"Die Phantasie treibt Blüten…" – ein Sommernachtstraum im Stadttheater Landsberg

Der Athener Wald ist ein Traumgebilde aus Folie, die Elfen eine Punkband, die die Schauspieler begleitet, wenn sie Shakespeares Blankverse als Song oder Schlager darbieten und ein Puck, der an seinen Namensvetter aus „Biene Maya“ denken lässt. Frage: Ist das noch der „Sommernachtstraum“? Die Antwort für alle, die die Inszenierung des Landestheaters Tübingen am vergangenen Donnerstag gesehen haben, muss unbedingt „JA!!!“ heißen.

Ein „Traumspiel mit Musik“ schrieb William Shakespeare (wahrscheinlich) anlässlich einer Hochzeit bei Hofe im Jahr 1593/1594. Genau das haben Regisseurin Simone Sterr und Komponist Jojo Büld geschaffen: eine phantasievolle, schrille, poetische und manchmal abgedrehte Version, die wunders- amerweise dem Original zu 100 Prozent treu bleibt. Dabei sind die Geschehnisse im Athener Wald, der Elfenwelt, von der des Menschen getrennt. Wie bei Großereignissen üblich, wird die Hochzeitsrede des Athener Herzogs Theseus „live“ auf einer Leinwand im Foyer übertragen, die Feierlichkeiten im fünften Akt mit der Vorführung der Handwerker spielen mit der Realität des Theatersaals und der der Zuschauer. Allein die Irrungen und Wirrungen der Sommernacht spielen „nur“ auf der Bühne, ziehen am Publikum vorbei wie Traumbilder, ein Kaleidoskop von Liebespaaren, Elfen und verwirrten Menschen, die sich zu weit in die verzauberte Welt hineingewagt haben. Das Thema „Wer liebt wen und wie“ variiert Shakespeare auf vier Ebenen: die Fürstenhochzeit, die verzwickte Konstellation Hermia – Lysander – Helena – Demetrius, der Ehestreit des Elfenkönigspaares Oberon und Titania und die im Handwerkerspiel aufgenommene Ovid-Geschichte von Pyramus und Thisbe. In der Tübinger Inszenierung fügen sich die Teile harmonisch zusammen, was auch an der großartigen schauspielerischen Leistung des Ensembles liegt. Herausragend ist Julienne Pfeil als Helena: herzzerreißend ihr Wechsel aus Liebe und Zorn. Durch die Musik der Elfenband „Charlotte Brandi et Les Enfants d’Elysium“ wird der Traumeffekt verstärkt, egal ob durch harten Rock oder gewollt kitschigen Liebessongs. Und so ist der Tübinger „Sommernachtstraum“ wirklich ein Märchen – trotz oder gerade wegen vieler Brüche – mit witzigen Ideen, aber ohne Effekthascherei, werk- und textgetreu, einfach originell und bezaubernd.

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