Uttinger Strandbad-Geschichten

Kabinen für "gschamige Leut"

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Nein, das ist keine Eröffnung einer Second-Hand-Boutique!. Hier wird der Start der Ausstellung „Uttinger Strandbad-Geschichte(n)“ gefeiert. Neben einer Puppe mit einem 80 Jahre alten Badeanzug (von links) Bürgermeister Josef Lutzenberger, Christine Riedel, Alexander Behnke und Cornelia Bader von den Strandbadfreunden sowie Prof. Dr. Egon Johannes Greipl.

Utting – Besser konnte das Timing nicht sein! Zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung „Uttinger Strandbad Geschichte(n)“ flatterte ein Brief des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege ins Uttinger Rathaus. Oberkonservator Dr. Detlef Knipping teilte mit, dass die ältesten Gebäude des Strandbades, nämlich die Umkleidekabinen (Baujahr 1929) und der alte Kiosk im Süden (Baujahr 1930) jetzt unter Denkmalschutz stehen. Jubel unter den Strandbadfreunden, die sich seit vielen Jahren nachhaltig und vehement um den Erhalt des Kleinods am Ammersee einsetzen. Um das auch mit Nachdruck zu dokumentieren, haben sie die einmalige Ausstellung über die Geschichte des Strandbads initiiert.

Bis zum 7. August ist die Ausstellung im Kunstraum Mezzavia in der Mühlstraße 4 zu sehen. Die Geschichte des Strandbades wird mit historischen Fotos, Exponaten, Zeitungsausschnitten und Interviews mit Uttinger Zeitzeugen eindrucksvoll dargestellt. Zur Eröffnung konnte Christine Riedel neben rund 200 Uttingern viele Gemeinderäte mit Bürgermeister Josef Lutzenberger an der Spitze begrüßen. Nicht dabei war der derzeitige Strandbadpächter Ruppert Riedel, dessen ungeliebte „Monster-Markise“ die Ausstellung erst ermöglicht hat, wie die Moderatorin betonte: „Der Ärger über die Markise hat sich bei uns Strandbadfreunden in positive Energie umgewandelt!“

Bürgermeister Lutzenberger zitierte in seinem Grußwort aus der Begründung der Denkmalbehörde. Demnach sei das 1929 eröffnete Strandbad Utting ein wichtiges Dokument der Badekultur des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Es gehöre zu den wenigen in Bayern in den 20er-Jahren entstandenen Freibädern, die sich in ihrem historischen Baubestand gut erhalten haben. Charakteristisch sei die Lage in Bahnhofsnähe, wo die sogenannten Badezüge der Ammerseebahn aus Augsburg ankamen. Damit hätten die Uttinger in Zeiten der Weltwirtschaftskrise „die zukunftsweisende Entscheidung getroffen, die Wirtschaftskraft der Gemeinde durch den Tourismus zu stärken“.

Neben dem Bade- und Bootshaus von 1927 in Schondorf und dem Strandbad Feldafing am Starnberger See, ebenfalls von 1927, sei das Uttinger Strandbad das dritte erhaltungswürdige Juwel im Fünfseenland. Bürgermeister Lutzenberger dankte den Machern der Ausstellung, die in mühevoller Vorbereitungsarbeit Fotos und Exponate von Uttinger Bürgern und aus Archiven zusammengetragen haben. Zum Abschluss erzählte Lutzenberger aus seiner Kindheit, dass er das Schwimmen nur gelernt hat, um endlich ins begehrte Strandbad gehen zu dürfen, dem angesagten Treffpunkt der Uttinger Jugend.

Für "gschamige Leut"

Zur Ergänzung der Ausstellung haben die Strandbadfreunde die sehens- und lesenswerte Broschüre „Strandbad Geschichte(n)“ herausgebracht, die in eindrucksvollen Bildern und Dokumenten die historische Badekultur in Utting belegen. Darunter auch Geschichten zum Schmunzeln wie die sogenannten Wasserkabinen für „gschamige Leut“, die sich in Badekleidung nicht zeigen wollten und den direkten Zugang von der Kabine in den Ammersee bevorzugten, darunter auch ein bekannter Pfarrer aus Augsburg.

Interessant auch die Historie des Sprungturms, bis heute eines der Wahrzeichen Uttings und der Ammerseeregion. Es begann 1929 mit einem einfachen Sprungbrett, bis 1936 der erste Turm mit zwei Ebenen gebaut wurde. Der jetzige Sprungturm mit drei Ebenen entstand 2001 für rund 100.000 Euro.

Amüsant auch die Geschichten um die ersten Strandbad- bzw. Kioskpächter. Der Eintritt betrug 1929 für Kinder 10 und für Erwachsene 25 Pfennig. Beim Badewart konnte man Badekleidung, Handtücher und Liegen ausleihen. Der Kiosk durfte nur auf die Strandbadseite und nicht zur Straße hinaus verkaufen: „Kaffee, Tee, Limonaden, Mineralwasser, Kuchen und kleine warme Speisen wie Würstchen dürfen verabreicht werden. Der Ausschank von Flaschenbieren ist gestattet.“

In der Badeordnung stand in dicken Lettern „Das Ausspucken in das Wasser ist verboten“. Die von den Mädels angehimmelten Helden waren damals die muskulösen und braun gebrannten Bademeister. Einen nannte man damals ehrfürchtig den „Präsidenten des Strandbades“: Michael Sirch, gleichzeitig auch Chef der Wasserwacht. Er brachte Hunderten von Uttingern das Schwimmen bei und ist bis heute unvergessen.

Für die Ausstellungseröffnung konnten die Uttinger Strandbadfreunde einen besonderen Festredner gewinnen: Prof. Dr. Egon Johannes Greipl, Generalkonservator a.D. und Historiker. Er kam extra aus Passau angereist und sprach humorvoll über die Kulturgeschichte des Badens. Der Bogen ging von den Römischen Badeanstalten bis zu Spaßbädern wie der Erdinger Therme, von den sündigen Badestuben im Mittelalter bis zu den Kurbädern der Könige und Kaiser. Auf die Kombination von freier Natur und Baden zielten die Strandbäder, die vorwiegend zwischen den beiden Weltkriegen angelegt wurde, wie eben auch das Uttinger Strandbad. Diese Naturbäder hatten den Anspruch, die Natur, eine in Holz gestaltete Architektur, die Sonne, die Luft und das Wasser „zum höchsten Badevergnügen zu vereinen und damit vor allem auch für Touristen attraktiv zu werden“.

Diesem besonderen Anspruch genügt heute noch in hohem Maße das viel frequentierte Uttinger Strandbad, dessen Geschichte in der aktuellen Ausstellung so eindrucksvoll dokumentiert wird

Dieter Roettig

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