Seit 50 Jahren:

Mururoa bleibt das große Geheimnis

+
Erinnerungen: Egon Steger aus Dießen war als Fremdenlegionär dabei, als Frankreich vor 50 Jahren die ersten Atomtests in der Südsee durchführte.

Dießen/Mururoa – Französisch Polynesien mit seinen 118 Inseln, allen voran Tahiti, Bora Bora oder Moorea gelten als Ferienparadiese mit türkisblauen Lagunen, romantischen Buchten und wie ein Reiseveranstalter ankündigt, „bringen die Trauminseln die Besucher zum Strahlen, es sind Urlaubsträume über und unter Wasser.“ Beides hat Egon Steger aus Dießen erlebt – allerdings in anderer Anwendung unseres Wortspiels – als er vor genau 50 Jahren, am 2. Juli 1966, nahe des einsamen Atolls Mururoa („Das große Geheimnis) im Südpazifik den ersten französischen Nuklearversuch miterlebte und in der Folge seinen militärischen Dienst im Umfeld atmosphärischer und unterirdischer Kernwaffentests als Fremdenlegionär verbrachte.

50 Jahre später: Wir, ein paar Journalisten und Egon Steger, sitzen im Cafe Vogel mitten in Dießen. „Man hat uns nie gesagt, dass unsere Arbeit auf Hao und Mururoa, gefährlich sein könnte, „wir sollten halt nicht in die Sonne schauen.“ Egon Steger, der von Anfang 1953 bis 27. Juli 1980 in der Fremdenlegion diente, verbrachte einen wesentlichen Teil seiner Militärzeit in Polynesien. Er gehörte zu jenen Einheiten, die auf Tahiti die Infrastruktur für Nukleartests der Französischen Spezialeinheiten aufbauten. „Wir waren die Pioniere, die Baracken für Soldaten und Gebäude für Administration planen und bauen mussten.“ Mit den Verantwortlichen der Atomtests hätte er nichts zu tun gehabt.

Bei der ersten atmosphärische Zündung eines Nuklearwaffentests auf Mururoa war er mit seiner Einheit auf dem Atoll Hao stationiert. „Wir sind über die Uhrzeit der Zündung informiert und aufgefordert worden, zu dieser Zeit auf keinen Fall in die Sonne zu schauen und uns nicht im Freien aufzuhalten.“ Nach der Explosion, die sie als Erschütterung gespürt hätten, seien die Soldaten wieder ganz normal ihren Arbeiten nachgegangen. Atompilze hätten sie nie gesehen.

Die ersten Bilder von Atompilzen seien ihm im Military-Camp begegnet, dort gab es einen Shop, wo Soldaten einkaufen konnten. Von der Metallkiste, die an einem Ballon 500 Meter über der Lagune des Mururoa-Atolls schwebte, hätten sie anfangs nichts gewusst und auch nicht, dass sich darin eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 500 Kilotonnen befand und damit stärker was als alle Sprengsätze Frankreichs davor.

Über die Atombomben im Übersee-Département Französisch Polynesiens (zu dem auch Tahiti gehört), wurde natürlich viel gesprochen. Egon erzählt, wie sie nach dem Aufenthalt auf Hao wieder nach Mururoa verlegt wurden: „Es ist alles sauber“, hätten die Vorgesetzten versichert, „wir könnten sogar baden.“ Eine ausländische Delegation hätte die Orte der Kernwaffentests besucht und in der Lagune von Mururoa gebadet. „Wir alle hatten kleine Messgeräte in der Brusttasche“, erinnert sich der ehemalige Soldat, „die haben nie eine Gefahrenzone gemeldet.“

Die atmosphärischen Versuche sind 1974 in Polynesien eingestellt worden, es schlossen sich dann die unterirdischen an. Egons Einheit wurde mit Beginn der neuen Versuche wieder nach Mururoa verlegt. „Während dieser Tests mussten wir die Einsatzbereiche verlassen und uns an ausgewiesenen Stellen gruppieren, bis der Versuch zu Ende war. Da hat das Atoll immer gebebt wie bei einem Erdbeben.“

Adieu Paradies

Auf die Frage, ob die Legionäre darüber nachdachten, dass hier Waffen getestet werden mit ungeheuer Zerstörungskraft, mit denen dann die Menschen auch aufeinander losgehen könnten, sagt Egon Steger: „Das war kein Thema, wir haben wohl gesprochen, dass die Versuche gefährlich sind – aber wir führten unser normales militärisches Leben weiter.“

Am 27. Juli 1980 hat Egon Steger Tahiti und die Fremdenlegion verlassen und auch seine tahitianische Frau und ging in den Ruhestand nach Dießen – mit schwerem Augenleiden, mit Rückenschäden, stark angegriffener Haut und kaputter Lunge. „Das alles hat Frankreich nicht interessiert.“ Aber damit ist er nicht allein. Davon sind alle betroffen, die in dem „Paradies auf Erden“ daheim waren und vor allem jene 150.000 Menschen, die für das Programm gearbeitet haben.

Deutsch-französisch

Zum Schluss natürlich noch die Frage, wie ein schwäbischer junger Mann als Franzose in die Fremdenlegion kommt? Egon Steger ist am 30. August 1931 im Schlösschen von Kleinerdlingen bei Nördlingen im schwäbischen Ries in einer deutsch-französischen Familie auf die Welt gekommen. Die Ehe wurde geschieden. Er wuchs mit seiner französischen Mama und Großmama auf. Die Frauen verschlug es nach Dießen, wo Egons Mutter in der Baumschule Wörlein eine Arbeit fand. Egon, etwa 20-jährig, war ohne Job und folgte dem Rat der Großmutter: „Du bist Franzose, geh doch in die französische Armee.“

Also ging er nach Frankreich und „in die nächstmögliche Villa, wo eine französische Fahne hing, ging ich rein.“ Er war an der richtigen Stelle. Wegen seiner Sprachdefizite kam er nicht in die französische Armee, sondern in die Fremdenlegion, wo er sich für fünf Jahre verpflichtete, danach wegen guter Leistungen dort blieb und höhere Dienstgrade erzielte. Auf dem Weg von Indochina über Vietnam nach Nordafrika war er wiederholt in Frankreich, ab 1964 vorwiegend in Polynesien bis zum Ruhestand 1980, wo er die Legion mit 49 Jahren verließ und in die Marktgemeinde Dießen zurückkehrte.

Beate Bentele

Meistgelesene Artikel

Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Eching – Im letzten Sommer, geprägt von starken Regenfällen und Hochwasser, war es besonders schlimm mit der Mückenplage rund um den Ammersee. …
Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Hände weg von der Kreisumlage!

Landkreis – Es ist ein klares ­Signal, das die Mitglieder des Finanz- und Kreisausschusses in ihrer jüngsten Sitzung gesendet haben: Einer Erhöhung …
Hände weg von der Kreisumlage!

Bauland soll auf einmal kein Bauland mehr sein

Kinsau/Schongau – Baugrund oder Außenbereich? Mit dieser Frage setzte sich der Kinsauer Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung auseinander. Ein …
Bauland soll auf einmal kein Bauland mehr sein

Kommentare