LiteraTurm am Ammersee

Neues Format im Taubenturm

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Im Gespräch mit dem Publikum (von links): Alois Kramer, Victoria Mayer, Nue Amman und Peter Bierl lasen im Taubenturm für das Netzwerk Asyl Ammersee.

Dießen – Im Taubenturm hat kürzlich die Premiere für ein Format stattgefunden, von dem man sich weitere Folgen wünscht: „Nues LiteraTurm“. Das Thema des Benefizabends im Domizil des Heimatvereins lautete „Heimat 2.0(8)15“. In zwei Turmgeschossen lassen die Journalisten Alois Kramer und Peter Bierl, die Initiatorin und Journalistin Nue Amann sowie die Schauspielerin Victoria Mayer Texte aus dem Spannungsfeld zwischen Vertreibung, Flucht und Heimat.

Auf zwei Turmebenen, im ersten und im dritten Stockwerk, gab es im 15-Minuten-Rhythmus Lyrik, Auszüge aus einer Reportage und Autobiographisches zu hören. Eine interessante und nützliche Konzep- tion, denn nur so war es möglich auf der geringen Grundfläche des historischen Torturms den bemerkenswert große Publikumsandrang zu bewältigen. Zwischen den Leseebenen, im zweiten Stock, hatte eine Dießener Buchhandlung eine gut ausgestattete Bücherstube mit Verweilcharakter eingerichtet, in der sich die Besucher in den Pausen in das Thema einlesen konnten.

Übers Meer

Heimat, so Nue Amann, in ihrer Begrüßung, könne jenseits von nostalgischer Schwärmerei Vieles bedeuten und sei stets bedeutsam. Nach diesem Prinzip wurden auch die vorgetragenen Texte ausgewählt – ganz subjektiv. Im zweiten Stock eröffnete Victoria Mayer den Reigen mit „Über das Meer: Mit Syrern auf der Flucht nach Europa“. Darin berichtet der Autor und Journalist Wolfgang Bauer (Die Zeit), von seiner Flucht über Ägypten nach Europa. Als Flüchtling getarnt begleitet er einen Freund, den Syrer Amar, auf dessen Suche nach einer neuen Heimat in Europa. Einem Europa dessen Grenzen sich in den letzten Jahren wieder zu Todesstreifen entwickelt haben: „Wir waren naiv, wir dachten die See sei die größte Gefahr auf unserer Fahrt. Dabei ist sie nur eine von so vielen.“

Nue Amann fand das aktuelle Themenspektrum in, wie sie sagte „Gedichten aus aller Herren Länder“. Zum Beispiel in den Versen der syrischen Poeten Ali Ahmad Said Esber, Nouri Al-Jarrah, der Irakerin Amal Al-Jubouri, des Österreichers Erich Hackl, der polnisch-jüdischen Emigrantin Mascha Kaléko, in bayrischer Mundart-Dichtung oder auch in Lyrik aus der eigenen Feder: „Ausgepflanzt/Im Abschied schwimmt die Saat des Morgen/Klein und furchtbar leicht (…)“

Schreckliche Sprache

Mit Mark Twain begab sich Alois Kramer auf die Reise. Für den Philosophen und Altphilologen ist die deutsche Sprache Heimat. Mit dieser tat sich Mark Twain allerdings – auf hohem Niveau – schwer, wie in dessen humorvoller Abhandlung „Die schreckliche deutsche Sprache“ unterhaltsam deutlich wird. Kramers Fazit: „Wie schön, dass wir diese Sprache schon beherrschen und sie nicht – wie derzeit unzählige Flüchtlinge – erst lernen müssen“.

Einen Blick zurück in das Jahr 1940, als die Panzer der Nazis in Paris einrollten, unternahm Peter Bierl mit den „Erinnerungen eines Revolutionärs“ von Victor Serge. Den Arbeiter, Schriftsteller und Revolutionär führte seine Flucht vor dem Faschismus von Paris nach Marseille und dann als Bootsflüchtling weiter bis nach Martinique.

Der abschließende Applaus, vom Publikum für Autoren und Vorleser gedacht, gebühre, so Bierl, in erster Linie dem ehrenamtlichen Netzwerk Asyl Ammersee und dessen verlässlichem Einsatz für die Flüchtlinge in der Region, dem die Eintrittsgelder der Lesung zugute kamen.

Ursula Nagl

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