Bahnbrücke in Fahrt

Mit Tempo 20 (Meter pro Stunde) unterwegs

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Wie klein wirkt doch der Mensch, wenn er neben dem 2400 Tonnen schweren Bahnbrückenkoloss arbeitet. Die neue Eisenbahnbrücke bei Geltendorf wird im Moment eingeschoben – jede Stunde legt sie 20 Meter zurück.

Geltendorf/Igling – Der Koloss wirkt federleicht. Lautlos und scheinbar mühelos schieben zwei Hydraulikpressen die 2400 Tonnen Stahlbeton vorwärts. Bei jedem Schub kommt die neue Geltendorfer Eisenbahnbrücke ihrer endgültigen Position 60 Zentimeter näher – so lang sind die Stahlzylinder der Hydraulikpressen. Von einem mobilen Schaltpult, das mitten in der Baugrube steht, werden die Pressen gesteuert. „Wir verschieben die Brücke um 20 Meter pro Stunde“, erklärt Ralph Hößle, Geschäftsführer der ausführenden Baufirma Max Aicher. In rund drei Stunden war der Einschub vollendet, am Donnerstag Mittag stand die Eisenbahnbrücke an ihrem Platz.

Fast das ganze Jahr stand der Geltendorfer Bahnhof im Zeichen des Brückenbaus. Im Februar wurde südlich der alten Brücke ein Baufeld mit entsprechender Zufahrt geschaffen, Mitte April begann man in seitlich versetzter Lage mit der eigentlichen Errichtung des Be­tonbauwerks. Zum Einschub gleitet die neue Eisenbahnbrücke auf Teflonkissen zwei 60 Meter lange und 2,50 Meter breite Verschubbahnen entlang. Sie werden Zentimeter für Zentimeter mit einem Gleitmittel eingefettet, um den Reibungswiderstand so gering wie möglich zu halten.

Zentimeter für Zentimeter unters neue Gleis

Dank dieser Technik ist die benötigte Schubkraft der Hydraulikpressen relativ gering. „Insgesamt 120 Tonnen, also 60 Tonnen pro Presse“, rechnet Hößle vor. „Das ist gar nichts.“ Das Verfahren werde seit 25 Jahren erfolgreich angewendet. Das letzte Stück ist Millimeterarbeit. Auf dem Bahndamm haben Techniker ihre Vermes- sungsgeräte aufgebaut, von hier aus wird die Brücke feinjustiert. Sie darf letztendlich höchstens um 15 Millimeter vom berechneten Standort abweichen. Am Ziel kommt die Brücke auf Betonwürfeln zum Stehen. Das Fundament bilden 70 Stahlträger von jeweils fast 14 Metern Länge, die in den Untergrund eingebracht wurden.

8000 Kubikmeter Bodenaushub wurden im Zuge der Baumaßnahme bewegt. Das Material muss zunächst beprobt werden und wird dann – sofern es unbelastet ist – auf Deponien entsorgt. Für den noch anstehenden Straßenbau werde ausschließlich neues Material in den Boden eingebaut, erklärt Hößle. Die unter der Brücke hindurch führende Kreisstraße wird im Zuge der Baumaßnahme auf zwei Spuren verbreitert, die lichte Höhe der Brücke entspricht dann ebenfalls modernen Anforderungen.

Rund 50 Mitarbeiter sind auf der Baustelle tätig, und seit am vergangenen Samstag der Zugverkehr auf der Strecke Geltendorf-Buchloe zur Fertigstellung der Maßnahme gesperrt wurde, arbeiten sie rund um die Uhr. Steht die Brücke erst an Ort und Stelle, muss der Gleisbereich mit Kiesmaterial aufgefüllt werden – anschließend folgt die Neuverlegung der Schienen. „Das Bauwerk ist bereits für die Ertüchtigung und Elektrifizierung der Strecke München-Lindau ausgelegt“, erklärt Erich Brzosa, Leiter der DB Netz AG in München.

Fürs Gewerbegebiet

In der Nacht auf Freitag wiederholte sich das Schauspiel des Brückeneinschubs zwischen Igling und Kaufering – auch hier wurde ein marodes altes Bauwerk durch ein größeres, modernes ersetzt. „Die lichte Weite ist bei der neuen Brücke um rund 50 Prozent größer als bei der alten“, erklärt Bahn-Sprecher Michael-Ernst Schmidt. Bisher verlief unter der Brücke ein Feldweg, nach Abschluss aller Bauarbeiten wird es eine gut ausgebaute Straße sein, die als zusätzliche (Nord-)Erschließung des Landsberger Industrie- und Gewerbeparks Frauenwald fungiert.

Für Erich Brzosa sind Baumaßnahmen wie die in Geltendorf das tägliche Brot. In seinem Zuständigkeitsbereich – das ist der Raum Oberbayern mit Schwerpunkt München – liegen 900 Eisenbahnbrücken, jedes Jahr werden sechs bis acht von ihnen erneuert.

Besondere Zwischenfälle habe es bei der Baumaßnahme in Geltendorf all die Monate nicht gegeben, so die Verantwortlichen. Auch mit dem Wetter habe man Glück gehabt. Tagelanger Dauerregen in der Schlussphase hätte die Baustelle in eine Schlammgrube verwandelt und die Einschubarbeiten erschwert. So aber verspricht Ralph Hößle: „Am Montag um vier Uhr in der Früh fahren die Züge wieder.“

Ulrike Osman

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