Techno à la Oberammergau

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Fast wie die Jungs von Nebenan – Die vier Oberammergauer Ausnahmemusiker von Kofelgschroa begeistern mit Text und Musik: (von links) Michael von Mücke, Matthias Meichelböck, Maxi Pongratz und Martin von Mücke.

Landsberg – Vier Oberammergauer, Musik zwischen Techno und Volkslied sowie Texte, die manchmal sinnlos lautmalerisch, manchmal tief poetisch sind: Das sind die Ingredienzen für die Band Kofelgschroa, die bereits zum dritten Mal im Landsberger Stadttheater spielten. Und zum dritten Mal war der Theatersaal restlos ausverkauft, worüber sich auch die Kauferinger Organisation LandsAid freute: Kofelgschroa spendet einen Teil der Gage, um so die medizinischen Hilfseinsätze der Nichtregierungsorganisation zu unterstützen.

Vier Musiker kommen auf die Bühne und packen ihre Instrumente aus: Ein Tenorhorn, Gitarre, Trompete, die große Helikontuba und das Akkordeon mit seinem auffallend bunten Balg. Das dauert eine Weile. Hektik ist hier fehl am Platz. Mit einem trockenen „Grüß Gott“ begrüßt Maxi Pongratz den vollen Saal und wird mit Applaus empfangen: Inzwischen ist die Band nicht nur in Bayern bekannt. Auftritte in Europa, den USA oder Peru zeugen von der Welttauglichkeit ihrer verschroben schönen Musik.

Der Applaus legt sich und Martin von Mücke stößt die ersten Basstöne aus seiner Tuba, auf die sein Bruder Michael mit der Maultrommel einen Rhythmus tupft. Matthias Meichelböck setzt mit seinem sanften Tenorhorn ein, bevor Pongratz zu Singen anhebt. Der Text nimmt gleich gefangen: Einerseits bodenständig, andererseits tiefgründig erzählt er von der Zeit, die so schnell aber auch so unendlich langsam vergeht. Untermalt wird er von der immer wehmütig klingenden Musik, lakonisch, aber nie weinerlich. Die fantasiereichen Texte sind größtenteils von Pongratz: Ein Auto wird zum Käfer, eine Pfütze zum Angel-See, immer wieder der Wunsch, aus dem Alltag auszubrechen, um die Zeit zu genießen: „Mein Vorrat ist Zeit, mein Zeitvertreib Geschwindigkeit.“

Aber es geht nicht nur um den innerlichen Zwiespalt von Realität und Wunschdenken. Auch äußere Grenzen moniert Pongratz, wie den Zaun, der sich um jedes Einfamilienhäuschen windet, „rechteckig und grodlinig, das ist mein, dies ist dein“. Der nicht nur den Raum begrenzt, sondern auch das Leben. Dabei ist ein Zaun doch nur zu einem gut: „zum Drüberschaun.“ Kofel­gschroa kann auch ganz in Attwenger-Tradition eine Art analogen Techno, zum Beispiel in „Wann I“, dessen Text lediglich aus „Wann i durch geh durch‘s Doi, Dirndl juchiz nummeu!“ besteht. Oder der Zwiegesang-Rap „Oberammergau“, bei dem die drei Sänger über der Tuba in beeindruckender Hochgeschwindigkeitspräzision „oda aba über Oberammergau oda oba aba über Unterammergau“ singen.

Die Band entstand 2007 aus der damaligen „Kofelmusik“, die allerdings Maxis Gärtnermeister Freißl immer nur als „Gschroa“ bezeichnet habe. Und Kofel heißen sie natürlich wegen des gleichnamigen Hausberges ihrer Heimatstadt Oberammergau. Sie selbst bezeichnen sich als Künstler und Handwerker: Michael von Mücke ist praktizierender Schmied, sein Bruder Holzbildhauer, Meichelböck studiert Architektur in München, Pongratz hat immerhin eine abgebrochene Gärtnerlehre. Nicht umsonst hieß der 2014 über die Band gedrehte Film „Frei. Sein. Wollen.“

Die bayerische Musiktradition habe ihnen erst ermöglicht, ihre heutige Musik zu machen, für die sie 2014 den Kulturpreis Bayern erhielten. Eine Musik, die zwischen Musette und Volkslied, zwischen Elektro und Polka einen Weg findet, samt Schunkeln und Gitarrensolo à la Hendrix – auf einer akustischen Schrammelgitarre.

Der ausverkaufte Theatersaal bejubelte das Quartett frenetisch und griff bei CDs und Fanartikeln beherzt zu – auch aus diesem Erlös gingen Spenden an LandsAid. „Einer der letzten großen Einsätze der Organisation war das Erdbeben in Nepal vergangenes Jahr“, berichtet Geschäftsstellenleiterin Kathrin Müller: „Wir hatten innerhalb von wenigen Stunden eine Hilfs­truppe zusammen, die gleich am nächsten Tag nach Nepal fliegen konnte.“ Neben schneller Hilfe legt die Organisation auch großen Wert auf die Ausbildung der Helfer: „Wir stellen bei der Ausbildung Krisensituationen nach. So können die Helfer testen, ob sie solchen Stresssituationen tatsächlich gewachsen sind.“

Im Moment habe LandsAid sowohl in Pakistan als auch in Uganda Gesundheitsstationen eingerichtet, „aber das ist noch längst nicht alles“, sagt die Geschäftsstellenleiterin: „Ich könnte noch ewig weiterberichten.“ Dank solchen Unterstützern wie Kofelgschroa werde die seit zehn Jahren bestehende Organisation auch weiterhin weltweit Hilfe leisten können.

Susanne Greiner

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