"Auch in dir steckt ein Loser"

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Einen fröhlichen Abend mit guten Ratschlägen zur Entschleunigung gab es vor kurzem mit Mine Gruber, alias Demotivationstrainer Mario Milchbrandweinstätter.

Dießen – Flipcharts und bunte Kärtchen. Um seine Botschaft mitzuteilen, schöpft Demotivationstrainer Mario Milchbrandweinstätter auch aus dem Fundus seiner Gegner, dem wachsenden Lager der Motivationstrainer. Aber Milchbrandweinstätter hat auch – sehr vielversprechend – die Gitarre des Uttinger (Lebens-)Künstlers Mine Gruber und dessen Zeichenstift mitgebracht, während sich die Discokugel an der Decke dreht und der Ghettoblaster in der Ecke die Off-Beats raushaut.

Im knallbunten Hippie-Outfit begrüßt der schlaksige, bestlaunige Guru seine Fans und Freunde mit Handschlag und Umarmungen und verspricht: „Wir werden heute einiges über uns erfahren und werden als freie Menschen hier rausgehen, mit einer gesunden Art von Wurschtigkeit! Wir werden lernen, uns die Sachen am Arsch vorbei gehen zu lassen.“ Und schon ist das Publikum im ausverkauften Maurerhansl mit Feuereifer dabei!

Eine große Werbekampagne war nicht nötig um den Theatersaal im vor kurzem neu eröffneten Gasthof Maurerhansl bis auf den allerletzten Stehplatz zu füllen, schließlich kennt man den Zeichner, Musiker, Songschreiber und Wirt Mine Gruber, alias Mario Milchbrandweinstätter, auf beiden Seiten des Ammersees gleichermaßen. Und wenn er dann auch noch mit seiner entspannenden Botschaft auf die Bühne steigt, ist das ein willkommenes Ereignis.

Beim Demotivationstraining stehe cool down gegen warm up. Grundsätzlich gebe es zwei verschiedene Arten des Demotivationstrainings, das bayrische Schulsystem und das von ihm entwickelte „konstruktive Demotivationstraining“, erklärt Milchbrandweinstätter dem applaudierenden Publikum. Freeze. Und schon starten alle zur ersten gemeinsamen Traumreise in die Uttinger Turnhalle: Modriger Sockengeruch, spielende Schulkinder, der Uttinger Dorfsportlehrer „ein ortsbekannter Sadist“ betritt die Szene. „Plötzlich steht ein Kasten vor uns. 95 Prozent sagen scheiße, fünf Prozent, die Streber, sagen toll.“ Und es kommt wie es kommen muss, ein kleiner dicker Junge wird über den Kasten gejagt, es folgt der Urschrei der Demotivationslehre, eine Fahrt mit dem Rettungswagen und wissendes Gelächter, insbesondere bei den Uttinger Kabarettgästen. An der Geschichte scheint was dran zu sein.

Damit so etwas nicht wieder passiert, so ein erstes Fazit Milchbrandweinstätters, müsse man seine Schwächen kennen und Nein sagen können. Ähnlich verhalte es sich auch im Berufsleben. „Die Leute, die das Beste aus euch rausholen wollen, wollen meist nur mehr Umsatz. Sollte also ein Motivationstraining anberaumt werden“, so der Tipp des Gurus, „meldet euch krank, geht mal wieder in den Wald, an den See, in die Kneipe“, frei nach dem Motto „Liebe und Zerstreuung statt Rendite“.

Lektion 2: Während im Hintergrund Videos laufen, die geniales Scheitern zeigen, zum Beispiel bei Sportveranstaltungen, dürfen die Damen im Publikum Archetypen der testosterongesteuerten Leistungsgesellschaft definieren, die Milchbrandweinstätter, ohne den Stift abzusetzen, als geniale Einlinienzeichnungen auf die Flipcharts zaubert: Den „Supermann“, den „Scheißemann“ und deren Antityp, den „Cunctator“. Supermann, so Milchbrandweinstätter, sei lediglich eine Fantasiefigur, klar also das Scheißemann, der stets versuche sich an diesem zu orientieren, zum Scheitern verurteilt sei. Bleibt also der Cunctator, der Zögerer, zu dessen Eigenschaften Gelassenheit gehört, der in der Gegenwart lebt, sich einen Mittagsschlaf gönnt und weiß, dass Geld allein nicht glücklich macht und das Leben endlich ist. Klar dass das Demotivationstraining in einem gemeinsamen gesungenen Mantra endet: „Mein ganzer Körper steht still/wenn mein Geist es so will. Ungenutztes Potential ist mir auf einmal egal/Ich muss es nicht schaffen, ich brauch es nicht schaffen, ich will es nicht schaffen (Refrain)“. Mit den Worten „ich sehe den Loser in dir“ liegt sich das Publikum schließlich in den Armen. Fazit: Vielen, vielen Dank Mine, für diesen wunderbar entspannenden Abend! Ich darf doch Du zu dir sagen?

Ursula Nagl

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