Gedichte wie ein Spiegel

Das war herausfordernd und auch ein bisschen frech. Gleich zu Beginn des Rezitationsabends hielt Gerd Berghofer in der Stadtbücherei einen großen Spiegel hoch und fragte die Anwesenden mit Kurt Tucholsky: „Liebes Publikum, bist du wirklich so dumm?“ Da blieb doch dem einen oder anderen Gast das Lachen gleich ein wenig im Halse stecken.

Aber so soll gute Satire ja sein. Mit einem Fünkchen Wahrheit trifft sie ins Schwarze, ohne verletzend zu sein. Sie öffnet einem die Augen gerade so weit, dass man sich selbst erkennt, erschreckt, aber doch noch lachen kann. Wie etwa beim rezitierten „Kreuzworträtsel mit Gewalt“. Da ist des Rätsels Lösung eine europäische Hauptstadt namens „Lepsch“. Lepsch? Tucholsky gesteht, wie er zu dieser Lösung kam: „… mir fehlten (…) die Buchstaben, die man aus andern Reihen nicht erraten konnte. Da brach ich die Kreuzworträtsel übers Knie.“ Immer wieder sezierte Kurt Tucholsky in seinen Texten die Institution Familie. Die von Berghofer vorgetragene Glosse „Die Familie“ beginnt mit den Worten: „Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da.“ Was dann folgte, war so bissig-entlarvend, so übertrieben komisch, dass es schon wieder ernst zu werden drohte. In der Geschichte „Wo kommen die Löcher im Käse her?“ führt genau diese harmlose Frage eines Kindes zu einem Familienzerwürfnis erster Güte. Dabei enttarnt Tucholsky jenen Menschentypus, der mittels Auto- rität seine Dummheit kaschieren möchte und führt uns die Boshaftigkeit vor Augen, mit der die Frage an immer weitere Familienmitglieder weitergereicht wird, nur um diese bloßzustellen und selbst mit hohlem Geschwafel zu brillieren. Hier musste das Publikum in der Bücherei am lautesten lachen. Bestimmt lag es an Berghofer, der sich und die Familienmitglieder derart in Rage redete, dass die ganze Absurdität der Situation spürbar wurde. Neben den Texten rückte Gerd Berghofer immer wieder Tucholsky selbst in den Mittelpunkt. Sehr gelungen, wie er einige wenige, aber wesentliche biografische Fakten und Zitate über Tucholsky mit den vorgetragenen Texten verknüpfte. So hatte man am Ende des Abends ein repräsentatives Bild über Leben und Werk Tucholskys vor sich. Doch ein Abend mit Berghofer ist weit mehr als ein Bildungserlebnis. Denn mit seiner Stimme schafft er es, die Ironie und den Zynismus, den Witz und das Absurde unseres Daseins und unserer Welt körperlich spürbar zu machen. Und auch wenn einem nicht immer gefiel, was man im hochgehaltenen Spiegel sah. Am Ende hatte man das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Schon allein deshalb, weil man zum Meisterrezitator Gerd Berghofer gekommen war. Also Berghofer, antworte uns: „War dein Publikum wirklich so dumm?“

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