Fünf Frauen, ein Jahrhundert

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Die „Hauk-Frauen“ schreiben eine seltene Familiengeschichte am Lech: fünf Generationen und ein Jahrhundert. Von links: Nadine Foldenauer mit Baby Hanna, Andrea Fodenauer, Ururgroßmutter Mathilde Kratzer und Karin Hauk.

Landsberg – Sie lächelt ganz sanft und versonnen und schaut auf den Säugling in ihrem Schoß. Sachte streichelt sie mit ihrer Hand, der man die vielen Lebensjahrzehnte ansieht, über das kleine Köpfchen der Neugeborenen. Zwischen den zwei Frauen liegt fast ein Jahrhundert. Genau 96 Jahre sind es: Ururgroßmutter Mathilde Kratzer, Jahrgang 1918, hält ihr Ururenkelchen im Arm. Die kleine Hanna Foldenauer ist gerade mal vier Monate auf der Erde.

Aber nicht genug der seltenen Familiengeschichte: Die drei Frauen dazwischen, die das Band der Erbfolge bis zur vier Monate jungen Hanna schließen, sind auch dabei: Urgroßmutter Karin Hauk (Jahrgang 1942), Oma Andrea Foldenauer (1966) und Tochter Nadine Foldenauer, die 1987 geboren ist und sich jetzt über ihre Hanna freut. Sie alle beweisen es: „Für fünf Generationen braucht man schon ein Jahrhundert“, lacht Karin Hauk, die mit ihren 72 Jahren offensichtlich der Mittelpunkt in der großen Familie ist. 

Sowohl im privaten Bereich, als auch in der Firma Hauk Modell- und Formenbau in Landsberg. „Ich bin längst im Ruhestand“, schmunzelt sie, deshalb spiele sie keine große Rolle mehr. Immer gearbeitet Dennoch liegt ihr das Familienunternehmen noch sehr am Herzen. Wen wundert’s: Mit 17 hat sie geheiratet und trotz zwei Töchtern und fünf Söhnen immer gearbeitet. „Die Schwiegermutter hat viel geholfen“, erinnert sie sich an die Zeit, als sie ihre Tätigkeit als Verkäuferin an den Haken hängte und 1973 zusammen mit ihrem Mann Modellbau Hauk gegründet hat. „Damals hatte ich viele Berufe von der Hausfrau bis zur Hilfsarbeiterin, ich habe als Fahrer, Lackierer, Maler, Maurer gearbeitet – alles, was eben anfällt wenn man ein Unternehmen gründet und Haus baut.“ 

Heute ist sie „Familienmensch“. Zum Beispiel trommelt sie die große Familie – ihre fünf Söhne, zwei Töchter, 15 Enkel und die Urenkelin Hanna einmal im Jahr zum gemeinsamen Frühstück zusammen. „Aber noch schöner ist unser Familienwochenende“, erzählt sie, „denn dazu kommen immer alle sehr gerne.“ Letztes Jahr führte sie der mehrtägige Ausflug nach Ulm und heuer fahren die Hauks an den Rhein. Die Loreley hat es ihnen besonders angetan. Außerdem ist sie Großmutter und Urgroßmutter aus Leidenschaft und freut sich über ihre Tochter Andrea, die Masseurin ist und medizinische Bademeisterin in einer Augsburger Klinik. Und über ihre Enkelin Nadine, die Diätassistentin, die jetzt wegen Säugling Hanna Babypause macht. Außerdem sieht man sie immer öfter am Ammersee, seitdem ihr Sohn Werner nach Dießen „ausgewandert“ ist. 

Im Kriegsjahr 1918 

Doch zurück zu den Ursprüngen, zur Urmutter des Familienstamms, zu Mathilde Kratzer, die im Kriegsjahr 1918 als 14. von 16 Kindern auf einem Bauernhof in Bobingen aufgewachsen ist. Viele Jahre als Haushäl­- terin in der Landwirtschaft, haben ihr Leben geprägt – und ihre Tochter Karin. Sie führte zwei Kriegsheimkehrern den Haushalt und heiratete dann einen Witwer. Den größten Teil ihres Lebens war sie immer zuhause, ihre weiteste „Reise“ führte sie einmal in die Schwabenmetropole Augsburg, „und mit meinem Mann unternahm ich dann schöne Reisen in der weiteren Heimat.“ 

Als ihr Ehemann 1987 starb, stellte sie alles auf den Kopf und schickte sich an, mit ihrer Schwester die Welt zu erobern. Gran Canaria, Teneriffa und Italien waren ihrer Lieblingsziele. Mit 85 Jahren zog sie zu ihrer Tochter und seit einem Jahr lebt sie im Seniorenwohnheim der Arbeiterwohlfahrt in Landsberg, gleich gegenüber vom Luna Park am Lech. Bis vor kurzem hatte sie alle Namen und Geburtstage ihrer 14 Enkel und 28 Urenkel im Kopf. Das wird mit 96 Jahren immer schwieriger. Dennoch: die einzige Ururenkelin entlockt ihr immer ein stilles Lächeln.

Beate Bentele

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