Ohne Landsberg kein Johnny Cash

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Stabsfeldwebel Herbert Wintersohl bei seinem Vortrag über Johnny Cash im ehemaligen „Amerikino“ des Fliegerhorstes Penzing.

Penzing/Landsberg – „Lassen Sie den Raum auf sich wirken“, empfiehlt Stabsfeldwebel Herbert Wintersohl der Besuchergruppe auf dem Fliegerhorst Penzing. Die Türen zur ehemaligen Maschinenhalle öffnen sich, eine Treppe führt nach oben in den weitläufigen Saal: Das ehemalige „Amerikino“, in dem Penzings berühmtester Funker und Abhörspezialist Johnny Cash während seiner Stationierung von 1951 bis 1954 einen Teil seiner Freizeit verbrachte. Cash kam als Sohn einfacher Farmer nach Landsberg. Und hier, im geschützten Raum seines „Büroalltags“ als Abhörfunker, hatte er fern von Koreakrieg und alltäglichen Sorgen die Möglichkeit, seine Musikerkarriere zu starten.

Die Führungen sind ein Zusatzangebot zur Ausstellung im Stadtmuseum „Don’t take your guns to town“, die wegen großen Andrangs bis 28. Februar verlängert wurde. Hier vor Ort bekommt man neben „Insiderwissen“ auch einen authentischen Eindruck von Cashs Zeiten als Soldat. Im Moment findet ein Großteil der Führung als Vortrag im ehemaligen Kino statt, „aber wenn das Wetter wieder besser ist, gehen wir mehr nach draußen“, verspricht Wintersohl. Dann können neben dem Kino und dem sogenannten Klosterhof auch das Schwimmbad, das Kasino oder die Turnhalle besichtigt werden – Orte, von denen Fotografien mit Johnny Cash existieren.

Auch andere Artefakte aus der Besatzungszeit tauchen im Moment auf, da wegen Aufgabe des Standortes gerade Inventur gemacht wird: Ein einfacher Stuhl, ein schlichtes Stehpult, ja sogar eine ganz normale Mülltonne, damals extra aus den USA angeliefert. „Zu Beginn des Kalten Krieges hatten die USA in Deutschland enormen Bedarf an Abhörspezialisten“, erzählt Wintersohl: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden immer mehr Soldaten abgezogen, sodass bei Gründung der BRD nur noch 88.000 amerikanische Soldaten im Land stationiert waren. Im Kalten Krieg war es wichtig, den Feind zu belauschen, und von Deutschland aus konnte man Russland natürlich besser „hören“. Und so entstand ab 1951 in Landsberg eine der größten Abhörstationen Deutschlands, darunter auch das „12th Radio Squadron Mobile“: Die Schwadron, deren Verbandsabzeichen eine Hummel mit einem Radio war und zu der der berühmte Musiker Johnny Cash gehörte.

Cashs mehrmals als „außergewöhnlich“ bezeichnete Begabung, Morsenachrichten abzuhören, stamme wahrscheinlich von seiner Liebe zur Musik, mutmaßt Wintersohl: „Die Familie bekam 1935 ein Radio, aber Cashs Vater hasste die Musik, die Johnny hören wollte“, weshalb das Radio immer nur sehr leise lief. Um die Musik dennoch zu hören, habe Cash sein Ohr direkt an den Lautsprecher legen müssen: „Und so übte er schon früh, aus einem durch Rauschen und Knistern gestörten Sender das Wesentliche herauszuhören.“ Nicht nur die Nachricht über Stalins Tod soll Cash als erster abgehört haben (wohlgemerkt nur „abgehört“, verstehen konnte Cash die russische Nachricht natürlich nicht). Auch die Nachricht des ersten russischen Jetpiloten geht angeblich auf Cashs Konto, berichtet Wintersohl: „Er hielt den extrem schnellen Funkspruch für die Meldung einer Funkmaschine, aber als dann der Code „Irrung kam, wusste Cash, dass es ein Mensch sein musste.“ Der große Pluspunkt für Cash in seiner Landsberger Zeit sei die viele Freizeit gewesen: Nach sechs Tagen regelmäßigen Achtstunden-Dienstes hatten die Funker drei Tage frei. Das war viel planbare Freizeit, doch was sollte man in der, wie Cash fand, „lausigen kleinen Stadt Landsberg“ schon machen? „Man konnte in zwei Clubs zum Tanzen gehen oder auf dem Fliegerhorst Sport treiben“, berichtet Wintersohl.

Mit Bowlingbahn, Tischtennisplatte und eben dem Kinoprogramm habe man versucht, den Soldaten ein bisschen Abwechslung zu bieten. Doch Cash war eher gelangweilt – und kaufte sich in Landsberg seine erste eigene Gitarre. „Mir hat das Zupfen der Gitarre nie größere Freude gemacht als an den kalten Abenden in Deutschland“, wird später in Cashs Biografie stehen. „Sein erstes größeres Konzert dürfte die Benefizveranstaltung zur Unterstützung der Poliobekämpfung im Februar 1952 hier in der Turnhalle des Fliegerhorsts gewesen sein“, erzählt Wintersohl: Für einen Dollar konnte man sich von Cash ein Lied wünschen. In einem Brief an seine Verlobte schreibt Cash, dass er 200 Dollar verdient habe. Dafür spielte er aber auch zwölf Stunden am Stück, und war danach so heiser, dass er kein Wort mehr über die Lippen brachte. Ein Grundstein zu seiner späteren Berühmtheit: Nach diesem Benefizkonzert gründeten die musikbegeisterten Soldaten Cashs erste Band, die „Landsberg Barbarians“.

Und nachfolgende Konzerte im Goggl, Zederbräu oder am Ammersee warben namentlich schon mit dem „Sänger Johnny Cash“. Der Musiker schrieb auch erste eigene Lieder. „Viele der Songs verarbeiten Cashs Erfahrung hier in Landsberg“, ist Wintersohl überzeugt: So besingt „I walk the Line“ Cashs Treue zu seiner Verlobten in den USA, „Don’t take your guns to town“ war die Anweisung für die Soldaten, wenn sie Ausgang hatten. Der in diesem Song mit Billy Joe genannte Protagonist sei eine Anspielung auf Cashs Kamerad Billy Joe Carnahann, mit dem er oft in Kleinkitzighofen „die dort gefangenen Forellen auf dem Hauptplatz briet, bis die Polizei kam“, erzählt Wintersohl.

Die Army wollte Cash in Landsberg halten: Er hätte weiterhin als Abhörfunker arbeiten sollen und wäre sogar zum Feldwebel befördert worden. Doch die Liebe zur Musik war geweckt: „Cash fragte noch nach einer Stelle in der Air Force Band“, berichtet Wintersohl. Doch die wurde ihm verweigert, und so kehrte Cash 1954 zu seiner Verlobten in die USA zurück – und startete seine Karriere zum Weltstar.

Susanne Greiner

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