70. Jahrestag der Befreiung

Opfer eines Beton-Riesen

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Im Mai 1944 begannen die Arbeiten auf der Baustelle „Weingut II” im Frauenwald. Insgesamt waren 20929 Häftlinge im Lagerkomplex Kaufering verzeichnet, 6391 starben.

Kaufering – „Vernichtung durch Arbeit”: Unter dieser Nazi-Überschrift mussten die Häftlinge des KZ-Außenlagerkomplexes „Kaufering” an dem riesigen Betonbunker im Frauenwald arbeiten. 6391 Gefangene überlebten diese Arbeit nicht und erlebten damit auch nicht die Befreiung durch die Alliierten vor genau 70 Jahren – am 27. April 1945.

„Vor vier Tagen haben wir das KZ Kaufering verlassen und seitdem marschieren wir mit unseren letzten nachlassenden Kräf- ten irgendwohin. Es sind die letzten Tage des Krieges. ... In unseren schäbigen Häftlingskleidern, vor Kälte zitternd, werden wir weiter geschleppt – Haufen des Elends, der immer kleiner wird.” Zwi Katz und tausende KZ-Häftlinge sind auf dem Weg von Kaufering nach Dachau. Es ist Ende April 1945. 

Die ersten tausend jüdischen Häftlinge kommen am 18. Juni 1944 am Bahnhof in Kaufering an. In zehn Lagern werden sie untergebracht. Ursprünglich geplant sind elf, Lager V in Utting kommt nie zur Ausführung. Obwohl fast alle Lager auf Landsberger Gebiet sind, tragen sie den Namen „Kaufering”, was mit dem Bahnhof zusammenhängt. „In Auschwitz trieb man uns in bereitgestellte Viehwagen. Wieder zusammengepfercht, mit einem Stückchen Brot und etwas Margarine ausgerüstet, fuhren wir einige Tage in geschlossenen Waggons und kamen schließlich in Kaufering an”, schildert Ex-Häftling Elias Godinger. 

Der KZ-Außenlagerkomplex Landsberg-Kaufering ist einer der größten des Stammlagers Dachau. Die Lager I bis XI erstrecken sich von Klosterlechfeld im Norden bis Seestall im Süden und von Türkheim im Westen bis nach Utting am Ammersee im Osten. Täglich werden die Häftlinge unter dem SS-Motto „Vernichtung durch Arbeit” für den Bunkerbau eingesetzt: „Wie schleppt man sich, schwach und verhungernd, nach zwölf Stunden Schwerstarbeit an einem riesigen Bunker für die Produktion von Jagdflugzeugen durch Schnee und Kälte neun Kilometer lang zurück ins Lager? Und das Tag für Tag. Ich kann es nicht erklären. Aber es gelang mir und gelang anderen”, beschreibt der KZ-Überlebende Abba Naor. 

Wer es nicht schafft oder arbeitsunfähig ist, wird in die Vernichtungslager Auschwitz und Bergen-Belsen transportiert und getötet. 1200 Männer und 1400 Frauen aus dem Lagerkomplex Kaufering müssen dieses Schicksal erleiden. Von denen, die in den Lagern verbleiben, sterben etwa 6500 an Erschöpfung, Hunger oder Krankheit. 

Totale Bürokratie 

Für die Nazis sind die Häftlinge nicht mehr als Nummern. Doch nun, nach 70 Jahren, erhalten diese Nummern wieder Namen und Gesichter: Oberstleutnant Gerhard Roletscheck von der Militärgeschichtlichen Sammlung „Erinnerungsort Weingut II” hat in den Archiven gesucht und gefunden: Alles ist dokumentiert, jeder Häftling hatte eine Art „Lieferschein”, wenn er am Bahnhof Kaufering ankam oder abtransportiert wurde. Der Transportführer war verantwortlich. Fehlte etwas, musste es nachgereicht werden: „Die Bürokratie in der NS-Zeit war eine Perversität”, sagt Roletscheck. 

Unterirdische Fabrik 

Jeder Häftling ist allein mit dem Bunkerbau beschäftigt. Der Bunker auf dem Gelände der heutigen Welfenkaserne ist einer von insgesamt sechs geplanten Anlagen. Die Rodungsarbeiten an der Baustelle „Weingut II” im Frauenwald beginnen im Mai 1944. Hier soll eine unterirdische, bombensichere Flugzeugfabrik entstehen. Insgesamt ist der Bunker- Bau ein Riesenprojekt: 400 Meter Länge und fünf Etagen sind geplant. 

