Gelungene Brecht-Einkehr

Der Dichter Bert Brecht hat sein Haus in Utting, in dem er mit Familie, Kollegen und Freunden, glückliche Sommertage verbrachte, Zeit seines Lebens nicht vergessen. Auch sein Gedicht „Zeit meines Reichtums“, das er ’34 im dänischen Exil schrieb, erinnert daran. Bis 1953 blieb das Haus mit der Adresse „Utting 100“ im Besitz der Familie Brecht. Ein Spaziergang zum Haus und eine „Einkehr mit Brecht“, die im Rahmen des Augsburger Brecht-Festivals am Sonntag stattfand, zeigte, dass nicht nur die Augsburger, die mit dem Sonderzug aus Brechts Geburtsstadt nach Utting kamen, sondern auch viele Uttinger den Dichter, der einst so gerne zu ihnen kam, nicht vergessen haben.

Zu den Uttinger Zeitzeugen gehört die 85-jährige Elisabeth Bartsch. Ihre Mutter half der Familie Brecht in Haus und Garten, und so lernte auch die kleine Elisabeth den „Herrn Brecht“ kennen, mit dessen Tochter Barbara sie so gerne spielte. „Er war ein berühmter Schriftsteller und immer sehr streng“, erinnert sie sich in der Straße Am Gries vor dem einstigen Sommerhaus. Doch was ihr auch im Gedächtnis geblieben ist, ist das herzliche Lachen des Dichters, nachdem Elisabeth den Sahnetopf leer gemacht hatte, der eigentlich für die Sonntagsgäste vorgesehen war. Richtig hinhören Nach dieser Begegnung konnte im Wittelsbacher Hof nach langem Stühlerücken aufgrund des großen Andrangs das Werk des Dichters aufleben: Es sei längst an der Zeit, so Florian Münzer zur Eröffnung der Brecht-Matinee alte „Rechts-links-Feindbilder“ aus der Zeit des kalten Krieges zu vergessen und hinzuhören, was der Dichter uns bis heute zu sagen habe. Dass dies eine Menge ist, konnten die Zuschauer in zwei unterhaltsamen Stunden feststellen: Bekannte Songs, wie die „Ballade von den Seeräubern“, „Die Moritat von Mackie Messer“ oder „Die Ballade vom Wasserrad“ gesungen von der Liedertafel oder von den mitreissenden Ginger Girls, gaben sich ein Stelldichein mit Tagebucheintragungen und Briefen des Dichters, zum Beispiel an seinen Schulfreund und späteren Bühnenbildner Caspar Neher: „Ich fange an zu arbeiten und mache was ich will“, schrieb ihm der junge Brecht 1918, der sich weder „Strindhügel“ noch „Wedebabies“ zum Vorbild nehmen wollte – geboren wurde stattdessen der „Baal“. Herzlich gelacht wurde bei dem von Karl Valentin inspirierten bayerischen Einakter „Er treibt einen Teufel aus“, den die Schauspieler der Seebühne als szenische Lesung präsentierten: Leidenschaftliche Jugendliebe, besorgte Eltern, Aberglaube und Kirchenmoral kommen sich darin zünftig ins Gehege. Dass die gesellschaftlichen Realität, die Brecht einst kritisierte, bis heute aktuell ist, wurde deutlich, als das Ensemble der Seebühne eine Szene aus „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ las. Darin deklamieren die Arbeiter der „Lennoxschen Fleischfabriken“: „Wir sind siebzigtausend Arbeiter in den Lennoxschen Fleischfabriken und wir können keinen Tag mehr mit so kleinen Löhnen weiterleben. Gestern wurde wieder hurtig der Lohn gesenkt und heut hängt schon wieder die Tafel aus: Jeder kann weg gehen, der mit unseren Löhnen nicht zufrieden ist“. Häufiger in Utting Erinnerungen an die beiden großen Brecht-Interpretinnen Helene Weigel und Therese Giehse wurden wach, während die Schauspielerin Julia Rahneberg Brecht-Gedichte , darunter auch das wohl bedeutendste Poem deutscher Exilliteratur „An die Nachgeborenen“, vortrug. Der Applaus zum Schluss war so groß, dass man eigentlich davon ausgehen müsste, den Herrn Brecht in Zukunft wieder häufiger in Utting anzutreffen…

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