Am Anfang war das Wort

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Die 24-jährige Bonny Lycen aus Dresden konnte mit tiefgehenden Themen überzeugen und ergatterte den heißbegehrten ersten Platz beim Landsberger Poetry Slam.

Landsberg – Wer beim Wort „Dichterwettstreit“ gähnt, war noch nie beim Poetry Slam: Auch letzten Donnerstag trafen sich wieder sprachbegabte Talente zum spannenden Textmatch im Stadttheater. 16 Teilnehmer aus ganz Deutschland stritten mit Worten um den ersten Platz – gewonnen hat Bonny Lycen aus Dresden, die noch relativ neu in der Szene ist: Sie startete ihre Slammer-Karriere im Januar dieses Jahres, konnte aber schon den Titel der sächsischen Vizemeisterin ergattern. Bonny überzeugte mit ernsten Texten und einer eindrucksvollen Darbietung.

Es gibt Regeln beim Poetry Slam: „Die Texte müssen selbstgeschrieben sein, der Auftritt darf nicht länger als fünf Minuten dauern, Hilfsmittel sind nicht erlaubt“, erklärt Moderator Ko Bylanzki. Und Singen dürfe man nur, wenn es schlechter Gesang sei. Das Publikum „darf niemanden von der Bühne buhen oder seine Familie schmähen“, mahnt Bylanzki: Allein die Lautstärke des Applauses, den jeder Poet verdient, drückt Zustimmung oder Ablehnung aus. In zwei Vorrunden à sechs Teilnehmern wurden die Finalisten ausgewählt – dieses Mal waren es sogar drei, da die Zuhörer sich bei der zweiten Gruppe nicht zwischen Bonny und dem Lokalmatador Bernhard Heiß aus Landsberg entscheiden wollten.

Den Dichterstreit der ersten Gruppe gewann Dominik Erhard, ebenfalls aus Landsberg. Aber auch von den anderen Teilnehmern aus Marburg, Berlin und sogar Kiel bekamen die Zuhörer Texte voller Poesie und Humor zu hören. „In letzter Zeit habe ich mich immer für meine Stadt entschuldigt, das tue ich jetzt nicht mehr“, begann die Bonny Lycen ihren Auftritt: Sie zieht um, weg aus Dresden. Die 24-Jährige ist Logopädin und weiß deshalb sicher noch besser, wie Worte richtig zu setzen sind. Ihr erster Beitrag drehte sich um das Thema Kindesmisshandlung: „Ich habe auch in der Kinderpsychiatrie gearbeitet“, das Thema liege ihr am Herzen. Das Kind als ungewollter Zellhaufen, misshandelt, aber „du bist immer noch hier, denn Sterben ist schwer“: Mit Worten, die einem den Atem stocken lassen, kam sie in die Finalrunde.

Dominik Erhard, seit fünf Jahren dabei und bayerischer U20-Meister, überzeugte mit einem zynisch-ernsten Text über das Hinterfragen: „Am Anfang war das Wort … aber welches?“. Wie wäre es denn, wenn man sein Leben rückwärts lebte, „die Altersvorsorge ein Haufen Sand und drei Förmchen für die Besserverdiener“. Bernhard Heiß hatte in seinem Text ein eher egozentrisches Thema: sich selbst. Humorvoll beschrieb er seine Fehler („keinen Bartwuchs, nur 1,70 und Schuhgröße 40“) und erntete einen Lacher nach dem anderen. Im Finale konnte Heiß mit seinem etwas deftigen Text über Verdauung einen Tick weniger punkten. Erhard setzte auch in der Finalrunde auf das Konzept „Humor mit Tiefgang“ und erntete für seinen Beitrag über die „Angst vor der Ungewissheit“ stürmischen Beifall.

Doch gegen Bonny Lycen konnten sich die Jungs nicht durchsetzen: Ihr zweiter Text über das Ende einer Beziehung strotzte vor Gefühl, ohne auch nur eine Sekunde kitschig zu sein. Das bewusste Setzen der Worte, ein eigenwilliges Versmaß und ihre eindringliche Stimme brachten Bonny Lycen verdient den ersten Platz.

Der nächste Poetry Slam findet am 6. Februar statt: Unbedingt hingehen, selten sieht man so viel junge Talente an einem Abend. Es empfiehlt sich auch dann, wieder rechtzeitig da zu sein – ausverkauft war auch dieser Poetry Slam. So wie immer.

Susanne Greiner

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