Sorgen um die Waldameisen

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Wird gebaut, müssen geschützte Tiere oft umgesiedelt werden. Ulrich Kreutzer aus Kaufering ist für die Ameisen zuständig, doch er und sein Verband schlagen Alarm.

Landsberg– Der Frauenwald schwindet. Das wird bei jeder Fahrt durch das ehemalige Naherholungsgebiet deutlich. Die Baumaßnahmen, der Verkehr und der große Betrieb sind weder zu übersehen noch -hören. Das hat unbestritten Vorteile, insbesondere wirtschaftlicher Natur. Landsberg prosperiert auch dank dieser Flächen. Doch wann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, wie viel wirtschaftliches Interesse verträgt die Natur im Landkreis? Ein mögliches Opfer könnten die Waldameisen werden, kritisieren die bayerische Ameisenschutzwarte und Ulrich Kreutzer.

„Wir befürchten, dass unsere Bemühungen zum Erhalt keinen Erfolg haben werden“, prangt in roten Lettern im „Ameisenfreund“, dem Mitteilungsblatt der bayerischen Ameisenschutzwarte. Auf die kahlrückige Waldameise Polyctena beziehen sich die Befürchtungen der Naturschützer. Ihre sorgenvollen Blicke richten sich in Richtung Landsberg. Denn im Areal Frauenwald III, zwischen Edeka und Iwis Ketten, ist nicht irgendeine Kolonie der Krabbler bedroht, sondern die mutmaßlich größte in ganz Oberbayern.

Wobei die Bedrohung momentan erst subjektiv wahrgenommen wird. „Für dieses Gebiet wurde bislang noch kein Bebauungsplanverfahren eingeleitet“, berichtet Simone Sedlmair, Pressesprecherin der Stadt Landsberg. Sollte der Fall eintreten, werde man wie bisher mit der Ameisenschutzwarte zusammenarbeiten und die Umsiedlung der Nester abwickeln. Denn die Krabbler zu gefährden oder gar zu töten, das verbietet das Bundesnaturschutzgesetz.Seitens der Stadt ist also aktuell noch alles im grünen Bereich.

Nicht so bei Ulrich Kreutzer. Der Kauferinger ist für die Ameisenschutzwarte im Landkreis aktiv und geht davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch dieser Bereich des einstmals stolzen Frauenwaldes „plattgemacht“ wird. „In unmittelbarer Nähe werden schon ehemalige militärische Bauten weggerissen und auch dieses Gebiet wird bald zur Debatte stehen“, befürchtet er. Als sich die Ansiedlung des Sägewerks Klausner vor gut zehn Jahren anbahnte, sei seitens der Stadt mündlich zugesichert worden, dass das nun vermeintlich betroffene Gebiet weiterhin unangetastet bliebe. „Doch das kann ich mir fast nicht mehr vorstellen“.

Im Jahr 2009 hatte Ex-Oberbürgermeister Ingo Lehmann noch verlauten lassen, dass bis auf einem anderen, nordwestlich gelegenen Areal mit der Bezeichnung Q3 keine Ameisen mehr den Frauenwald bevölkern würden. Doch in den vergangenen Jahren mussten an verschiedensten Stellen immer wieder Umsiedlungen durchgeführt werden, wenn Flächenerschließungen die Ameisen aufs Neue bedrohten.

Ulrich Kreutzer hält die gesamte Entwicklung in Landsberg und der Region für sehr bedenklich. Überall würden Naturflächen Stück für Stück zugunsten finanzieller Interessen geopfert. Vom einstmals geplanten Naherholungsgebiet und dem Wald als solchen werde seiner Ansicht nach wenig übrig bleiben.

"Das ist Irrsinn"

„Was ist hier eigentlich los?“, fragt Kreutzer in diesem Zusammenhang. Zeuge eines echten „Irrsinns“ werde man derzeit. So seien beispielsweise vor einigen Jahren durch die Stadt für „100.000 Euro Buchen angepflanzt worden, um den Frauenwald fit für die Zukunft zu machen.“ Mittlerweile wären diese aber schon alle wieder abgeholzt worden. Überhaupt werde kurzfristigem finanziellen Interesse oftmals ein zu großer Stellenwert eingeräumt, bedauert Kreutzer.

Die Ameisenschutzwarte sei deshalb mit dem Anliegen, dass das Areal mit seinen Krabblern als „besonders schützenswert“ zu deklarieren sei, an die Regierung von Oberbayern als Obere Naturschutzbehörde herangetreten Denn dann sei einer weiteren Erschließung zur Gewerbefläche ein Riegel vorgeschoben und auch Planungssicherheit geschaffen. Eine Umsiedlung der mehr als 50 Völker, quasi vorsorglich, sei ausdrücklich nicht das Ziel.

Überhaupt sei so eine Umsiedlung, wie im Fall der Fälle verpflichtend vorgeschrieben, nur noch unter großen Schwierigkeiten zu stemmen. Gründe hierfür nennt Kreutzer einige: Zum einen müsse er eine adäquate Fläche als neuen Lebens­raum aufspüren. Also ein Waldstück, in dem Faktoren wie Maße, Bewuchs, Licht, Boden, Nahrungsangebot und dergleichen stimmten. Wohlgemerkt für die größte Kolonie Oberbayerns. Und auch andere, möglicherweise konkurrierende Völker dürften noch nicht im Zielgebiet anzutreffen sein. Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen vom städtischen Forstamt klappe zwar stets „spitze“, doch Optionen seien eben Mangelware. „Ich brauche einen total geeigneten Standort“, schränkt Kreutzer die Auswahl ein.

Zum anderen stecke auch ein beachtlicher logistischer Aufwand hinter jeder Umsiedlung. Planvoll und per Hand müssen die Nester, die bei teils sechs Metern Durchmesser zwei Meter in die Höhe und ebenso weit ins Erdreich ragen, abgetragen und wieder aufgebaut werden. Zwischenlagern könne man die Tierchen in den blauen Transporttonnen nicht, Eile sei geboten. Ein großer Einsatz an Manpower und Material sei damit stets aufzubringen. Und auch die Nachsorge nehme einige Ressourcen in Anspruch. Denn ein Nest der Polyctena, das je nach Größe bis zu einer Million Tiere umfassen kann, zählt gleich mehrere Dutzend Königinnen. Das sei bei der Umsiedlung zwar freilich auch von Vorteil, da man leicht einem der Oberhäupter habhaft werde, die für das Fortbestehen eines Volkes überlebenswichtig sind. Allerdings beginnen die am alten Standort verbliebenenen Königinnen zusammen mit dem restlichen Hofstaat umgehend damit, das Nest am alten Standort wieder aufzubauen.

ie Verdienste der Ameisen gelten generell als so vielfältig wie bedeutend: Sie fungieren in ihrem Lebensraum unter anderem als Aasvertilger, sind förderlich für das Vorkommen von Honigtau und stellen einen wichtigen Posten in der Nahrungskette dar. Außerdem wälzen die Tierchen große Mengen an Erdreich um. Bis zu einer Tonne werde pro Jahr durch ein großes Volk bewegt, gleich nach den Regenwürmern rangierten die Ameisen in Hinblick auf diese wichtige Funktion auf Rang zwei. Insgesamt, so stellt der vielseitig erfahrene und engagierte Kreutzer dar, hätten die Ameisen einen auch für den Menschen kaum aufzuwiegenden Wert. Das viel zitierte Indianersprichwort, dass man am Ende „Geld nicht essen kann“, scheine auch und vor allem in Landsberg derzeit aktueller denn je.

Rasso Schorer

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