Beim Schwarzebauer

Von den Frauen "eingefädelt"

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Das große Tor zum Stall steht offen: Isolde und Gerhard Besel mit Sohn Christian und Freundin Petra Lory. Vorne Oma Mathilde Besel.

Kinsau – „Des ham ganz klar die zwei Frauen eing’fädelt“, spricht Bauer Gerhard Besel offen aus und blickt am großen Tisch hinüber zu seiner Gattin Isolde und zu Petra Lory, der Freundin seines Sohnes Christian. Der 60-jährige Landwirt erinnert sich noch genau, wie komisch das für ihn alles war an jenem Abend, als seine Frau und erstmals auch die angehende Schwiegertochter zum Landsberger Kreisbauerntag fahren wollten, wo es ihn heuer erst gar nicht hinzog. Aber wenn schon „die Jungen“ mitfahren, dann wolle er sich nicht betteln lassen, dachte sich Besel, nachdem ihn seine Frau zuvor ermuntert hatte, „was Ordentliches“ anzuziehen.

Die richtige Überraschung, die kam erst am Schluss des Kreisbauerntages, als „in Anerkennung der vorbildlichen Treue zur Heimatscholle“ die besondere Altbesitzerurkunde verliehen wurde und der Landsberger Kreisobmann Leonhard Welzmiller dazu den Hausnamen „Beim Schwarzebauer“ verlas. Besel horchte erstaunt auf, zog seine Jacke aus und ging im gestreiften Hemd und ärmelloser Weste zusammen mit Frau, Sohn und dessen Freundin nach vorn, um die Auszeichnung in Empfang zu nehmen.

Diese Urkunde hat er daheim im Flur aufgehängt, als er an diesem denkwürdigen Abend heimgekommen ist. Jeder, der ins Haus kommt, kann an ihr ersehen, dass es sich um ein alteingesessenes Bauerngeschlecht handelt, dessen Hofgeschichte seit 1687 fortgeschrieben wird. Verbunden mit der Urkunde ist der Eintrag im Altbesitz-Matrikelbuch des Bayerischen Bauernverbandes.

Die zehnte Generation

Gerhard und Isolde Besel sind die zehnte Generation auf dem Hof in der Kinsauer Flur. Christian Besel und seine Freundin Petra, die aus Prem stammt, sind die elfte Generation. Von 1687 bis 1920 waren „Beim Schwarzebauer“ die Familien Fichtel auf dem Hof. Vor 95 Jahren heiratete Friedrich Besel, ebenfalls aus Kinsau, bei Maria Fichtel ein. Das waren die Großeltern des jetzigen Hofbesitzers.

Dem Eintrag in die Altbesitz-Matrikel und der Verleihung der außergewöhnlichen Urkunde ist eine monatelange Prüfung durch den Bayerischen Bauernverband (BBV) in Kaufbeuren vorausgegangen. Eigentlich wollte Isolde Besel ihren Mann schon zu dessen 60. Geburtstag im Sommer 2014 damit überraschen. Doch das hat zeitlich nicht geklappt. Nun ist die Urkunde heuer verliehen worden. Sie hat ihren würdigen Platz im Hausgang neben einer Skulptur, die einen Bauern mit Pflug darstellt, und neben einer gut 60 Jahre alten Urkunde, die ebenfalls auf die außergewöhnliche Hofgeschichte „Beim Schwarzebauer“ Bezug nimmt. Die letzten Generationen sind darauf freilich noch nicht erwähnt.

Matthäus Besel, der Vater von Gerhard, siedelte im Jahr 1960 von der beengten Hofstelle in Kinsau aus. Diese befand sich nahe der heutigen Arztpraxis Praxis Reischl. 1960 hatte man 14 Kühe und nur wenig eigenen Grund und Boden. Die Landwirtschaft befindet sich seitdem gut einen halben Kilometer nördlich der Ortschaft, aber noch auf dem oberen Plateau von Kinsau in gut 700 Meter Höhe. Auch Oma Mathilde Besel lebt mit 89 Jahren noch auf dem Hof.

Gerhard und Isolde Besel führen zusammen mit Sohn Christian und dessen Freundin einen Milchviehbetrieb mit 60 Kühen und Nachzucht. Die Tiere haben im 1989 erbauten Laufstall Platz. Die Besels bewirtschaften 55 Hektar Grünland und 15 Hektar Ackerland mit den drei Fruchtfolgen Mais, Gerste und Weizen. Außerdem gehören noch 20 Hektar Wald zum Besitz. Dreschen und Mais häckseln werden an Lohnunterneh- mer vergeben. Auf den Feldern werden von Mai bis Oktober fünf Schnitte gemäht; vier werden als Silage ins Fahr- und ins Tiefsilo eingebracht, einer im Hochsommer als Grummet. Rohfaser erhalten die Tiere durch das Zufüttern des Strohs vom eigenen Acker.

Die Urkunde besagt, dass die Familien Fichtel/Besel eine außergewöhnliche Geschichte vorweisen können. Aber was bedeutet Bauer sein in der heutigen Zeit? „Das ist einer der abwechslungsreichsten Berufe“, bekennen Gerhard Besel und seine Frau Isolde, die aus Asch stammt und gelernte Arzthelferin ist. Wichtig sei die Selbstständigkeit, sprich „der eigene Chef zu sein“. Die Landwirtschaft müsse freilich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte immer weiter entwickelt werden; regelmäßige Investitionen seien erforderlich.

Die elfte Generation

Sohn Christian Besel ist gelernter Landwirt, war Zivi in Herzogsägmühle und blieb zwei Jahre auf dem elterlichen Betrieb. Seit 2001 arbeitet er bei der Firma Hirschvogel im Werkzeugbau. Elf Jahre war er dort in Vollzeit, seit 2012 ist er in Teilzeit angestellt. Egal ob er in die Frühschicht oder in die Spätschicht muss: Eine „Mahlzeit“ kann er auf dem Hof mitarbeiten, eine ist er nicht da. Den Unterschied zwischen Industrie und Landwirtschaft kennt Christian Besel nur allzu gut. Auf der einen Seite das Draußensein in der Natur, die Vielfalt; bei der Arbeit im Werk sei er immer am gleichen Platz und immer an derselben Maschine.

Seine Freundin Petra, die aus Prem stammt, kennt er seit einem Jahr. Sie arbeitet als Steuerfachangestellte in einer Kanzlei in Peiting. „I hilf gera mit“, bekundet die junge Frau mit den langen blonden Haaren. Das kann im Stall bei den Kälbern oder im Melkstand genauso sein wie in der Küche oder im Haus. Zusammen mit Christian Besel ist sie die Generation 11, „Beim Schwarzebauer“ in Kinsau.

Johannes Jais

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