Eine Idee für Kinder

Er war ein Bauernsohn aus dem österreichischen Vorarlberg, der nur einen Wunsch hatte: Arzt zu werden. Doch im Nachkriegs-Innsbruck der späten 40er Jahre ließ den Medizinstudenten das Schicksal der Kriegswaisen und vernachlässigten Kinder nicht los. Und so brach Hermann Gmeiner sein Studium ab und verschrieb sein Leben ganz den Kindern: Genau vor 60 Jahren, am 25. April 1949, gründete er die „Societas Socialis“, die später unter dem Namen SOS-Kinderdorf ihren Siegeszug um die Welt antreten sollte – und 1956 in Deutschland als ersten sichtbaren Spross das SOS-Kinderdorf in Dießen hervorbrachte – Vorbild für die SOS-Kinderdörfer in ganz Deutschland.

Es war das Schicksal des kleinen Hansl, das Hermann Gmeiner nicht losließ: Von der Mutter vernachlässigt, der Vater im Krieg vermisst, trieb sich der Bub auf den Straßen Innsbrucks herum. Der Medizinstudent sammelte ihn und etliche seiner Schicksalsgenossen ein und gründete für sie eine Jugendgruppe in der Pfarrei. Doch das war ihm bald nicht genug: Gmeiner wollte den Buben nicht nur für ein paar Stunden wöchentlich, sondern auf Dauer wieder ein liebevolles Zuhause geben. Angesichts der oft kasernenartigen Waisenhäuser seiner Zeit entwickelte er seine Idee einer familiennahen Unterbringung. Gmeiner setzte dabei auf vier pädagogische Prinzipien, die sich zum größten Teil bis heute erhalten haben: Die Kinder benötigen ein Zuhause, ein Haus mit eigenen Herd, eine SOS-Kinderdorfmutter, die sie vorbehaltlos annimmt und mit Zuneigung und Fürsorge behandelt, sie brauchen Geschwister, um wie in einer „normalen“ Familie aufwachsen zu können und den Schutz einer größeren Gemeinschaft, das Dorf, um sich sozial integrieren zu können. Erbitterter Widerstand Mit seiner „sozialen Gesellschaft“, die sich so wunderbar mit SOS (Save our Souls, dem alten internationalen Seenotruf) abkürzen ließ und der anfangs vor allem Ärzte, Fürsorger und Sozialarbeiter angehörten, machte Gmeiner sich an die Verwirklichung seiner Idee. Er schrieb sämtliche Bürgermeister Tirols an und bat um ein Grundstück, auf dem er das erste SOS-Kinderdorf errichten konnte. Am 13. Juni 1949 wurde der Bestand des Vereins von der Sicherheitsdirektion Tirol bestätigt; vierzehn Tage später bereits flatterte ihm ein Antwortschreiben in das kleine SOS-Büro in der Anichstraße in Innsbruck. Darin bot ihm Bürgermeister Josef Koch ein Grundstück oberhalb von Imst an. Am 2. Dezember 1949 erfolgte der Spatenstich für das erste SOS-Kinderdorf, das in mehreren Bauabschnitten verwirklicht wurde. Gegen den erbitterten Widerstand der damaligen Fürsorgeverantwortlichen, der Behörden und Ämter hatte der junge Gmeiner seine Idee durchgesetzt: Mit Bescheidenheit, Beharrlichkeit und Weitblick. Nur zwei Jahrzehnte später war Gmeiners Konzept bereits derart anerkannt, dass er von den Größen der Welt (darunter India Ghandi, Friedensnobelpreisträger Anwar el Sadat, der Dalai Lama und viele gekrönte Häupter) empfangen und um den Aufbau von SOS-Kinderdörfern in aller Welt gebeten wurde. Verwirklichen konnte Gmeiner seinen Traum jedoch nur dank der vielen Spender, die an ihn und seine Idee glaubten. Ihm waren dabei von Anfang an die kleinen Beiträge wichtig, die von möglichst vielen Menschen geleistet werden. So erbat er bei den ersten Sammlungen jeweils einen Schilling oder initiierte die Aktion „Ein Reiskorn für Korea“, bei der er sich pro Reiskorn einen Dollar für den Aufbau eines SOS-Kinderdorfes wünschte. Mit immer neuen Ideen mobilisierte er Millionen von Menschen, die einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass benachteiligte Kinder wieder glücklich aufwachsen können. In 132 Ländern 1950 zogen die ersten Kinder in das Dorf in Imst ein, das Gmeiner anfangs selbst leitete; 1953 waren es schon zehn Häuser, in denen 90 Buben und Mädchen zu Hause waren. Außerdem wurde ein Lehrlingsheim gebaut – ein Zeichen dafür, dass Gmeiner schon früh an die heute verwirklichte Ausweitung des Angebots, unter anderem mit Beratungsstellen, Wohngruppen und Jugendhäusern, dachte. Aktuell zählen zur weltweiten SOS-Kinderdorffamilie 473 Kinderdörfer und 1424 weitere Einrichtungen in 132 Ländern. In Deutschland setzte sich Gmeiners Idee knapp sechs Jahre nach Gründung der „Societas Socialis“ durch: Am 10. Februar 1955 wird von Hermann Gmeiner und neun Freunden, darunter Jürgen Froelich, dem späteren ersten Kinderdorf-Leiter in Dießen, der deutsche SOS-Kinderdorf e.V. ins Leben gerufen. Heute ist der SOS-Kinderdorf-Verein Träger von 15 SOS-Kinderdörfern in Deutschland, in denen Kinder ein neues Zuhause finden. Darüber hinaus engagiert sich das private, politisch und konfessionell unabhängige Sozialwerk in 31 weiteren Einrichtungen in Deutschland und 129 Projekten im Ausland, die Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien anbieten. Mehr als 27.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene werden derzeit in den deutschen SOS-Kinderdorf-Einrichtungen dauerhaft oder zeitweise betreut, beraten und ausgebildet. Das erste SOS-Kinderdorf in Deutschland in Dießen ging übrigens auf eine Initiative des Kreistages Landsberg zurück: Auf der Suche nach Lösungen für eine Erweiterung des katholischen Kinderheims in Utting besichtigte der Kreisausschuss das SOS-Kinderdorf in Imst – und war begeistert. Heute blickt das SOS-KInderdorf Ammersee-Lech auf eine erfolg- und erlebnisreiche Geschichte zurück: Fast 500 Kinder wurden seit der Gründung aufgenommen, betreut und gefördert.

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