Zwei Flüchtlinge in Finnland

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Die beiden Grandseigneurs des Berliner Ensembles Manfred Karge (links) als Ziffel und Roman Kaminski als Kalle: Als heimatlose Flüchtlinge treffen sie sich am Bahnhof in Helsinki und führen „Flüchtlingsgespräche“.

Landsberg – Eine fast leere Bühne, nur zwei von weißen Planen bedeckte Gegenstände sind auf dem Boden zu sehen. Zwei Männer betreten die Bühne, heben die Planen an: Unter ihnen ihre Requisiten – Koffer, Tasche, Zigarren und Bier. Der eine ein jüdischer Intellektueller namens Ziffel, der andere Arbeiter und Kommunist Kalle, beide auf der Flucht vor Hitler. Im Bahnhofscafé in Helsinki treffen sie sich und es entwickelt sich ein Gespräch: Über Pässe, über Humor und Kapitalismus, über Vaterland und Nationalsozialismus. Brecht schrieb seinen Text „Flüchtlingsgespräche“ Ende der 30er Jahre, als er selbst in Dänemark und Finnland im Exil lebte. Gerade jetzt besticht der Text wieder durch seine Aktualität.

„Es ist ein besonderer Abend für mich: Endlich haben wir das Berliner Ensemble, die große Brechtbühne bei uns zu Gast“, freute sich Theaterleiter Florian Werner. „Und zudem noch die beiden Grandseigneurs des Berliner Ensembles, Manfred Karge und Roman Kaminski.“ Brechts Text „Flüchtlingsgespräche“ steht am Berliner Theater am Schiffsbauerdamm schon seit Juni 2013 auf dem Spielplan. Regie und Bearbeitung des Textes hat Karge selbst übernommen: Der Text besteht aus 18 einzelnen Dialogen und einem Anhang, ist also kein Theaterstück, sondern Material, aus dem Karge „seine“ Fassung zusammenstellte. Manfred Karge als Physiker und Roman Kaminski als Arbeiter Kalle führen jedoch nicht wirklich ein Gespräch, auch wenn der Text in Dialogform geschrieben ist.

Vielmehr sind es theoretische Statements oder persönliche Ideen, die sie von sich geben. Keine glaubhaften Figuren, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Soll man auch nicht, ist ja auch Brecht. Das ist zu Beginn etwas befremdlich. Beide Schauspieler deklamieren ihren Text eher, als dass sie ihn sprechen. Dennoch zieht der Text die Zuschauer in seinen Bann, treffen die Worte, werden Gedanken angestoßen. Der Text „Flüchtlingsgespräche“ hat zahlreiche biografische Bezüge zu Brechts Exil. Der in Augsburg geborene Autor floh einen Tag nach dem Reichstagsbrand 1933 über Prag, Paris, Wien und weitere Stationen bis nach Dänemark: „Öfter die Länder als die Schuhe wechselnd“, beschrieb es Brecht selber. Als auch Dänemark den Nationalsozialisten die Tore öffnete, zog Brecht nach Finnland, wo er auf sein Visum für die USA wartete. In den USA fand Brecht aber keine Heimat. Vor allem seine mangelnden Englischkenntnisse raubten ihm das Medium, in dem er zuhause war: die Sprache.

Auch deshalb verließ er die USA und gründete 1949 das Berliner Ensemble in Ost-Berlin – für das er erst 1954 ein Haus bekam. Viele von Brechts Exilorten sind in den „Flüchtlingsgesprächen“ zu finden – gleich zu Beginn der Ort des Treffpunkts, der Bahnhof in Helsinki. Oder wenn Ziffel erzählt: „Ich bewarb mich in Prag und verließ Hals über Kopf das Land.“ Auch über Dänemark hat Ziffel etwas zu sagen: Dänemark, das glaubte, „zu viel Humor zu haben, als dass Faschismus funktionieren könnte. Aber der Faschismus hat sich nicht daran gestoßen und ist mit Flugzeugen gekommen.“ Nicht nur Orte, auch die Frage nach dem, was bleibt, wenn ein Mensch seine Heimat verlassen muss, ist Thema. Brecht lehnte den Begriff „Emigranten“ ab, da er die Freiheit einer Wahl impliziere, welche die Vertriebenen, Verbannten gerade nicht hätten. Das Exil könne keine Heimat werden.

Die Heimatlosigkeit thematisiert Brecht auch an Ziffel: Der will seine Memoiren schreiben, doch alles, was er zustande bringt, ist ein zersplittertes Leben in Stichworten: „Die Frauenabteilung, das Volk Gottes, am deutschen Wesen wird die Welt genesen, Faust, Gasvergiftung.“ Zerrissenheit herrscht auch der Heimat gegenüber. Denn Vaterlandsliebe ist bei solch einem Vaterland unmöglich: „Der Deutsche will seinen Namen ablegen, wo soll er sonst noch leben?“ sagt Ziffel. „Was für ein hübsches Land hätten wir, wenn wir es hätten“, konstatiert Kalle. Ohne Heimat und ohne Sprache bleibt nur noch ein Mensch auf dem Papier: „Der Pass ist der edelste Teil eines Menschen.

Der Mensch ist der mechanische Halter des Passes.“ Schuld an allem sei der Kapitalismus, ist Ziffel überzeugt, denn „er ist eine Plattitüde“. Das sei er leider nicht, antwortet Kalle. Am Ende sitzen beide Flüchtlinge heimatlos, machtlos und sprachlos wartend auf ihren Koffern. Alle Wege scheinen verbaut, nur ein Ausweg „vor dem sich immer weiter ausbreitenden Hitler“ fällt Kalle noch ein: „Hoch oben, nach dem nördlichen Eismeer zu, sehe ich noch eine kleine Tür.“ Es beginnt zu schneien.

Susanne Greiner

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