Eine Insel im All

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Das achtköpfige Chorensemble „A cappella Ammersee“ überzeugte stimmlich und technisch mit anspruchsvollen Werken: Angelika Werner und Juliane von Meding (Sopran), Conny Hösel und Heike Müller-Syhre (Alt), Markus Türk und Franz Mittermaier (Tenor) sowie Brad Robinson und Christof Büttner-von Meding (Bass) (von links).

St. Ottilien – Acht Stimmen in feinster Abstimmung: Das Chorensemble „A cappella Ammersee“ erfüllte am Sonntag die Klosterkirche von St. Ottilien mit Musik vom Frühbarock bis zur Moderne. Der Chor schreckte dabei nicht vor schwierigen Werken zurück, die auch die gut 100 Zuhörer forderten. Herzstück war die achtstimmige „Missa octo vocum“ des Nürnberger Komponisten Hans Leo Hassler: ein polyphoner Ohrenschmaus, bei dem jede Stimme des Ensembles brillierte.

Zu Beginn macht es „A cappella Ammersee“ den Zuhörern noch leicht: Die fünfstimmige Motette „Also hat Gott die Welt geliebt“ von Heinrich Schütz schmeichelt den Ohren mit satten Harmonien. Der Musiker des Frühbarocks wird auf seinem Grabstein als „seines Jahrhunderts hervorragendster Musiker“ bezeichnet: Er führte in Deutschland den Generalbass ein – eine Kunst, die er bei einer mehrjährigen Studienreise in Italien erlernt hatte. Nicht umsonst war Schütz über 50 Jahre lang Hofkapellmeister in Dresden. Doch schon die achtstimmige Messe von Hassler ist alles andere als ein Ohrwurm.

„Sie ist ein doppelchöriges Werk, sehr polyphon aber teilweise auch liedhaft“, beschreibt Musikwissenschaftler Brad Robinson (Bass) Hasslers Komposition. Für diese Messe stellen sich die Chormitglieder in zwei Chören auf. Denn jede einzelne Stimme zählt, hat ihren Teil zur grazilen Polyphonie des Ganzen beizutragen. Dazu passt, dass die Stimmen der beiden Sopranistinnen Angelika Werner und Juliane von Meding eine ganz unterschiedliche Klangfarbe haben: Trotz gleicher Tonlage weitaus besser herauszuhören. Diese Unterschiedlichkeit ist auch bei Heike Müller-Syhre und Conny Hösel (Alt) vorhanden, wenn auch weniger ausgeprägt. Das Chorensemble meistert die Schwierigkeit des Stückes mit Bravour, auch wenn beim „Agnus Dei“ ein zweites Mal eingesetzt werden muss – aber auch das erledigt der Chor routiniert und professionell. Dabei sind die Mitglieder von „A cappella Ammersee“ alles Laien. „Wir machen beruflich etwas völlig anderes“, erzählt von Meding, „aber jeder von uns hat langjährige Chorerfahrung und ist auch jetzt noch in anderen Chören mit dabei“. Gegründet wurde das Ensemble 2009, als Juliane von Meding mit ihrem Mann Christof Büttner (Bass) an den Ammersee zog. Mitgebracht hatten die beiden die Tenöre Franz Mittermaier und Markus Türk, mit denen sie schon seit gut 15 Jahren zusammen singen. Spezialisiert haben sich die Acht auf interessante Werke in kleiner Besetzung: „Wir singen viele geistliche Kompositionen, aber auch weltliches ist mit dabei“, betont von Meding.

Über die Einladung nach St. Ottilien habe sich das Ensemble sehr gefreut, auch wenn die Akustik eine Herausforderung ist: „Diese Kirche hat einen extremen Nachhall. Das ist in Barockkirchen mit all den Rundungen besser“, erklärt die Sopranistin. In so einem Fall müsse man langsamer und weitaus deutlicher singen, „sonst kommen die Zuhörer mit den Ohren nicht hinterher.“ Besonders schwierig zu hören – „und auch zu singen“, lacht Robinson – waren die „sechs geistlichen Gesänge“ des Spätromantikers Hugo Wolf. Der Komponist wird gerne mit Schubert und Schumann gleichgesetzt, aber seine sechs Gesänge, die Gedichte von Joseph von Eichendorff vertonen, heben sich durch ihre Komplexität weit ab. Dissonanzen, die sich zwar oft in Harmonien auflösen, sich aber auch manchmal einfach „falsch“ anhören, prägen die Stücke.

„Es gibt einige Streitigkeiten in der Notation“, erklärt Robinson. „Wolf hat das geschrieben, als er vor Liebeskummer völlig verzweifelt war. Zur Veröffentlichung war es eigentlich nicht gedacht.“ Dennoch gehört das Werk heute zu den Schätzen der spätromantischen Chormusik. Erstaunlicherweise war das modernste Stück „leichter“: Das achtstimmige „Island in Space“ des amerikanischen Komponisten Kirke Mechem basiert auf einem „metaphysischen Erlebnis“ des Astronauten Russell Schweickart. Bei der Apollo 9-Mission musste er außerhalb des Raumschiffes eine Reparatur vornehmen – und konnte dabei auf den „kleinen, blauen Ball Erde“ schauen. Russell hielt diese Erfahrung schriftlich fest, eine Quelle, aus der Mechem für sein Stück zitieren konnte. Das Stück über die „Insel im All“ wirkt vor allem in dieser kleinen Besetzung ehrfürchtig und erstaunt, Disharmonien schwingen zu Wohlklang und wieder zurück.

Mechem fügte zu Russells Worten noch das „Dona nobis pacem“ der lateinischen Messe hinzu. „Ein Aufruf zum Weltfrieden“, lacht Robinson. Und weiter: „Mechems Stück hat viele Pausen, leere Stellen. Ein geräumiges Musikstück mit Platz für die Stille des Alls“. Die Zuhörer waren sichtlich begeistert und forderten eine Zugabe: Passend zum Max Reger-Jahr stimmte „A cappella Ammersee“ noch dessen „Nachtlied“ an und entließ das Publikum mit Regers Wunsch: „Lasst uns einschlafen mit guten Gedanken.“

Susanne Greiner

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