Reich verzierte Bilderbücher

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Selber mal ausprobieren: Im Rathauskeller können die Teilnehmer der Stadtführung „Dominikus Zimmermann und seine Zeit“ ihre eigenen Stuckblumen gießen. Stadtführerin Ingrid Daum (Mitte) zeigt, wie es geht.

Landsberg – Zimmermann zieht an: Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen nahmen 15 Personen an der ersten Stadtführung „Dominikus Zimmermann und seine Zeit“ teil. „Eigentlich ist das ja eine Schlechtwetterführung“, schmunzelt Stadtführerin Ingrid Daum, „wir sind fast nur innerhalb von Gebäuden unterwegs“. Wenn man Zimmermanns Spuren in Landsberg folgen will, ist das verständlich: Auf dem Programm stehen Stadtpfarrkirche, Johanniskirche und natürlich das Rathaus.

Los geht es im Rathaus vor dem Porträt des Baumeisters im roten Gewand samt traditionellen Bundhosen. Wichtig sind die zwei Pläne, die der Künstler Erwin Henning dem Baumeister Zimmermann in die Hände legte: Der Grundriss der Johanniskirche und der Aufriss des Rathauses, für das Zimmermann auch die Fassade gestaltete. Diesen Auftrag bekam er schon kurz nach seinem Umzug. Gut für ihn, denn sein Lohn dafür wurde mit der nicht gerade „günstigen“ Bürgeraufnahmegebühr verrechnet.

Zimmermann hatte elf Kinder, allerdings kamen nur vier davon ins Erwachsenenalter und nur zwei überlebten ihren Vater. Seiner Arbeit als Bürgermeister ging er vor allem im Winter nach, denn dann war es in den Kirchen sowieso zu kalt zum Arbeiten. Das Rokoko, die Stilrichtung, in der Zimmermann verortet ist, kam aus Frankreich nach Bayern. „Und so entstanden auch hier diese großen bunten Kirchen, Bilderbücher, die auch die damals zahlreichen Analphabeten verstehen konnten“, sagt Daum. Dass Kirchen eine Art Bilderbuch sind, können die Teilnehmer selbst erkunden: Die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt und die Johanniskirche strotzen in ihrer Ausschmückung nur so vor Geschichten.

Ingrid Daum beschreibt Einzelheiten der Stuckatur: Die Bilderrahmen und Säulenverzierungen, die mit einem Stuckschlitten entstanden sind, und handgemachte Ornamente, der sogenannte Antragstuck. Sie weist auch auf kleine, gegossene Gipsblüten und Gipsblätter hin: „Daran haben im Winter schon die Kinder gearbeitet.“ Auch Zimmermanns Rosenkranzbruderschaftsaltar im Chor können die Teilnehmer aus der Ferne begutachten.

Dieser Altar ist ein Marmorimitat aus Stuck, der weitaus billiger als echter Marmor war. „Stuck ist hier das erzählende Element“, leitet Daum die Besichtigung der Johanniskirche ein. „Nachdem der damalige Geistliche Simon Mayr so lange an der alten Kirche gerüttelt hat, bis sie eingefallen ist, bekam Zimmermann den Auftrag für den Neubau.“ Das hier sei „Heiliges Theater“, lacht Daum. Der mit Stuck über und über verzierte Bühnenaltar zeigt, was sie meint: In bunten Pastelltönen leuchtet die Taufszene Jesu auf der luftig wirkenden Altarkonstruktion, über dem als Gemälde „der Himmel auf Erden inszeniert wird“. Das Gemälde dahinter habe sogar Lokalkolorit: „Der Fluss, eigentlich der Jordan, hat eine Stufe: Das ist das Lechwehr, und so wird Jordan zu Lech.“ Schon nach kurzer Zeit verändert sich die Optik: Die Sonne scheint in einem anderen Winkel auf den Altar – Zimmermann, der Architekt des Lichts.

Nach einem Blick auf das gelbe Haus schräg gegenüber des Rathauses, in dem Dominikus Zimmermann wohnte, geht es abschließend in den Rathauskeller: Hier können die Teilnehmer selber stucken. Verschiedene Stuckschlitten zeigen, wie Rahmen entstehen, Kälberhaare für eine höhere Gipsstabilität und diverse Gussformen finden sich neben Alabastergipspulver auf dem Tisch. „Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder, die diese Stadtführung mitmachen“, erklärt Daum. „Die ersten waren schon da – und sind restlos begeistert.“ Die Kinder- und auch die Erwachsenenstadtführung sind für Gruppen oder Schulklassen buchbar. Die nächste reguläre Stadtführung „Dominikus Zimmermann und seine Zeit“ findet am Samstag, 4. Juni, statt.

Susanne Greiner

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