Projekt: "dieKunstBauStelle"

Zurücktreten, um zu erkennen

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Einen ganze besonderen Blick hinter die Kulissen der „KunstBauStelle“ erhielten jüngst die Schüler der Mittelschule Landsberg von Projektleiter Wolfgang Hauck (2. v. rechts).

Landsberg – Eine exklusive Führung durch „dieKunstBauStelle“ haben jüngst zwei neunte Klassen der Mittelschule Landsberg erhalten. Projektleiter Wolfgang Hauck erklärte Hintergrund und Bedeutung der vier Ausstellungsinseln. Denn seit Ende September befinden diese sich auf dem Pausenhof.

„Viele meiner Mitschüler haben sie sich schon angeschaut und einige bereits einen Blick durch die Ösen geworfen – konnten sich aber noch nicht recht erklären, was sie hier sehen und warum,“ sagt Iris Eberhardt, die selbst beim Projekt mitgewirkt hat. Jetzt hatten die Schüler im Rahmen der besonderen Führung die Möglichkeit, mehr zu erfahren – und waren erstaunt und begeistert über die interessanten Informationen.

Die Installation „Neuere Zeitgeschichte“ fiel hier in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen: Zum einen durch ihre Platzierung – denn als einzige Ausstellungsinsel steht sie nicht direkt auf dem Pausenhof, sondern um die Ecke, etwas versteckt, hinter einem Container. Sie ist während der Pause nicht zugänglich, sondern nur vor und nach dem Unterricht. Zum anderen durch ihre Motive – Gegenstand waren nicht greifbare Objekte wie Türen oder Uhren, sondern das immer noch unfassbare Geschehen, das die Stadt am Lech zur Zeit des Dritten Reichs und in der Nachkriegszeit erlebt hatte. 

„Die neuere und neueste Geschichte hat sowohl die Schüler der Mittelschule Landsberg als auch die Jugendlichen, die an der Ausstellung mitgewirkt haben, besonders interessiert“, sagt Projektleiter Wolfgang Hauck über diesen Themenbereich. „Teilweise weil sie bereits erste Eindrücke aus dem Schulunterricht hatten oder eben weil sie noch zu wenig an Hintergrundwissen hatten. Hier tauchten die meisten Fragen auf.“

Umfangreiche Recherche

Es war daher erforderlich, sich umfangreich mit dem Thema, den Daten, Fakten und Hintergründen vertraut zu machen. Dazu hat die Journalistin Karla Schöneheck und der Direktor der „Gesellschaft für Neueste Geschichte Landsberg“, Manfred Deiler, die Jugendlichen über dieses Zeitkapitel eingehend informiert und mit ihnen zum Teil schmerzhafte Diskussionen geführt. Auch gehörten Exkursionen sowie ein Besuch im Stadtarchiv Landsberg zur Recherche. Dabei erfuhren sie, dass das Thema nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart betrifft: Selbst heute noch – rund 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – wird es von Landsbergern als schwierig, wenn nicht gar heikel bezeichnet. Lange Zeit war es geradezu ein Tabu, offen und objektiv über die Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus oder das systematische Ermorden von Juden und Zwangsarbeitern zu sprechen.

Dabei waren es nicht zuletzt Schüler, die sich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf die Spurensuche machten und die ehemaligen Konzentrationslager sowie die mit ihnen verbundenen Gräuel ans Tageslicht brachten. „So kamen wir zu Schwarz und Weiß, schwärzen und verlassen, aber auch Abstand nehmen, Erinnerung und Vergessenheit zum Gestaltungsthema zu machen,“ erklärt Wolfgang Hauck. Ausgangspunkt war konsequenterweise der Gedanke, dass die Ereignisse und Taten jener Jahre zunehmend verblassen, sich oft genug aus dem Gedächtnis herausschleichen und vernebeln. Er spiegelt sich bei der Umsetzung deutlich wieder.

Für die die sechseckige Konstruktion aus Bauzäunen wählte die Gruppe historische Fotografien des Landsberger Kreisparteitages der NSDAP aus dem Jahre 1936; eine gespenstisch anmutende Szene vom „Weingut II“; den von dem Landsberger Johann Mutter festgehaltenen Todesmarsch entlang der Neuen Bergstraße; die Momentaufnahme eines verloren wirkenden Überlebenden, der mit seiner knöchernen Hand einen Trinkbecher hält; sowie Kinder und Jugendliche, die am 7. Januar 1951 von ihren Eltern auf den Hauptplatz mitgenommen worden waren. Hier demonstrierte rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung nicht zuletzt auch gegen die vermeintlich unmenschliche Behandlung der in Landsberg inhaftierten Kriegsverbrecher und für deren Begnadigung. 

Hoffnungsträger

Umgesetzt wurde die Auswahl indem die Fotos einerseits bis zu 85 Prozent verdunkelt wurden, so dass man zwar Umrisse der jeweiligen Szene erkennen konnte, der Betrachter aber gleichzeitig gezwungen war, zurückzutreten, um Details besser zu erkennen. Auf der Rückseite der von innen begehbaren Installation waren einzelne Szenen aus den jeweiligen Fotos herausgeschnitten worden. Diese wurden in ein krasses Weiß, grell, geradezu blendend, gesetzt. Die Menschen, vor allem aber Kinder und Jugendliche als Hoffnungsträger zu verblenden, war für die Nationalsozialisten unbedingte Voraussetzung für die Verwirklichung ihrer infernalischen Pläne gewesen.

Abstand nehmen

„So kann man an diesem Teil leicht vorbeigehen und sagen man sieht nichts“, so Hauck und erklärt weiter: „Man muss auch Abstand nehmen um etwas zu erkennen, was gerade für dieses Geschehen unumgänglich ist, weil man es seelisch weder nachvollziehen noch tragen kann.“ Grund genug für die Schüler und Lehrer, den Rundgang gleich nochmals, mit anderen Augen zu beginnen. Alle Infos gibt es auch auf www.dieKunstBauStelle.de.

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