Entscheidung ist gefallen:

Im Blauen Haus kehrt Ruhe ein

+
1694 wurde die achteckige Josefskapelle vom Brauer Josef Hofer erbaut. 206 Jahre später entstand genau daneben das „Ammersee Hotel“, heute bekannt als „Blaues Haus“ und Dauerzankapfel in der Gemeinde Dießen.

Dießen – Unsicherheit bei den Mietern, monatelange zum Teil hochemotionale Diskussionen, Versammlungen am „Blauen Tisch“ und der Offene Brief von Künstlern waren dem ausgewogenen Beschluss des Dießener Marktgemeinderates vorausgegangen, der die Zukunft des „Blauen Hauses“ in der Prinz-Ludwig-Straße nunmehr endgültig regelt. „Zufrieden“, „akzeptabel“ und „stocksauer“ waren die ersten Meinungen der verschiedenen Interessengruppen in den voll besetzten Zuschauerreihen im Sitzungssaal des Rathauses.

Das Prozedere war in Gang gesetzt worden, weil der bisherige Hauptmieter des Blauen Hauses, das Architekturbüro Bahlsconcept, zum 31. Juli nächsten Jahres ausziehen wird. Jürgen Bahls hatte Büros, das Kult-Café sowie den Saal untervermietet. Durch die Beendigung seines Mietvertrages mussten hier dringend neue Regelungen getroffen werden. Credo von Bürgermeister Herbert Kirsch und der Marktgemeinde Dießen: Das Blaue Haus soll wirtschaftlich weitergeführt werden.

Sehr zufrieden sind in erster Linie die Gewerbemieter im Blauen Haus, die jetzt Planungssicherheit haben. Denn laut dem aktuellen Beschluss des Marktgemeinderates „wird die Nutzung in den Obergeschossen unverändert belassen.“ Den aktuellen Mietern der Büro- und Gemeinschaftsräume werden ab dem 1. August 2017 neue Mietverträge direkt von der Gemeinde angeboten.

Öffentlicher Kulturraum

Zufrieden mit dem Beschluss kann auch die Künstlergruppe um Annunciata Foresti sein. Sie und dreizehn Kunst- und Kulturschaffende hatten in einem Offenen Brief gefordert, dass der Große Saal im Blauen Haus als öffentlicher und unabhängiger Kulturraum für die Szene in Dießen und Umgebung erhalten bleibt. Die kostengünstige Belegung solle über die Gemeindeverwaltung gesteuert werden. Genau diesem Anliegen hat sich das Gremium mit 21 Ja-Stimmen und einer Gegenstimme angeschlossen, wobei sich die Gemeinderäte Michael Behrendt, Michael Fuchs-Gamböck und Erich Schöpflin bereit erklärt haben, bei der Klärung der Detailfragen wie Mietsatz oder Reinigung mitzuwirken.

Akzeptabel ist für die Übergangsmieterin Christiane Graf der Ratsbeschluss, ihr das Kult-Café im Erdgeschoss als eigenständige Einheit zur dauerhaften Anmietung bzw. Pacht anzubieten. Allerdings ohne den Großen Saal, den sie und ihr Mann Frank gerne mit übernommen hätten. Zusammen mit den Fotokünstlern Carmen Kubitz und Jürgen Wassmuth wollten sie hier ein Kulturforum etablieren, das aber auch anderen Künstlern zugänglich sein sollte. Mit ihrem Offenen Brief hatten sich die Dießener Kunst- und Kulturschaffenden aber dafür ausgesprochen, die Nutzung und Vermietung des Saales nicht über sie, sondern ausschließlich über die Gemeinde laufen zu lassen. Eine eventuelle Bewirtung bei Veranstaltungen im Saal könne natürlich das Kult-Café übernehmen.

Ob das Kult-Café – derzeit als „Strick-Café“ geführt – unter der Leitung von Textildesignerin Christiane Graf von der breiten Bevölkerung angenommen wird, wurde von einigen Bürgern bezweifelt: „Wenn das Café weiterhin ein Treffpunkt von Stricklieseln bleibt, wird es wohl kaum ein Highlight im Dießener Gastro-Angebot werden!“ Momentan sehe das Café eher wie eine Verkaufsstätte für Wolle aus, haben doch die Grafs große Teile ihres schräg gegenüber befindlichen Ladengeschäfts in das Kult-Café verlagert. Immerhin planen Christiane und Frank Graf in Kürze einen Sonntagsbrunch und ab nächstem Jahr wollen sie unter „Kunstkaffee und Kuchen“ firmieren.

Stocksauer war Marktgemeinderat Michael Hofmann (Bayernpartei), der sich bezüglich der künftigen Nutzung des Blauen Hauses mit dem Konzept „Kulturelle Heimat für alle“ für Heimatforscher und Sammler stark gemacht hatte und kurz und bündig abgeschmettert wurde. Er stellte die Idee nochmals ausführlich vor und beantragte, über sein Konzept mit einem Bürgerbeteiligungsverfahren im Rahmen von ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept) abstimmen zu lassen. Nach kurzer Diskussion wurde mit 21 Ja-Stimmen wie folgt beschlossen: „Der Marktgemeinderat nimmt den Vortrag von MGR Hofmann zur Kenntnis und weist ein Bürgerbeteiligungsverfahren im Rahmen der ISEK ab“. Die einzige Gegenstimme kam natürlich von Michael Hofmann. Er wollte im ersten Obergeschoss des Blauen Hauses eine Art Museum einrichten für Schweizer‘s Puppen, die Modelleisenbahn von Anton Keil, die Bader- und Barbier-Sammlung von Alfons Kotzbauer oder für eine historische Hammerschmiede. Für das zweite Obergeschoss sah sein Konzept ein Büro für die Heimatforscher und ein öffentlich zugängliches Archiv vor.

Wechselvolle Geschichte

Es geht also weiter für das Blaue Haus in Dießen, das auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Das ortsbildprägende und imposanten Gebäude direkt an der Hauptdurchfahrtsstraße war ursprünglich 1900 als Ammersee Hotel gebaut worden. Im Nationalsozialismus beherbergte das Haus eine Schule und eine sog. Kinderlandverschickung. Nach dem Krieg diente es als Reha für schwerverletzte Soldaten. Ab den 50er Jahren bis 1989 war es ein Schulungsheim für den Coop-Revisionsverband der Deutschen Konsumgenossenschaft. Nachdem dann einige Jahre Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR dort untergebracht waren, kaufte es 1992 die Marktgemeinde Dießen. Als Hauptmieter fungiert bis dato Jürgen Bahls, der allerdings mit den zahlreichen Pächtern des Kult-Cafés kein Glück hatte. Da es lange leer stand, sprang Christiane Graf mit ihrem derzeitigen Strick-Café ein. Dieter Roettig

Meistgelesene Artikel

Vier Etagen und viel Licht

Landkreis – Es sei lediglich eine „graphische Umsetzung des Flächenbedarfs; kein Plan, keine Lösung“, betont Hochbauamtschef Christian Kusch mit …
Vier Etagen und viel Licht

Ein Londoner Architekt formt den Lechsteg

Landsberg – Der aus Deutschland stammende Architekt Dirk Krolikowski vom Londoner Architekturbüro DKFS wird gemeinsam mit dem Münchener Ingenieurbüro …
Ein Londoner Architekt formt den Lechsteg

Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Eching – Im letzten Sommer, geprägt von starken Regenfällen und Hochwasser, war es besonders schlimm mit der Mückenplage rund um den Ammersee. …
Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Kommentare