Bereit für Veränderungen

Geht es nach Professor Hermann Knoflacher sollen die Parkgebühren in der Landsberger Innenstadt bald kräftig steigen, um den Verkehr zu reduzieren Foto: Peters

Wenn Hermann Knoflacher über Autos redet, zucken Vertreter der Automobilkonzerne schmerzhaft zusammen. Denn das, was der Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien lehrt, dürfte in ihren Ohren wie der nahende Weltuntergang klingen. Seit mehr als 30 Jahren kritisiert der 70-Jährige die selbst geschaffene Abhängigkeit vom Auto, vergleicht es mit einem Virus, dessen großer Flächenverbrauch bekämpft werden muss. Für seine Forderung, Fußgängern und Radfahrern wieder mehr Raum einzuräumen, wurde Knoflacher anfangs müde belächelt, in Zeiten steigender Spritpreise klingt das nun für viele auf einmal gar nicht mehr so verkehrt. Auch in der Stadt Landsberg, für die Knoflacher seit November vergangenen Jahres an einem Verkehrskonzept arbeitet, ist der Wandel in der Gesellschaft zu spüren. Dies belegen die ersten Ergebnisse der bislang durchgeführten Untersuchungen, die der Professor am vergangenen Mittwoch der Öffentlichkeit vorstellte.

Ein paar Mal ist Knoflacher in den vergangenen Monaten in der Lechstadt gewesen, hat sich persönlich ein Bild gemacht von der Verkehrssituation. Und wie sich das für einen Verkehrsplaner gehört, der das Auto nur dann benutzt, wenn es unausweichlich ist, durchquerte Knof­lacher die Stadt mal zu Fuß und mal auf dem Fahrrad – letzteres wahlweise mit Elektroantrieb. Das sei angesichts der Topografie der Stadt ganz angenehm gewesen, sagt der Professor lächelnd. Mit der Wahl seiner Fortbewegungsmittel gehört Knoflacher in Landsberg allerdings zu einer Minderheit. Nur 18 Prozent der Landsberger gehen ihre Wege zu Fuß, 13 Prozent nutzen das Fahrrad. Mit 62 Prozent fährt der Großteil nach wie vor mit dem Auto, wie die Mobilitätsbefragung des Ingenieurbüros Ingevost im vergangenen Jahr ergeben habe, gab der Professor erstmals einen Einblick in die Zahlen der Studie. Mit der „extremen Autoaffinität“ liege Landsberg im Durchschnitt anderer Städten und Gemeinden. 3,7 Wege legt der Landsberger durchschnittlich pro Tag zurück, immerhin acht Prozent nutzen auch für eine Strecke unter 500 Meter das Auto. Für Wege bis zwei Kilometer, also in etwa dem Gebiet der Innenstadt, verzichtet ein Viertel der Bürger nicht auf sein Kraftfahrzeug. Dies müsse sich ändern, erklärten Knoflacher und OB Ingo Lehmann unisono. Man strebe einen Anteil des Umweltverbandes, also Fußgänger, Fahrradfahrer und öffentlicher Nahverkehr, von mindestens 50 Prozent an. Die Verringerung des Autoverkehrs ist eines der Hauptziele, die der Stadtrat am vergangenen Mittwoch einstimmig für die weitere Stadtentwicklung beschloss. Weitere Schwerpunkte liegen im Bereich Ökosystem wie etwa weniger Verkehrslärm und weniger Flächen für Autos sowie bei der Mobilität für Kinder. Hier setzten die Stadträte ein sicheres, gesundes Wohnumfeld für Kinder und autofrei erreichbare Freizeitmöglichkeiten im weiteren Umfeld als Zielvorgabe fest. All diese Punkte hatten Stadtverwaltung, Stadträte sowie Teilnehmer einer Bürgergruppe Anfang März in einem Fragebogen als besonders wichtig eingestuft. Dass dabei rund zwei Drittel der Befragten auch eine autofreie Wohnumgebung für wünschenswert erachteten, wertet Knoflacher als Indiz für das wandelnde Bewusstsein in der Gesellschaft. Jahrzehntelang seien Autofahrer „massiv verwöhnt“ worden, jetzt müsse man den „Weg zurück zu einem menschlicheren System“ finden. Wie das in Landsberg erreicht werden kann, das will der Professor in den kommenden Monaten untersuchen. Erste Maßnahmen schweben Knoflacher bereits vor. So kann er sich eine deutliche Erhöhung der Parktarife in der Innenstadt vorstellen, um dort den Verkehr zu verringern. „Die meisten, die nach Landsberg ziehen, kommen aus Städten wie München, wo sie viel höhere Preise gewöhnt sind. Für die sind die Gebühren hier geradezu paradiesisch.“ Natürlich rechnet Knoflacher trotz der allgemein zunehmenden Bereitschaft zu Veränderungen auch mit Widerstand. „Die Umsetzung der Maßnahmen wird sicher ziemlich heiß.“ Da trifft es sich ganz gut, dass der Hauptplatz im kommenden Jahr durch den geplanten Umbau auch ohne Zutun von Knoflacher autofrei wird – wenn auch nur temporär. Für Lehmann ist das ein erster Testlauf, wie es in Zukunft vielleicht auch ohne des Landsbergers liebstes Fortbewegungsmittel gehen könnte. Für diejenigen, die dann wie Knoflacher auf dem E-Bike die Landsberger Altstadt besuchen, wird indes schon einmal vorgesorgt: Die Stadt hat die Planer des neuen Hauptplatzes beauftragt, eine Ladestation zu integrieren.

Meistgelesene Artikel

Alarmstimmung bei der Feuerwehr

Kaufering – Die Freiwillige Feuerwehr der Marktgemeinde hat Nachwuchssorgen. Das war eines der brennenden Themen auf der diesjährigen …
Alarmstimmung bei der Feuerwehr

Breitband, Straßen, Seeanlagen

Dießen – Kaum Anlass zu Rückfragen und Diskussionen hat der Haushaltsplan 2017 gegeben, den Kämmerer Max Steigenberger am Montag erneut im …
Breitband, Straßen, Seeanlagen

Ein Blick über den Tellerrand

Dießen – „Wenn ich an seinem Ufer steh weiß ich, ich liebe ihn, den Ammersee“ – mit einer Hymne auf Dießen und den Ammersee, gesungen und gespielt …
Ein Blick über den Tellerrand

Kommentare