Im Herbst wird der Einzug der Firma Messerschmitt mit der Me 262-Produktion – einem Düsenjäger – in den Bunker „Weingut II” beschlossen. Was oft als Rüstungsprojekt „Ringeltaube” bezeichnet wird, gab es nie, stellt Oberstabsfeldwebel Helmut Müller von der Militärgeschichtlichen Sammlung klar: „Ringeltaube” war lediglich der Deckname der Oberbauleitung. Doch das Riesenprojekt wird nicht fertig. Bis 21. April 1945 sind nur 233 der geplanten 400 Meter Länge fertiggestellt. Das Betonungeheuer ist 85 Meter breit und 25 Meter hoch. So ist es bis heute erhalten, denn die Alliierten rücken immer näher. 

Um den 22. April 1945 herum kommt die Aufforderung, alle Häftlinge aus den Kauferinger Lagern nach Dachau zu bringen. Alle Gehfähigen werden zu Fuß auf den 60 Kilometer langen Marsch Richtung Dachau geschickt. Das sind etwa 1500 Gefangene aus den Lagern um Landsberg. Die Fußmärsche starten in Türkheim und führen Kaufering und Landsberg in Richtung Pasing, Dachau und Allach. Einige müssen noch weiter in Richtung Süden bis Geretsried, Beuerberg oder Waakirchen marschieren. 

Im April 1945 ist noch keine Spur von Frühling zu sehen. Es ist nass und kalt. Einige Häftlinge berichten sogar von Schnee. Dazu kommt, dass viele Gefangene weder richtige Schuhe noch Socken haben. Der ehemalige Häftling Elias Godinger beschreibt: „Ich hatte keine Schuhe und machte mir aus Bretterstücken und alten Säcken einen Fußschutz, welchen ich mit Draht an meinen Füßen befestigte.” 

Wer nicht gehfähig ist wird vom Bahnhof in Kaufering mit dem Zug abtransportiert: Etwa 2000 Menschen befinden sich in einem Zug, berichtet Zdenek Taussig: In offenen Waggons „wie Tiere, je 60 bis 80 Personen in einem Waggon” werden sie transportiert. Viele überleben die Fahrt nicht. 

Der Zug mit den Häftlingen macht am Morgen nach kurzer Fahrt Halt bei Schwabhausen in einem Waldstück: Die Gefahr von Tieffliegern beschossen zu werden, ist groß. Doch die Vorsichtsmaßnahme ist umsonst: Britische Jagdbomber greifen den Zug aus 40 Metern Höhe an. 170 Häftlinge sterben bei dem Angriff oder werden von SS-Wachen erschossen. Sie sind heute neben dem Bahndamm begraben. 

Wer weder geh- noch transportfähig ist, kommt in das wohl berüchtigste Lager im Landsberger Gebiet: das „Krankenlager”, das „Typhuslager”, das „Sterbelager” Kaufering IV bei Hurlach. In dieser Zeit werden die Flieger am Himmel immer mehr, die Amerikaner kom- men Kaufering von allen Seiten näher. Im Lager IV sind noch etwa 300 Häftlinge am Morgen des 27. April. Doch nur 24 von ihnen erleben noch das Ende des Nazi-Regimes. 

Mit einem Wagen fahren die Wachmänner durch das Lager, übergießen alle etwa 50 Barracken und Erdhütten mit Benzin und zünden sie an. Die Tore werden verschlossen, das Wachpersonal ist weg. Es ist der 27. April 1945. Die Amerikaner befreien alle zehn Lager in Landsberg/Kaufering. Im „Typhuslager” IV finden sie 24 Häftlinge, die sich vor dem Brand in den Küchenkeller gerettet haben. Alle anderen fallen den Flammen zum Opfer. 

Nie vergessen 

Auch nach 70 Jahren ist dieser Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Und das Erinnern ist eine wichtige Arbeit, wie Helmut Müller von der Militärgeschichtlichen Sammlung „Weingut II” sagt. Die Menschen sollen aus der Geschichte lernen, damit „so etwas nie wieder passiert”. Trotzdem sei es nicht das Ziel, Schuldgefühle zu wecken. „Es gab damals Täter und Opfer. Auch im deutschen Volk gab es Opfer”, sagt Müller. In diesem Bunker, dort wo heute die Sammlung eingerichtet ist, hängt ein Bild und ein Zitat des ehemaligen Häftlings und Überlebenden Abba Naor an einer Säule: „Nicht der Deutsche, nicht der Wehrmachtssoldat, sondern der Nazi hat uns vernichtet.”

Astrid Erhard

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