Friedhof Mittelmeer

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Michael Meyer von der bremer shakespeare company als zynischer General in Marco Martinellis aufwühlendem Monolog „Wassergeräusch“.

Landsberg – Der General schuftet wie ein Sklave. Er ist allein auf einer Insel im Mittelmeer und versinkt im Dschungel der Nummern. Jede zählt einen toten Flüchtling, der im Meer ertrunken ist. Denn das Mittelmeer ist ein Friedhof. Michael Meyer von der „bremer shakespeare company“ spielt diesen General in Marco Martinellis Monolog mit Anlagen an Wahnsinn und Absurdität. Er ist der Buchhalter der Toten. Und die Flüchtlinge sind nur ein leises „Wassergeräusch“ in der Brandung.

Der General steht auf einem Podest, eine Sonnenbrille verdeckt die Augen. Er liest Zahlen vor, die auf eine Tafel im Hintergrund projiziert werden. Sie bilden den Rhythmus des Stückes. Da ist 2917, ein Junge, „sagen wir Jussuf aus der Westsahara, ein Großmaul“. In einer Lagune wirft er den Motor an, eine Welle füllt den Kahn mit Wasser, alle ertrinken. Finito. „An manchen Tagen stinkt das Meer nach totem Fleisch“, ekelt sich der General.

Nummer 44, Sakina, die schon vor der Überfahrt „gebraucht und missbraucht wurde, anstatt wohlriechend zwischen den Laken der Weißen zu liegen.“ Noch mehr Zahlen, die 23.551 – „So eine hohe Zahl? Ist das möglich?“, fragt sich der General. Gebrochen wird sein zynischer Monolog durch Noten: Drei Musiker aus Togo und von der Elfenbeinküste sitzen hinter ihm und spielen lebensbejahende, afrikanische Rhythmen.

Durch sie werden die Zahlen menschlich, das Stück zum Oratorium für die Toten. „Der Minister sagt, es sei einfacher, die Menschen aufzunehmen als abzuweisen? Falsch!“ brüllt der General. Er muss unermüdlich die Liste der Toten aktuell halten, die alle auf der Insel bleiben, aufgetürmt, der Platz wird eng. Die Listen sind ausgebleicht, die Zahlen unleserlich, welche Zahl ist welcher Mensch? Am Ende des Stückes zieht der General überfordert die Sonnenbrille ab. Man könnte fast meinen, da steht ein Mensch.

Das Stück „Wassergeräusch“ kam zur bremer shakespeare company durch die Zusammenarbeit mit dem Teatro delle Albe in Ravenna. Dessen Gründer Martinelli schrieb das Stück nach Erzählungen von Flüchtlingen, die er auf Sizilien kennenlernte. Dabei wolle er weder Betroffenheit noch Gutmenschentum erzeugen: „Ziel war es, dass es einem an die Eingeweide geht.“ Und das tut es. Der General, für den Gaddafi Pate stand, verkörpert die schlechten Eigenschaften der Menschen: Macht und Gleichgültigkeit. Wie Meyer hinter seiner Sonnenbrille zählt und erzählt, flüstert und schreit, ist nahezu monströs.

Nach dem Stück beantworten Meyer und die Musiker Fragen der leider wenigen Zuschauer. Für ihn sei es immer wieder aufwühlend, das Stück zu spielen, sagt Meyer. Ebenso für die Musiker, die ähnliche Schicksale aus ihrem Bekanntenkreis kennen. Auch die Zuschauer scheinen noch neben sich zu stehen, Fragen kommen eher stockend. Es ist schwierig, die Bilder zu verdrängen: Erst vor wenigen Tagen ertranken über 500 Menschen im Friedhof Mittelmeer.

Susanne Greiner

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