tanzen. In der Mitte des Kreises stehen Menschen, die nur noch auf das Signal zur Zerstörung der Kartonkunst warten. Als es dann kommt, kennen sie kein Halten mehr: Wände werden aufgeschlitzt, die erbauten Häuser Stockwerk für Stockwerk umgeworfen, auf dem Boden zu flacher Pappe zertrampelt. Nur einen Tag existierte die Ausstellung zum Projekt „Architectus Lucis“ in der Lechturnhalle, bevor sie von den Machern vernichtet wurde. Getreu zweier Grundsätze des Barock: „Carpe Diem“, nutze den Tag, und „Vanitas“, die Vergänglichkeit.

Gut 140 „Bauherren“ verwandelten innerhalb einer Woche schnöden Karton zu Kunst. Dabei war es die barocke Bauweise des Lichtarchitekten Dominikus Zimmermann, der die Künstler nacheiferten. Das Ergebnis begeisterte: Kartonhäuser mit geschnitzten Fassaden, Fantasie-Flugobjekte und Filmkulissen zogen die Besucher der Ausstellung vergangenen Samstag in ihren Bann. Geleitet wurde das Projekt von Wolfgang Hauck und „dieKunstBauStelle“, fachmännische Unterstützung bekamen die Teilnehmer von den Cardboardkünstlern Mathijs Stegink und Sjors Knoll aus den Niederlanden. Kulturbürgermeister Axel Flörke war von dem Projekt angetan: „Hier wird nicht konsumiert, sondern produziert.“ Stellvertretende Landrätin Ulla Kurz überbrachte Grüße vom Hallenbesitzer, dem Landkreis Landsberg, bevor sich die Tore öffneten.

Kunst aus Karton

Schon am Eingang der Turnhalle begrüßen Schattenrisse die Ausstellungsbesucher. Peter Pan schwebt durch die Luft, eine Tänzerin mit Schirm scheint auf einem unsichtbaren Seil zu balancieren. Der Gang führt in die Werkstatt, in der zahlreiche Besucher selbst zur Heißklebepistole, Schere und zum Cuttermesser greifen: „Selber basteln ist Verpflichtung! Was du bastelst, ist dein Ticket für die Ausstellung“, droht Stegink. Ist die Bastelei am Anfang noch zögerlich, bricht schon bald eine wahre Leidenschaft aus: Die Tische sind vollbesetzt und manch ein Besucher vergisst vor lauter Basteln alles um sich herum – auch die Ausstellung. „Es ist unglaublich, wie kreativ die Leute sind“, ist Stegink begeistert. Die „Box for bad Ideas“ in der Ecke, selbstverständlich aus Karton, wird kaum gebraucht.

Im Ausstellungsraum begrüßt die Besucher eine riesige, aus filigranen Figuren bestehende Scheibe, die Schüler des IKG und der Grundschule, der Montessori-Schule, der Waldorfschule und der Mittelschule aus ihren Körperumrissen gestaltet haben. In einem Nebenraum lassen zehn Kartonbilder hinter zehn Lampen einen Schattenfilm auf der Wand entstehen: Ein schaukelndes Mädchen, ein Wagen, der bergauf fährt. Von dort aus geht es in den Hauptraum: Meterhohe Kartonboxen mit ausgeschnittenen Fassaden erbauen einen Raum: „Wir haben eine Kirche gemacht“, beschreibt Stegink. Am Anfang habe die Idee gestanden, zu Ehren Zimmermanns die Wieskirche nachzuahmen. „Aber das war dann doch ein zu enger Rahmen.“ Er habe die Zusammenarbeit mit den Schülern, Erwachsenen und jungen Asylbewerbern aus Eritrea – Stegink nennt sie schlicht „zukünftige Deutsche“ – absolut genossen. Auch Hauck ist begeistert: „Viele Menschen zusammen können einfach mehr entstehen lassen, als wenn sie alleine vor sich hinarbeiten.“

Das Konzept der Cardboarddesigner ist immer gleich und weltweit erprobt: Alle, die Lust haben, bauen aus Kartons unter Anleitung Objekte jeglicher Art, diese werden ausgestellt und noch am gleichen Tag zerstört. „Karton ist nichts für die Ewigkeit“, die Objekte seien an das Material gebunden, meint Stegink. Ein Konzept, das hervorragend zum Barock passt. Und auch die Künstler sind nicht allzu traurig: „Es ist schon schade, aber wir wussten es ja von Anfang an“, lacht eine Bastlerin. Einige Besucher plädieren dafür, die Ausstellung doch noch ein paar Tage stehen zu lassen. Aber das sieht Stegink anders: „Das Machen ist das Ding.“

Als die Zeit für den Abriss kommt, basteln die Teilnehmer Zerstörungswerkzeuge – aus Karton natürlich. Ein riesiger Hammer mit der Aufschrift „Alles kaputt“. Eine gewaltige Pappschere, ein Schwert, eine Keule. Sie stellen sich im inneren der Kartonhäuser auf. Ein Cuttermesser wird gezogen, ein Tunnel nach außen geschnitten, die Bauten werden unterhöhlt. Die oberen Stockwerke kippen, Pappkeule und Kartonhammer zerfetzen die filigranen Fassaden, alles wird dem Erdboden gleichgemacht. Was bleibt sind Fotos und Filme, auf digitalen Medien für die Ewigkeit gespeichert – nicht mehr auf vergänglichem Zelluloid.

Susanne Greiner

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