Eine Frau mit "Licht und Schatten"

Helbert Häberlin las Rinsers Erzählung „Jakobs Kampf“ und begeisterte damit das Publikum im Historischen Festsaal des Landsberger Rathauses. Foto: Osman

Am Samstag wäre Luise Rinser 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass würdigte das Kulturamt der Stadt Landsberg am vergangenen Samstag Leben und Werk der in Pitzling geborenen Schriftstellerin mit einer Feierstunde im Historischen Rathausfestsaal. Vor rund 50 Besuchern referierte der ehemalige Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle in sehr persönlichen Worten über die durchaus schwierige Tochter der Stadt – „eine Person mit viel Licht und Schatten, mit großem Können und überraschenden Grenzen, mit großer Kraft und manchen Schwächen“. Die Persönlichkeit der Künstlerin und die dunkleren Passagen ihrer Biographie verhinderten, dass der Vortrag zur reinen Lobeshymne geriet.

Rinser, die ab 1959 hauptsächlich in Italien lebte, unterhielt zwar rege Kontakte nach Landsberg, fühlte aber keine intensive Verbundenheit mit ihrem Geburtsort Pitzling. Rößle zitierte aus einem Brief, in dem Rinser eine Einladung zum Kirchenjubiläum ablehnte. Sie habe keine Erinnerung an das Dorf und wisse nicht einmal, ob sie in der örtlichen Kirche getauft worden sei, schrieb sie dem damaligen Pitzlinger Pfarrer. Dafür initiierte Rinser die 1985 geschlossenen Städtepartnerschaft Landsbergs mit ihrer Wahlheimat Rocca di Papa bei Rom. „Sie hoffte wohl, Landsberg würde auf das damals etwas rückständige Rocca di Papa einen positiven Einfluss ausüben“, so Rößle, den eine Duz-Freundschaft mit der Schriftstellerin verband. „Das war sicherlich ein Kompliment für unsere Stadt.“ Er habe Rinser als „unkompliziert, offen, freundschaftlich und sehr ehrlich“ kennengelernt, erinnerte sich der ehemalige OB. Das zumindest war die eine Seite. „Aber sie konnte auch hochfahrend sein, den großen Auftritt suchen, eine Schau abziehen.“ Es habe ihn sehr befremdet, dass Rinser sich selbst, nachdem sie zur Ehrenbürgerin von Rocca did Papa ernannt worden war, auch als Ehrenbürgerin Landsbergs ins Gespräch brachte. „Ich war darüber nicht glücklich“, so Rößle. Denn Berühmtheit allein qualifizierte in seinen Augen nicht für diese Würde – „dazu hätte ich mir mehr Engagement für die Stadt gewünscht“. Gelöst wurde das Dilemma mit der Verleihung des Landsberger Kunst- und Kulturpreises, dessen erste Trägerin Rinser 1991 wurde. „Mit ihrem imponierenden Gesamtwerk hat sie einen hohen Maßstab für den Kulturpreis gesetzt“, sagte Rößle. Jedem, der tiefer in Rinsers Leben eintauchen möchte, legte er die jüngst erschienene Biographie „Luise Rinser – ein Leben in Widersprüchen“ des Philosophen und Dichters José Sànchez de Murillo ans Herz, mit dem die Schriftstellerin in ihren letzten Lebensjahren eng befreundet war. „Eine atemberaubende Lektüre“, beschied Rößle dem Buch, das auch Rinsers Rolle im Dritten Reich kritisch unter die Lupe nimmt. „Was sie aus den ersten Jahren des Dritten Reiches mitschleppte, das teilte sie mit dem ganzen Land und auch mit unserer Stadt“, befand der Alt-OB versöhnlich. „Später war sie eine unerschrockene Frau, die für den Frieden und die Rechte der Frau eintrat. Nach dem Krieg war sie eine der Hoffnungsträgerinnen unseres Landes.“ Gedenktafel für Rinser? Eine Kostprobe aus Rinsers Werk rundete die Feierstunde ab: Helbert Häberlin begeisterte mit einer großartigen Lesung der Erzählung „Jakobs Kampf“. Wenige Stunden zuvor hatten OB Ingo Lehmann und der zweite Bürgermeister Norbert Kreuzer einen Kranz an Rinsers Grab in Wessobrunn niedergelegt. Ins Gespräch kam im Rahmen des Festakts auch, an Rinsers Geburtshaus in Pitzling eine Gedenktafel anbringen zu lassen – oder an der Kastanie, die die Autorin am Lechsteg in Landsberg gepflanzt hat.

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