Hoffen auf 40 Prozent

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Momentan verlegen die Stadtwerke nach und nach Glasfaserkabel. Aktuelles Projekt ist die Erschließung der Altöttinger Straße.

Landsberg – Die Stadtwerke Landsberg verlegen nach und nach Glasfaserkabel, um die an vielen Stellen unbefriedigende Versorgung mit schnellem Internet zu verbessern. Aktuelles Projekt ist die Erschließung der Altöttinger Straße, wo ohnehin Kanalarbeiten stattfinden. Allerdings geht das Kommunalunternehmen dabei nicht sehr überzeugend vor – ein Anschreiben an die Anwohner mit kurzer Fristsetzung enthält nur einen einzigen Satz, wa­rum sie zwischen 600 und 1.300 Euro für ein leeres Kabel ausgeben sollen.

Da sind sich weltweit alle Experten einig: Wer einen Glasfaseranschluss im Haus hat, ist für die Zukunft optimal gerüstet. Der Lichtwellenleiter ermöglicht nicht nur rasend schnelles Internet, sondern trägt auch der Tatsache Rechnung, dass immer mehr Menschen Fernsehen und Videos individuell abrufen. Netflix, Amazon Prime, die Mediatheken von ARD oder RTL und Dienste wie Sky on demand sind schon heute unübersehbare Vorboten einer veränderten Mediennutzung. Auch die Verbände der Wohnungswirtschaft raten Bauträgern und Eigenheimbesitzern dazu, zuzugreifen, wenn die Landkreise oder Städte einen Glasfaseranschluss in den Varianten FTTB (fibre to the building) oder FTTH (fibre to the home) anbieten.

Dies gilt insbesondere, wenn die Kommunen oder Stadtwerke wie in Landsberg die Netze selbst bauen und an das jeweils günstigste Telekommunikations-Unternehmen verpachten. Bei einem Verkauf oder einer Vermietung des Wohnobjekts ist dadurch sichergestellt, dass die Anforderungen an die „Konnektivität“ der Wohnung oder des Hauses erfüllt sind, selbst wenn sich Nutzer im konkreten Fall für einen anderen Internet-Provider in einem anderen Netz entscheiden. „Abgehängt werden“ kann dieses Objekt jedenfalls nicht mehr.

Nachhaltige Aufwertung

Wer all das nicht weiß, ist in Landsberg allerdings auf den einen Satz angewiesen, mit dem die Stadtwerke hoffen, 40 Prozent der Haushalte in der Altöttinger Straße für den Lichtwellenleiter begeistern zu können. Er lautet: „Der Anschluss an das Glasfasernetz wertet Ihr Gebäude nachhaltig auf und rüstet Sie für die multimediale Zukunft“.

Solch reduzierte Erklärungen wären ja noch hinnehmbar, wenn die Stadtwerke mit Broschüren oder Info-Ständen für das „Gemeinschaftsprojekt Glasfaser“ werben würden. Doch das Schreiben enthält außer einer Ermutigung, persönlich im Kundencenter in der Epfenhauser Straße vorzusprechen, keinen Hinweis darauf. Im Gegenteil: Bis Ende Mai erwartet das Kommunalunternehmen bereits den schriftlichen und verbindlichen Auftrag der Hauseigentümer oder Eigentümergemeinschaften. Und es lässt keinen Zweifel daran: Wenn die 40 Prozent „Anschlussgrad“ nicht erreicht werden, findet das Projekt insgesamt nicht statt. Also: Bitte hier unterschreiben, und zwar schnell.

Die Erfolgsaussicht dieses Vorgehens wird noch dadurch vermindert, dass die Stadtwerke nicht nur das Netz (die „unbeschaltete“ Glasfaser), sondern zugleich auch die Nutzung (den Internetzugang) anbieten, obwohl der Netzanschluss auch ohne aktuelle Nutzung bestellt werden kann. Dazu übermitteln die Stadtwerke in ihrem Schreiben ein Angebot des Providers SmartONE aus dem Markt Wiggensbach im Landkreis Oberallgäu, der die Leitungen der Stadtwerke offenbar für eine gewisse Zeit nutzen darf.

So begrüßenswert es ist, dass hier ein regionaler Anbieter aus der Nachbarschaft im Boot ist – die erklärungslose Kopplung der beiden Angebote verleitet Hausbesitzer und Eigentümer zu dem Gedanken: Ich habe bereits einen Internet-Zugang, ich brauche daher keine Glasfaser. Begünstigt wird dieser Gedanke durch die Tarife von Smart­One. Wer einen 30 Megabit-Anschluss über den Provider buchen möchte, zahlt mit Telefonie monatlich 50 Euro. Für 60 Megabit ruft SmartOne 60 Euro auf. Hinzu kommt noch eine einmalige Anschlussgebühr in Höhe von 50 Euro; dafür gibt es dann keine Mindestlaufzeit.

Kabel ist günstiger

Für solche Tarife muss der bisherige Leidensdruck ziemlich hoch sein. Er ist sicher dort gegeben, wo es noch überhaupt kein schnelles Internet gibt, etwa im ländlichen Raum. In der Altöttinger Straße bietet die Telekom aber immerhin DSL mit 16 Megabit für etwas über 30 Euro an. Zwar ist das nur ein nomineller Wert; eine Messung in einem Mehrfamilienhaus ergab, dass nur acht Megabit erzielbar waren. Dennoch wird zumindest einigen bisherigen Telekom-Kunden der bestehende Vertrag reichen.

Vergleicht man das Smart­One-Angebot mit dem von Vodafone Kabel Deutschland, sieht es sogar noch ungünstiger aus. Ignoriert man alle Neukundenvorteile, sind dort für 200 Megabit monatlich nur 40 Euro zu zahlen. Allerdings gibt es auch in der Altöttinger Straße einige Häuser, in denen Bauträger oder Bauherren den Kabel-Fernsehanschluss abgelehnt haben, so dass er jetzt als Kabel-Internetanschluss fehlt. Außerdem wird das von Kabel Deutschland genutzte Kupferkoaxialkabel langfristig durch die Glasfaser abgelöst. Wer garantiert, dass der Konzern dann den Internet-Zugang in der Altöttinger Straße zu ähnlichen Tarifen weiterführt? Branchenexperten sagen: Wenn sich eine Investition in ein Gebäude lohnt, dann ist es die Glasfaser – selbst wenn man aktuell keinen Bedarf nach mehr Bandbreite hat und mit seinem derzeitigen Anbieter zufrieden ist.

Im Verhältnis zu den Kosten einer Dämmung oder einer anderen Modernisierung bekommt man die Glasfaser auch zu einem sehr niedrigen Preis. Die Stadtwerke machen sich die Sache unnötig schwer, wenn sie die Vorteile nicht deutlich beim Namen nennen und glauben, Briefe an die Eigentümer reichten aus. Außerdem sollten sie stärker auf die Trennung von Netz und Nutzung hinweisen. Auch wenn man momentan keinen Bedarf nach mehr Bandbreite hat, es gibt nur ein einziges Mal die Chance, den Lichtwellenleiter der Stadtwerke ins Haus zu bekommen – und das ist genau jetzt.

Werner Lauff

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